Aufstand in Syrien Assad entlässt Gouverneur der Unruheprovinz

Nach dem Vorbild anderer arabischer Länder wird auch in Syrien der Ruf nach mehr Freiheit immer lauter. In der südlichen Provinz Dar'a gingen Oppositionelle am dritten Tag in Folge auf die Straße. Staatschef Assad feuerte den zuständigen Gouverneur.


Damaskus/Beirut - Die Protestwelle in Syrien nimmt an Wucht zu: Mehr als 10.000 Menschen protestierten Anwohnern zufolge am Sonntag im südsyrischen Dar'a für das Ende des 48 Jahre währenden Ausnahmezustands. "Wir sind vernarrt in die Freiheit", riefen sie, als sie am dritten Tag in Folge gegen das Regime protestierten. Erneut gingen die Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Nach Angaben eines Bürgerrechtlers schossen sie mit scharfer Munition und setzten Tränengas ein, mehr als hundert Menschen seien verletzt worden.

In den vergangenen Tagen hatten die Sicherheitskräfte in Dar'a immer wieder mit Gewalt regierungskritische Demonstrationen aufgelöst. Am Freitag wurden dabei nach Angaben von Menschenrechtlern vier Menschen erschossen. Am Samstag griffen die Sicherheitskräfte demnach bei der Beerdigung von zwei Opfern mit Tausenden Teilnehmern wieder gewaltsam ein, verletzten mehrere Menschen und nahmen Dutzende fest.

In Syrien, das von Präsident Baschar al-Assad mit eiserner Hand regiert wird, hatte es zuvor - anders als in anderen arabischen Ländern - noch keine größeren Proteste gegeben. Insgesamt waren am Freitag in der Hauptstadt Damaskus, in Homs, Aleppo, Deir al-Sor und Dar'a mehrere tausend Menschen auf die Straße gegangen, um Freiheitsrechte und ein Ende der Korruption zu fordern.

Gouverneur von Dar'a geschasst

Das Regime schien am Sonntag zu versuchen, einen konzilianten Ton anzustimmen: 15 inhaftierte Kinder, die nach dem Vorbild der Volksaufstände in Tunesien und Ägypten Freiheitsparolen auf Wände geschrieben hatten, wurden wieder freigelassen. Das bestätigte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur dpa.

Präsident Assad entließ außerdem den Gouverneur der Provinz Dar'a, Faisal Kulthum. Der Funktionär habe "krasse Fehler beim Umgang mit Protesten in der Region" begangen und sei "auf Bitten der Bevölkerung von Dar'a" seiner Pflichten enthoben worden, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Sana am Sonntag. Auch besuchten laut Augenzeugen Behördenvertreter die Angehörigen der Getöteten und stellten eine Bestrafung der Verantwortlichen für die Anwendung von "unverhältnismäßiger und tödlicher Gewalt" in Aussicht.

Menschenrechtler: Exzessiver Einsatz von Gewalt

Die US-Regierung hatte die Gewalt vom Freitag scharf kritisiert und die Regierung in Damaskus aufgerufen, den Menschen das Recht auf friedliche Demonstrationen einzuräumen. Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte die Gewalt. Am Samstag erklärte er in Berlin, er sehe die Berichte über die gewaltsame Niederschlagung von Demonstrationen mit "großer Sorge". Grundlegende Menschen- und Bürgerrechte sowie rechtsstaatliche Prinzipien müssten "gewahrt und geschützt" werden.

Syrische Menschenrechtsorganisationen sprachen am Sonntag von einem ungerechtfertigten und exzessiven Einsatz von Gewalt. Die Vorfälle vom Freitag müssten umgehend aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Auch in Damaskus, der im Westen des Landes gelegenen Stadt Banijas und in der Stadt Homs seien Demonstrationen aufgelöst worden.

abl/dpa/AFP/Reuters



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