Aufstand in Syrien Assads Schergen jagen Zivilisten in Homs

Die Schergen von Diktator Assad nehmen in der Widerstandshochburg Homs viele Zivilisten fest. In dem Viertel Bab Amr gibt es keinen Widerstand mehr. Die Anführer des Aufstands konnten sich angeblich in Sicherheit bringen.

Syrische Freiheitskämpfer in Homs: Assads Schergen haben die Jagd eröffnet
REUTERS

Syrische Freiheitskämpfer in Homs: Assads Schergen haben die Jagd eröffnet


Damaskus/Istanbul - Zusammen mit Soldaten geht die "Sicherheitsbehörde" in der Stadt Homs gegen Aufständische vor. Mit Widerstand im Viertel Bab Amr haben sie nicht mehr zu rechnen, nachdem sich die Rebellen von dort zurückgezogen haben. Am Freitag soll der Geheimdienst bereits eine große Anzahl Zivilisten festgenommen haben. Das meldete der Nachrichtensender al-Arabija unter Berufung auf Aktivisten.

Doch bei der Razzia in der Widerstandshochburg konnten angeblich alle Anführer der Aufständischen entkommen. Das wurde zumindest in den Foren der Oppositionellen berichtet. Mit Kameras ausgestattete Journalisten, das medizinische Personal der Behelfsklinik des Viertels und die Deserteure hätten rechtzeitig fliehen können. Auch Oberstleutnant Abdul Rasak Tlass, der Kommandeur einer Brigade von Deserteuren, habe fliehen können. Die Regierungstruppen hatten das seit rund drei Wochen belagerte Viertel am Donnerstag gestürmt.

Die Aktivisten veröffentlichten außerdem zwei Videos, in denen angeblich gezeigt wird, wie die bei einem Angriff auf Bab Amr getötete US-Reporterin Marie Colvin und der französische Fotograf Remi Ochlik am vergangenen Montag nachts in einem Garten beerdigt wurden. Ein Arzt der Behelfsklinik des Viertels, der auch in einem Video mit der verletzten französischen Journalistin Edith Bouvier aufgetaucht war, hält eine Art Grabrede auf die beiden.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana behauptete am Freitag, die Leichen der getöteten Ausländer seien entdeckt worden. Allerdings ist in der Sana-Meldung von drei Leichen die Rede. Der dritte angeblich getötete Journalist - der Spanier Javier Espinosa - hatte Syrien jedoch diese Woche in Richtung Libanon verlassen.

Der türkische Geheimdienst hat einem Zeitungsbericht zufolge die geplante Entführung ranghoher Militärvertreter der syrischen Opposition verhindert. Eine Frau und ein Mann aus Syrien seien in der Grenzprovinz Hatay als Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes festgenommen worden, berichtete die türkische Zeitung "Sabah".

Hilfskonvoi nach Homs unterwegs

Ihnen werde vorgeworfen, die Verschleppung von Oberst Riad al-Asaad, dem Kommandeur der Freien Syrischen Armee, sowie weiterer desertierter Offiziere aus dem Flüchtlingslager Apaydin vorbereitet zu haben. Bei den Festgenommenen seien Unterlagen und amtliche Dokumente gefunden worden. Sie sollen demnach wegen Spionage angeklagt werden. Das türkische Außenministerium wollte sich am Freitag auf Anfrage aber nicht zu dem Bericht äußern.

Ein Hilfskonvoi brach am Freitag von Damaskus aus nach Homs auf. Der gemeinsame Transport des Roten Kreuzes und seiner Schwesterorganisation Roter Halbmond werde schon bald in der Widerstandshochburg erwartet, sagte ein Sprecher des Internationale Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf der Nachrichtenagentur Reuters.

Sieben Lastwagen brächten Lebensmittel und Medikamente in die seit Wochen heftig umkämpfte Stadt. Allerdings behindere Schnee den Transport. Das IKRK hoffe, dass die Lkw auch nach Bab Amr fahren dürften. Die Organisation hatte am Donnerstag von den syrischen Behörden grünes Licht für den Hilfskonvoi erhalten. Bedürftige könnten nach IKRK-Angaben auch in Sicherheit gebracht werden.

Putin kritisiert den Westen

Die Diakonie Katastrophenhilfe warnt vor einer weiteren Verschlechterung der Lage für die notleidende syrische Zivilbevölkerung. "Wenn sich der Konflikt weiter zuspitzt, droht ein großer Flüchtlingsstrom und eine humanitäre Katastrophe", sagte Direktorin Cornelia Füllkrug-Weitzel der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Es wäre ein großes Wunder, wenn kein Krieg ausbreche. "Alles entwickelt sich in diese Richtung."

Aktuellen Berichten zufolge fliehen bereits jetzt immer mehr Familien vor den Kämpfen in die Nachbarländer. Aus dem Norden und dem Zentrum des Landes seien die Türkei und der Libanon am schnellsten zu erreichen, die Flucht aus dem Süden führt am ehesten nach Jordanien.

Aus Protest gegen die anhaltende Gewalt gegen Regierungskritiker schließt Frankreich seine Botschaft in Damaskus. Dies kündigte Präsident Nicolas Sarkozy am Freitag beim EU-Gipfel in Brüssel an. Das Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte sei ein "Skandal". Den Botschafter hatte Frankreich bereits Anfang Februar aus Syrien zurückgezogen.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind in Syrien seit Beginn der Proteste gegen das Assad-Regime im März vergangenen Jahres mehr als 7500 Menschen ums Leben gekommen. "Man muss jetzt noch versuchen, das Ganze politisch zu lösen", sagte Füllkrug-Weitzel, "aber ich habe wenig Hoffnung, dass dies gelingt."

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin kritisierte die Haltung des Westens beim Aufstand in Syrien. Er rief den Westen auf, die syrische Opposition nicht länger in ihrem Kampf gegen die Regierung in Damaskus zu unterstützen. Sowohl die syrischen Streitkräfte als auch die Kämpfer der Opposition müssten sich aus den Städten zurückziehen, um das Blutvergießen zu beenden, forderte Putin am Freitag. Dass der Westen das nicht von der Opposition fordere, habe zur Eskalation beigetragen. Beide Seiten müssten einen Dialog beginnen, forderte Putin. Das werde aber so lange nicht der Fall sein, wie der Westen sich auf die Seite der Opposition stelle.

als/dpa/dapd/AFP



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Seite 1
CommonSense2006 02.03.2012
1. Tlass noch am Leben?
Im Artikel wird berichtet, dass Abdarrazak Tlass noch am Leben sei, der ist aber bereits am 09.02. als gefallen gemeldet worden: Mort d'Abderrazak Tlass à Homs 09.02.12.flv - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=u6zqLxtPXmU) Zugegebenermaßen ist der Sender eher regierungsfreundlich, aber soweit ich weiß, hat bisher niemand dieser Darstellung widersprochen. Jetzt taucht der gute Mann auf einmal wieder auf? Eher seltsam...
ostborn 02.03.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSDie Schergen von Diktator Assad nehmen in der Widerstandshochburg Homs viele Zivilisten fest. In dem Viertel Baba Amr gibt es keinen Widerstand mehr. Die Anführer des Aufstandes konnten sich angeblich in Sicherheit bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818798,00.html
Klar doch. Die sitzen in London.
hansklauspeter 02.03.2012
3. ...
Zitat von CommonSense2006Im Artikel wird berichtet, dass Abdarrazak Tlass noch am Leben sei, der ist aber bereits am 09.02. als gefallen gemeldet worden: Mort d'Abderrazak Tlass à Homs 09.02.12.flv - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=u6zqLxtPXmU) Zugegebenermaßen ist der Sender eher regierungsfreundlich, aber soweit ich weiß, hat bisher niemand dieser Darstellung widersprochen. Jetzt taucht der gute Mann auf einmal wieder auf? Eher seltsam...
Durchaus vorstellbar, dass man in der Situation aus taktischen Gründen nicht widersprochen hat. Manchmal ist es besser wenn jemand für tot gehalten wird. Mal davon ab ist die Informationslage sowieso recht schwierig, theoretisch kann jeder sagen was er will und Leute für tot erklären, einigen wird es kaum möglich sein glaubwürdig das Gegenteil zu erklären.
lifeguard 02.03.2012
4.
Zitat von sysopREUTERSDie Schergen von Diktator Assad nehmen in der Widerstandshochburg Homs viele Zivilisten fest. In dem Viertel Baba Amr gibt es keinen Widerstand mehr. Die Anführer des Aufstandes konnten sich angeblich in Sicherheit bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818798,00.html
in homs hat sich das wiederholt, was vor 1 jahr in zawyia geschah, eine stadt, die sturmreif geschossen wurde. regierungstruppen machen jagd auf jeden, der als gegner angesehen wird. nur damit wird der krieg nicht enden. er wird sich in den untergrund verlagern.
rod 02.03.2012
5. Vergleich
Zitat von lifeguardin homs hat sich das wiederholt, was vor 1 jahr in zawyia geschah, eine stadt, die sturmreif geschossen wurde. regierungstruppen machen jagd auf jeden, der als gegner angesehen wird. nur damit wird der krieg nicht enden. er wird sich in den untergrund verlagern.
Jetzt können wir die beiden Ergebnisse in Libyen mit denen in Syrien vergleichen. Ich schlage folgende Kriterien vor: - Anzahl der Toten (egal ob Absolut oder in Prozentszahl) - Zustand des Landes - ... Welche Situation ist menschenfreundlicher?
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