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15. Juni 2009, 12:57 Uhr

Aufstand in Teheran

"Betet für uns!"

Aus Teheran berichtet

Längst geht es nicht mehr nur um Wahlbetrug: Die Aufständischen in Iran kämpfen zunehmend für einen Regimewechsel. Mit äußerster Brutalität versucht die Staatsmacht, den Proteststurm aufzuhalten. Doch das Volk hält dagegen - mit dem Mut der Verzweiflung.

Es ist ein Ruf, der wie ein nicht verklingendes Echo über der dunklen Stadt liegt. "Ahmadi Diktator" schallt es tausendfach von Teherans Dächern, springt von Straße zu Straße, von Stadtteil zu Stadtteil. "Allahu Akbar" kommt die Antwort: Dies ist ein Aufstand im Namen der Freiheit, der Demokratie, aber auch im Namen des Islam. Es ist die dritte Nacht seit der Wahl in Teheran. Die Menschen haben ihren Protest auf die Dächer ihrer Häuser verlegt.

Denn auf den Straßen herrscht Krieg.

Doch der Reihe nach: Zuerst schlägt an diesem Sonntag noch die Stunde des Siegers. Ein selbstsicherer Mahmud Ahmadinedschad stellt sich der Presse, den Protest wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs am Freitag redet er klein. Bei einer Jubelfeier im Zentrum Teherans huldigen Zehntausende Iraner ihrem wiedergewählten Präsidenten.

Danach geht es los.

Aufgepeitscht von der Rede ihres Idols ziehen Tausende Ahmadinedschad-Anhänger in eine staatlich abgesegnete Schlacht. Bewaffnet sind sie mit schweren Motorradschlössern, Holzlatten, Knüppeln. Dirigiert wird der Mob von der Geheimpolizei, die den Zug auf Motorrädern begleitet. Sie ziehen nach Norden, gegen die Anhänger des unterlegenen Hossein Mussawis.

Immer wieder lösen sich Pulks aus der Masse der Männer. Sie prügeln, wen immer sie für verdächtig halten. Häuser werden gestürmt, blutende Opfer herausgezogen. Es ist Jagdzeit.

Polizei, Geheimdienst, Revolutionsgarden, jetzt auch Schlägertrupps aus Freiwilligen: Mit allen Mitteln kämpft das Regime gegen die anhaltenden Proteste in Iran. Der Aufruhr soll so schnell wie möglich erstickt werden, denn er droht, den Machthabern gefährlich zu werden. Längst geht es nicht mehr nur um den mutmaßlichen Wahlbetrug, den die Opposition anprangert. Die Menschen begreifen das Geschehene als Staatsstreich, mit dem sich die Hardliner die Macht im Staat sichern wollen.

"Nieder mit der Diktatur" ist deshalb zum Schlachtruf des Protests geworden. Das Wort von einer neuen Revolution, diesmal gegen die Ajatollahs, macht die Runde. "Ohne Neuwahlen gibt es Bürgerkrieg", immer wieder hört man diese Sorge, diese Warnung.

Dass der Protest zum Flächenbrand geworden ist, scheint offensichtlich. Wo vom Staat Blackout-Politik betrieben wird, dienen die weit verzweigten Familien Irans als alternative Informationsquellen. Verwandte zuverlässiger Informanten berichten von Aufständen in den Millionenmetropolen Schiraz, Isfahan, Tabris, von Zusammenstößen in der Wüstenstadt Yaz, in der Ölstadt Ahwaz, in den Nord- und Westprovinzen. In Teheran ist die Vali-Asr-Straße zur Hauptschlagader des Protests geworden. Tausende sammeln sich entlang der Bürgersteige, Hupkonzerte dröhnen, Schlachtrufe schallen.

Dann rennt alles: Die Motorradstaffeln der Revolutionsgarden rauschen heran, knüppeln um sich, dreschen mit Ketten auf die Flüchtenden ein, schlagen Scheiben ein. Die Masse weicht in die Seitenstraßen aus, die Garde verschwindet zum nächsten Brennpunkt.

Minuten später ist die Menge zurück auf der Straße. Das trotzige Kräftemessen beginnt von vorn.

Die Sicherheitskräfte agieren brutal, weil sie die Lage nicht mehr im Griff haben

Gesicherte Zahlen über Verletzte, über Tote gibt es nicht. Es dürften Hunderte sein, die seit Ausbruch der Gewalt am Samstag verwundet wurden. In der hochmodernen Tagesklinik an der Vali-Asr-Straße gibt ein sichtlich eingeschüchterter Chefkrankenpfleger nur widerwillig Auskunft. Acht Verletzte hätten sich allein in der vergangenen Stunde ins Hospital geschleppt, sagt er. Die Ärzte arbeiteten in Doppelschichten, vor allem die Chirurgen seien im Dauereinsatz, um Brüche zu behandeln.

An den Glastüren der Notaufnahme leuchten grüne Farbflecken: Immer wieder flüchten sich Demonstranten in die Klinik, die Polizei versucht sie mit Farbe zu markieren, so dass der nächste Schlägertrupp sie als Feind erkennt. Ins Krankenhaus verfolgt habe die Garde die Menschen bislang nicht, sagt der Chefpfleger. Er lügt, vermutlich aus Angst. Kurz zuvor hatten die Damen am Empfang berichtet, die Uniformierten hätten ihre Opfer bis auf die Krankenhausflure verfolgt.

Irgendwann gerät auch die Menschentraube, in der ich stehe, ins Visier der Gardisten. Mit hassverzerrten Gesichtern kommen sie kettenschwingend auf uns zu, drohen, uns mit ihren Crossbikes zu rammen. Rechts und links werden Flüchtende niedergeknüppelt. "Macht, dass Ihr wegkommt", schreien die Männer auf Arabisch.

Nach Berichten des Senders "Voice of America" sollen bis zu 5000 libanesische Kämpfer der Hisbollah-Miliz dem Regime beim Showdown zur Hand gehen.

Wer die Szenen erlebt, die sich in Teheran abspielen, muss zu einem Schluss kommen: Die Sicherheitskräfte sind auch deshalb so brutal, weil sie die Lage nicht mehr im Griff haben. Es wirkt, als hätten sie große Teile des Volkes gegen sich. Wer sich nicht auf die Straße traut, unterstützt den Protest mit praktischer Hilfe. Frauen reichen Wasserflaschen aus den Häusern, vor allem aber öffnen sie Flüchtenden die Türen.

"Ich habe ein paar Demonstranten im Keller versteckt", ruft eine Frau vom Balkon herab. Sekunden später brauche auch ich einen Unterschlupf. Eine Einheit zu Fuß nimmt in einer Seitenstraße die Verfolgung auf. Alles rennt, dann öffnet sich eine Haustür. "Schnell, schnell, rein mit Euch", sagt ein Mann, fünf, sechs Menschen flüchten sich in sein Apartment im Erdgeschoss. Sofort alle Lichter aus, in die Ecken hocken, weg von einem möglichen Splitterregen. Jetzt bloß kein Mucks. "Sofort rauskommen", brüllen die Männer draußen. Irgendwo gehen Scheiben zu Bruch, Stiefel treten gegen Türen. Schüsse hallen, ob Farbpistolen oder Tränengas ist nicht auszumachen. Nur das graue Perserkätzchen unserer Retter hat keine Angst: Es turnt über den Billardtisch, der mitten im Wohnzimmer steht.

Es dauert bange zehn Minuten, dann ziehen die Gardisten weiter. Ein Gespräch im Flüsterton kommt in Gang: Wie es der Zufall will, haben meine Gastgeber 15 Jahre lang in Frankfurt gelebt. "Schreib alles, was Du siehst. Schreib, dass die Menschen es satt haben", sagt Nadia. Sie ist sich sicher, dass der Aufstand Erfolg haben könnte, wenn er nur endlich besser organisiert wäre.

"Die Leute protestieren jetzt wegen Mussawi, aber sie wollen das ganze System wegschieben", sagt ihr Bruder A. J. über den Krieg vor seiner Haustür. Beide geben nur ihre Spitznamen an, sie haben Angst, erkannt zu werden.

Inzwischen ist ein Nachbar von einer Erkundungstour zurück. Er hat Scherben in der Hand. Es waren die Scheiben seines Autos, die die Gardisten eingeschlagen haben. Beim Haus gegenüber wurde die Tür eingetreten.

Die Teheraner zahlen einen hohen Preis für ihre Solidarität. "Scheißleben", kommentiert A. J. die Unruhen. "Vor 15 Jahren sind wir nach Teheran zurückgekehrt, bis vor zwei, drei Tagen haben wir es nie bereut", sagt der 33-Jährige. Jetzt könnten sie gleich nach Afghanistan gehen, zu den Taliban, witzelt er.

Am Montag um vier Uhr nachmittags soll der Versuch gemacht werden, den Protest in geordnete Bahnen zu lenken, Mussawis Leute haben zu einer zentralen Protestkundgebung aufgerufen. Nadia vermutet, dass es am Dienstag einen Generalstreik geben soll. Ihr Bruder wiegelt ab: Das werde alles nichts bringen. "Das geht noch ein paar Tage so weiter, dann wird scharf geschossen, und die Sache ist beendet", sagt er.

Nach einer Stunde ist es Zeit zu gehen. Der Abschied ist herzlich aber beklommen.

"Bete für uns", sagt Nadia. "Wir werden es brauchen."

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