Aufstand in Syrien Assad verliert wichtigen Gefolgsmann

Der Generalstaatsanwalt der syrischen Oppositionshochburg Hama ist offenbar zurückgetreten. In einem Video beschuldigt er das Regime, Hunderte Menschen getötet und verscharrt zu haben. Laut staatlichen Medien ist der Mann entführt worden - er selbst dementiert das.

Ex-Staatsanwalt Bakkour: Rücktritt aus Protest gegen das Regime

Ex-Staatsanwalt Bakkour: Rücktritt aus Protest gegen das Regime


Amman - Das YouTube-Video zeigt einen grauhaarigen Mann in einem grauen Anzug vor einer weißen Wand. Er sitzt an einem Schreibtisch, neben ihm eine riesige Grünpflanze. Laut der Nachrichtenagentur Reuters und der britischen Zeitung "Telegraph" soll es sich dabei um den bisherigen Generalstaatsanwalt der syrischen Stadt Hama handeln, Adnan Mohammed al-Bakkour. In dem Video erklärt er seinen Rücktritt - aus Protest gegen das gewaltsame Vorgehen der Regierung.

Kurz vor einer Militäroffensive Ende Juli sollen Bakkour zufolge im Gefängnis von Hama 72 Demonstranten und Aktivisten umgebracht worden sein. Mindestens 420 weitere Menschen seien später getötet und in Massengräbern in öffentlichen Parks verscharrt worden. Bakkour spricht in dem Video von "brutalen Praktiken des Regimes gegenüber friedlichen Demonstranten".

Bakkours Rücktritt wäre eine weitere Distanzierung eines hochrangigen Staatsangestellten im seit fünf Monaten andauernden blutigen Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad. Staatliche syrische Medien berichten, der Generalstaatsanwalt sei von bewaffneten Gruppen entführt worden. "Die Kidnapper haben den Generalstaatsanwalt dazu gezwungen, falsche Informationen zu verbreiten", heißt es dort.

In dem von Aktivisten verbreiteten Video dementiert Bakkour das jedoch als vollkommen falsch. "Ich stehe unter dem Schutz aufständischer Bürger, und es geht mir gut", sagte er. "Ich werde weitere Erklärungen abgeben, wenn ich Syrien in Kürze verlassen haben werde."

Wie lang hält Assads Diktatur?

Offenbar gibt es weitere Hinweise für erste Auflösungserscheinungen des Regimes. Die Protestbewegung meldete am Donnerstag heftige Kämpfe zwischen desertierten Soldaten und Angehörigen einer Regierungsmiliz in der Stadt Deir al-Sor nahe der irakischen Grenze. Mehrere Mitglieder der sogenannten Schabiha-Miliz seien verwundet worden, hieß es.

Hama liegt rund 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Damaskus und gilt als Hochburg des Widerstands. Eine Überprüfung der Berichte aus Syrien ist kaum möglich, weil die Regierung ausländische Journalisten ausgewiesen hat. Hama war einer der ersten Orte, in dem das Militär zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan eine Offensive gegen Oppositionelle eingeleitet hat.

Wie viele Menschen seit Beginn des Aufstands Mitte März getötet wurden, kann bislang niemand genau sagen. Menschenrechtler gehen jedoch von mehr als 2200 Toten aus. Hunderte von Menschen werden von ihren Angehörigen vermisst. Es gibt schon lange Gerüchte über Folter und Massengräber.

ler/Reuters/dpa

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nesmo 01.09.2011
1. Wenn
der Aufstand in Libyen, trotz Unterstützung der Nato, 50.000 Tote gekostet haben soll, wieviel mehr Tote wird es dann in Syrien geben, wenn die Aufständischen auf sich allein gestellt die Diktatur besiegen müssen? Die Entwicklung zeigt, dass auch in Syrien auf Dauer die Diktatur untergehen wird. Auch ohne Unterstützung von außen. Aber eigentlich sind die Kräfteverhältnisse so, dass die Rebellen dort viel mühsamer ihre Freiheit erkämpfen müssen. Kommt es dort zuvor zu den Massakern des Diktators, die die Luftangriffe in Benghazi verhindern konnten?
Drachensinger 01.09.2011
2. Hochmut
Was sind das für Menschen die glauben das Recht zu haben ihre Mitbürger einfach zu toten. Hier zeigt sich die Grausamkeit derjenigen die an der Macht kleben und diese um jeden Preis verteidgen. Das ist das Spiel der Macht, egal wer oder wo der Mächtige ist, sie verteidigen ihre Macht um jeden Preis. Recht, Gesetz oder Moral spielen dabei keine Rolle.
alnemsi 01.09.2011
3. Friedliche Demonstranten mit Maschinengewehren.
Möglicherweise hat der Verfasser des Artikels eine legasthenische Veranlagung, oder aber es gibt keinen einzigen arabischsprachigen Mitarbeiter in der Redaktion. Die Stadt nahe der irakischen Grenze heißt nicht "Dair as-Saur" und auch nicht "Deir al-Sor". Wie kann es so schwer so sein, korrekt von Landkarten abzuschreiben, und weshalb ändert man die Schreibweise alle paar Tage? Bei der Transkription eines arabischen Wortes entscheidet man sich beim ersten Mal, wie genau man es im Deutschen buchstabiert. Offensichtlich hat die Redaktion so etwas nie zuvor getan. Schlechtes Zeichen. Die Entführung des Anwaltes wurde übrigens schon vor 2 Tagen von SANA bekannt gegeben, nun so zu tun, als wäre diese Mitteilung eine Reaktion auf das Video ist schlichtweg falsche Berichterstattung.
dani216 01.09.2011
4. Assad
Assad ist genau so am Ende wie Gaddafi. Er weiß es offensichtlich nur noch nicht oder will es nicht wahrhaben. Diese Despoten sind irgendwie alle gleich. Ihr Volk bedeutet ihnen gar nichts.
Bhur Yham, 01.09.2011
5. Entweder konsequent oder inkonsequent, aber nicht dieses dauernde Geschwanke
Zitat von sysopDer Generalstaatsanwalt der Rebellen-Hochburg Hama ist offenbar*zurückgetreten: In einem Video*beschuldigt er das Regime,*Hunderte Menschen getötet und verscharrt zu haben. Laut staatlichen Medien ist der Mann*entführt worden. Er selbst dementiert das. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,783758,00.html
Wenn schon von "Rebellen"hochburg die Rede ist, wieso läuft dann Assad weiter unter "Staatsoberhaupt" oder "Präsident"? Hier sollte schleunigst der gültige Spon-Terminus "Tyrann" verwendet werden (schon wegen der Tyrannen-Gattin, ist viel schöner als Präsidenten-Gattin).
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