Hamburg - Es war keine Rede, kein ausformulierter Vortrag. Saif al-Islam al-Gaddafi, Sohn des Machthabers Muammar al-Gaddafi, setzte sich in dunklem Anzug und Krawatte vor die Kamera und trug im Plauderton und gestenreich seine Einschätzung der Lage und seine Vision für Libyen vor.
Gleich zu Beginn machte er klar, dass er seine Ansprache nicht auf Hocharabisch halten werde, wie es die Norm wäre, sondern im libyschen Dialekt. Dies sollte offenkundig dem Zweck dienen, besonders authentisch zu wirken. Er hatte zudem vermutlich eher normale Libyer im Blick, die noch nicht Position in dem gegenwärtigen Konflikt bezogen haben und bei denen ein volksnaher Auftritt nach seinem Kalkül eventuell verfangen könnte.
Saif warnte vor einem Bürgerkrieg. Es gebe eine "Verschwörung" gegen das Land. Er beschuldigte reiche Geschäftsleute, Islamisten und Handelsorganisationen, arabische und afrikanische Ausländer angeworben zu haben, um die Revolte anzustacheln. Libyen solle in einzelne Einheiten zerschlagen werden, die nationale Einheit sei bedroht. Demonstranten hätten einige Militärstützpunkte und Panzer unter ihrer Kontrolle.
Oppositionelle im Ausland, so Saif, wollten eine Facebook-Revolution wie in Ägypten anzetteln. Doch Libyen sei nicht Tunesien oder Ägypten, betonte er immer wieder. Zugleich warnte er vor dem Einfluss anderer Länder auf das Land. "Den Libyern, die in Europa und den USA leben, geht es gut. Ihre Kinder gehen zur Schule. Diese Leute wollen, dass ihr kämpft. Danach wollen sie kommen und über uns und Libyen herrschen." Der Westen werde sich nicht vom libyschen Öl verabschieden, die Welt kein Chaos in Libyen erlauben.
"Mit aller Macht gegen Revolte verteidigen"
Die internationalen Angaben zu den Todeszahlen bezeichnete er als übertrieben. 14 Personen seien gestorben. Er bedaure ihren Tod. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch haben die Auseinandersetzungen dagegen 233 Menschen das Leben gekostet. Saif gab zu, dass schlecht ausgebildete Militärs und Polizisten im Umgang mit den Aufständen Fehler gemacht hätten. Die Truppen seien nicht vorbereitet gewesen, mit den Demonstranten zu kämpfen.
Am Montag wird laut Saif der Volkskongress tagen, um Reformen in Gang zu setzen und "ein neues Libyen zu schaffen". Er sagte aber auch, dass sich das Regime mit aller Macht gegen die Revolte verteidigen werde - bis zum letzten Mann. Die Armee sei loyal und bestens bewaffnet, sie sei von anderem Schlag als die Militärs in Tunesien und Ägypten. Sein Vater sei im Land und werde von der Armee unterstützt. Die Streitkräfte stünden hinter seinem Vater als dem "Führer in der Schlacht von Tripolis".
Zuvor war es nach Angaben des Nachrichtensenders al-Dschasira in der libyschen Hauptstadt zu Zusammenstößen zwischen Tausenden Gegnern und Anhängern von Muammar al-Gaddafi gekommen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, im Zentrum von Tripolis seien heftige Krawalle ausgebrochen. "Es gibt Unruhen solche hatten wir bis jetzt nicht", zitierte die Agentur einen Augenzeugen in der Stadt. Er befand sich etwa einen Kilometer vom "Grünen Platz" im Stadtzentrum. Weitere Augenzeugen berichteten von Schüssen und brennenden Autos.
Die Aufständischen warfen Steine gegen Plakatwände, auf denen Gaddafi zu sehen ist. Nach Augenzeugenberichten ging die Polizei in Tripolis mit Tränengas gegen die Demonstranten vor.
Bislang konzentrierten sich die Proteste von Regierungsgegnern auf den Osten des Landes, wo die Unterstützung für den seit 41 Jahren herrschenden Gaddafi von jeher geringer ist. Doch der Rückhalt für Gaddafi scheint insgesamt zu schwinden. Ein im schweizerischen Exil lebendes Mitglied des größten libyschen Stamms kündigte an, die Volksgruppe werde die Proteste unterstützen.
Das brutale Vorgehen gegen die Demonstranten könnte sich zudem auf die Ölwirtschaft des Landes auswirken. Der Führer des Al-Suwaija-Stamms im Osten des Landes drohte am Sonntag damit, die Ölexporte in westliche Länder zu stoppen, wenn das Regime die "Unterdrückung der Protestler" nicht beende, berichtete al-Dschasira.
Der Stamm lebt südlich der Stadt Bengasi, die besonders schwer von den Attacken auf Regimegegner betroffen war. Allein in Bengasi kamen am Sonntag einem Arzt zufolge mindestens 50 Menschen ums Leben. Akram al-Warfalli, ein Führer des al-Warfalla-Stamms aus der Gegend südlich von Tripolis, sagte al-Dschasira: "Wir sagen dem Bruder [Gaddafi, d. Red.], dass er nicht mehr unser Bruder ist." Gaddafi solle das Land verlassen.
Nachrichten dringen nur schleppend durch
In libyschen Oppositionskreisen macht am Sonntagabend das Gerücht die Runde, Gaddafi habe das Land verlassen, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Sohn Saif erklärte dagegen, sein Vater sei nach wie vor im Land und habe den Rückhalt der Armee.
Machthaber Gaddafi hat während seiner mehr als 40-jährigen Herrschaft immer wieder versucht, sich als Vorkämpfer einer arabischen Einheit zu profilieren. Nun aber ist die Bevölkerung der Region vereint im Aufbegehren gegen die Machthaber. Und Gaddafi lässt die Revolution mit aller Härte niederschlagen.
Innerhalb von zwei Tagen sollen in Libyen mindestens 200 Menschen gestorben sein. Unter Führung eines seiner Söhne ließ Gaddafi schwerbewaffnete Elitesoldaten auf die Demonstranten im Osten des Landes los, sogar auf Trauerzüge sollen sie geschossen haben.
Was trotz gekappter Internetverbindungen aus Libyen nach außen dringt, spricht dafür, dass der Aufstand trotz der staatlichen Gewalt anhält. In der Stadt Bengasi schloss sich ein Teil der Soldaten offenbar den Aufständischen an. Am Sonntagabend hieß es sogar, die zweitgrößte Stadt des Landes sei durch abtrünnige Soldaten von Gaddafi-treuen Truppen "befreit" worden. Überprüfen lassen sich solche Informationen derzeit nicht.
Der arabische Sender al-Dschasira berichtete von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Bengasi. Die Stadt habe sich in eine "Kriegszone" verwandelt, berichteten Augenzeugen. "Es ist ein riesiges Massaker, es ist einfach schrecklich", sagte ein Beobachter.
Längst kämpfen offenbar nicht mehr nur libysches Militär und Oppositionelle gegeneinander. In Al-Baidha im Osten des Landes sollen inzwischen auch bewaffnete Verbrecherbanden auf den Straßen unterwegs sein. Auch Soldaten aus dem Tschad, dem Senegal, Zentralafrika, Simbabwe und Sierra Leone sind angeblich an den Auseinandersetzungen beteiligt.
Eine Gruppe von 50 muslimischen Geistlichen appellierte an die libyschen Sicherheitskräfte, nicht auf Zivilisten zu schießen. Sie riefen alle Muslime im Regime auf, nicht auf Brüder oder Schwestern zu schießen. "Stoppt das Massaker jetzt", heißt es in der Mitteilung. Vor dem Obersten Gericht in der libyschen Hauptstadt Tripolis demonstrierten laut Augenzeugen Anwälte, Richter und Staatsanwälte gegen den Einsatz von Gewalt gegen Demonstranten.
Die Europäische Union forderte ein sofortiges Ende der staatlichen Gewalt gegen die Demonstranten. Die EU sei äußerst besorgt, sagte die Außenbeauftragte Catherine Ashton in Brüssel und forderte die libysche Regierung zu einem Dialog mit den Demonstranten über Reformen auf. "Wir rufen zu Zurückhaltung auf, wir verlangen, dass der Gewalt ein Ende gesetzt und ein Dialog eingeleitet wird." Auch dürften Internet- und Telefonverbindungen nicht mehr eingeschränkt werden, mahnte sie.
Nach Angaben eines EU-Mitarbeiters hat Libyen damit gedroht, die Zusammenarbeit mit der EU beim Stopp des Migrantenstroms aus Nordafrika aufzukündigen, wenn die Europäer weiter die libysche Protestbewegung unterstützten. Eine entsprechende Drohung habe der ungarische Botschafter in Tripolis erhalten, hieß es. Ungarn hat derzeit die EU-Präsidentschaft inne.
ulz/Reuters/dpa/AP
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