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Aufstand in Syrien: Regimegegner melden viele Tote nach Beschuss von Deraa

Artilleriebeschuss und heftige Kämpfe: Allein in den letzten 24 Stunden sind in Syrien nach Angaben von Beobachtern fast 90 Menschen getötet worden. Die Rebellen kämpfen inzwischen mit allen Mitteln - und schicken dafür auch Zivilisten ins Feuer.

AFP

Beirut/New York - Die Gewalt eskaliert und die Weltgemeinschaft sieht ohnmächtig zu. Allein in der Nacht zum Samstag sind bei einem Beschuss der südsyrischen Stadt Deraa der Opposition zufolge 17 Menschen getötet worden. Im Anschluss sei es zu Kämpfen zwischen der Armee und Rebellen gekommen, teilte die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte mit. In Deraa hatte der Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad von 15 Monaten begonnen.

Auch in der Hauptstadt Damaskus habe es in der Nacht Explosionen gegeben, berichtete die in Großbritannien ansässige Stelle, die sich auf ein Netz von Beobachtern in Syrien stützt. Zuvor hätten sich Rebellen und Sicherheitskräfte in der Stadt schwere Gefechte geliefert. Die Hauptstraße von Damaskus nach Deraa sei durch brennende Autoreifen blockiert. Insgesamt seien am Freitag im gesamten Land 44 Zivilisten getötet worden, die Hälfte davon in der Provinz Homs und in Damaskus. "Es ist der schwerste Beschuss seit Beginn der Revolution", sagte ein Aktivist im Viertel Chaldije. In den Provinzen Idlib, Damaskus, Deir al-Sor, Homs und Deraa seien auch 25 Soldaten ums Leben gekommen.

Angesichts der sich verschärfenden Gewalt in Syrien werden die Rufe nach einem härteren Vorgehen der internationalen Gemeinschaft lauter. Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan traf am Freitag mit US-Außenministerin Hillary Clinton zusammen, um Wege zu besprechen, wie sein Sechs-Punkte-Plan für einen Frieden in Syrien doch noch umgesetzt werden kann. Zuvor hatte er vor der UN-Vollversammlung erklärt: "Wir dürfen nicht zulassen, dass Massentötungen Teil des täglichen Lebens in Syrien werden." Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem akut drohenden Bürgerkrieg.

Geruch verbrannter Leichen

Uno-Beobachter hatten am Freitag in Syrien zum ersten Mal den Schauplatz eines mutmaßlichen Massakers mit fast 80 Todesopfern inspiziert. In Dorf Masraat al-Kubair sei definitiv ein schreckliches Verbrechen verübt worden, sagte eine Sprecherin der Beobachter, Sausan Ghosheh. Die Angaben der Bewohner seien widersprüchlich, daher müssten nun Namenslisten verglichen werden.

"Man kann den Geruch verbrannter Leichen riechen", erklärte Ghosheh. "Man kann auch im und um das Dorf Leichenteile sehen." Der BBC-Korrespondent Paul Danahar, der mit den Uno-Beobachtern unterwegs war, sprach von einem erschreckenden Bild in Masraat al-Kubair. "Sie haben die Menschen getötet, sie haben die Tiere getötet, sie haben nichts in dem Dorf am Leben gelassen", erklärte er.

Schwere Vorwürfe gegen Regierungsgegner

In dem Dorf kamen nach Angaben von Aktivisten 78 Menschen ums Leben, darunter Frauen und Kinder. Regierungsgegner machten Milizionäre der Shabiha verantwortlich, die der Regierung nahesteht. Die amtliche Nachrichtenagentur Sana berichtete dagegen, bewaffnete Terroristen hätten neun Frauen und Kinder getötet, bevor die Sicherheitskräfte eingegriffen und die Angreifer erschossen hätten. "Das Massaker war ein Kriegsverbrechen, das international untersucht werden muss", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU) der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Samstag.

Angesichts der andauernden Gewalt wird es auch zunehmend schwieriger, zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden. So erhob ein britischer Journalist schwere Vorwürfe gegen die syrischen Rebellen. Sie hätten ihn in der Nähe der libanesischen Grenze in eine Falle gelockt, damit er von syrischen Regierungstruppen erschossen würde, erklärte der Chefkorrespondent von "Channel 4 News", Alex Thomson, in seinem Blog. "Tote Journalisten sind nicht gut für Damaskus", schrieb er.

Zu dem Zwischenfall kam es nach Angaben von Thomson am Montag in der syrischen Stadt Kusair, etwa eine halbe Stunde Fahrt von Homs entfernt. Er, sein Fahrer, ein Dolmetscher und zwei weitere Journalisten wollten hinter die Regierungslinien zurückkehren, als die Rebellen sie in eine Sackgasse geführt hätten. Ein Schuss sei gefallen. Dies sei kein Versehen gewesen, erklärte Thomson. "Ich bin sicher, dass die Rebellen das bewusst arrangiert haben, damit wir von der syrischen Armee erschossen werden", schrieb er. Dem Wagen gelang die Flucht. Thomson hat Syrien inzwischen verlassen.

mik/Reuters/dapd

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1.
skell100 09.06.2012
Zitat von sysopAFPArtilleriebeschuss und heftige Kämpfe: Allein in den letzten 24 Stunden sind in Syrien nach Angaben von Beobachtern fast 90 Menschen getötet worden. Die Rebellen kämpfen inzwischen mit allen Mitteln - und schicken dafür auch Zivilisten ins Feuer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837871,00.html
Sollten nicht erst mal die Rebellen zu dem Vorfall mit dem Journalisten befragt werden? Deren Verlautbarungen waren doch bisher maßgebend für Syrien-Beiträge in deutschen Medien. Und die Rebellen bzw. die demokratische Opposition sehen die Sache bestimmt ganz anders. Also nicht immer so schnell sein, SPON!
2.
Schraube 09.06.2012
Bisher haben wir zumeist die Darstellungen der bewaffneten Opposition gehört bzw. per Internet-Upload gesehen. Wenn nun unabhängige Journalisten berichten, wird die Nachrichtenlage selbstverständlich heterogener.
3. 1. Massnahme
seine-et-marnais 09.06.2012
Zitat von sysopAFPArtilleriebeschuss und heftige Kämpfe: Allein in den letzten 24 Stunden sind in Syrien nach Angaben von Beobachtern fast 90 Menschen getötet worden. Die Rebellen kämpfen inzwischen mit allen Mitteln - und schicken dafür auch Zivilisten ins Feuer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837871,00.html
1. Massnahme fuer eine Beruhigung in Syrien: Obama schickt seine Aussenministerin Hilary Clinton 'in die Wueste'. 1. Massnahme zur Bewaeltigung der Euro- und Wirtschaftskrise: die USA fuehren wieder die Trennung von Spar- und Investitionsbanken ein die von Bill Clinton abgeschafft wurde. Dieses Recknedpaerchen aus Arkansas ist eine wahre Plage fuer die gesamte Menschheit.
4.
Beute 09.06.2012
Noch einmal - zum mitschreiben. Das sind keine Rebellen oder Aktivisten - es sind einfach nur fremdfinanzierte Terroristen und Verbrecher.Das Beispiel mit dem englischen Journalisten zeigt endlich einmal wie diese Verbrecher arbeiten. Einem Briten wird man hoffentlich mehr glauben als diesen Verbrecherbanden.
5.
c.werner 09.06.2012
Zitat von SchraubeBisher haben wir zumeist die Darstellungen der bewaffneten Opposition gehört bzw. per Internet-Upload gesehen. Wenn nun unabhängige Journalisten berichten, wird die Nachrichtenlage selbstverständlich heterogener.
In einem Land wie Syrien ist das sicher kein Problem. Meinungs- und Pressefreiheit gehören dort zu den Grundpfeilern des Assad-Regimes.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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