Aufstand in Thailand Bangkok fürchtet ein Blutbad

Thailands Hauptstadt steht vor der Entscheidungsschlacht ums Geschäftsviertel. Bis 15 Uhr sollten alle Besetzer den Platz geräumt haben - doch die weigern sich. Bangkok ist in einer Spirale der Gewalt gefangen: Nun droht ein Massaker.

Aus Bangkok berichtet Thilo Thielke


Bangkok am Montagmorgen. Es ist still, gespenstisch still in der sonst so quirligen Stadt. Der Premierminister hat den Tag und auch den Dienstag zu Urlaubstagen erklärt, eine Woche lang sollen rund 400 Schulen geschlossen bleiben. Der Verkehr fließt spärlich, Staus gibt es kaum. Nur da, wo sich die martialischen Soldaten mit ihren M-16-Sturmgewehren postiert haben und Verkehrskontrollen durchführen, bilden sich Autoschlangen.

Der Stadt stockt der Atem; zur Ruhe aber kommt sie nicht. Auf den Barrikaden der Besetzer flattern immer noch die roten Fahnen. Bis Montagmittag 15 Uhr Ortszeit sollten sie den Platz geräumt haben, alle Frauen und Kinder erhalten freies Geleit, alle Männer müssen sich registrieren lassen. So sagte es die Regierung. Doch es waren nur ein paar Anwohner mit Louis-Vuitton-Täschchen, kleinen Rollkoffern und Business-Anzügen, die schon so früh über die Absperrung springen. Von Soldaten, Polizisten war hier an den Palisaden nichts zu sehen, die sind weit weg. Die Situation ist nach dem Ablauf des Ultimatums unklar.

Seit Tagen verkündet Premierminister Abhisit Vejjajiva, seine Armee habe die Besetzer, die er beharrlich "Terroristen" nennt, eingekesselt - und denen ginge nun die Nahrung aus. Doch Abhisit weiß offenbar nicht mehr, was in seiner Stadt vorgeht. Er selbst hat sich in einer Kaserne versteckt und wagt sich kaum heraus. Da verliert man schnell den Überblick.

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Armee gegen Rothemden: Kampf um Bangkok
Hinter den Befestigungsanlagen aus Bambusstöcken, Stacheldraht und Reifen nämlich gibt es immer noch zu verköstigen, was des Aufrührers Herz begehrt. Hier brutzeln Hähnchen auf dem Grill, dort verteilt der "Pattaya City Democracy Club" kostenlos "Beef Salat" mit Reis, an Getränken kann man wählen zwischen Wasser, Brause aller denkbaren Geschmacksrichtungen oder Nescafé. Wenn Aushungern das Regierungsziel sein sollte, kann die Belagerung ewig dauern.

Katz-und-Maus-Spiel in Bangkok

Dennoch ist unübersehbar, dass sich die Reihen der Regierungsgegner auf dem Hauptplatz des Protests gelichtet haben. Möglicherweise spielen sie aber mit den Ordnungskräften nur Katz und Maus, verschwinden, tauchen woanders in der Riesenstadt auf, bauen neue Barrikaden. So wie am Sonnabend, als acht Zivilisten an der Din-Daeng-Kreuzung erschossen wurden.

Die Alternative zu einer friedlichen Lösung wäre der Vormarsch der Soldaten. Doch einer Räumung ohne allzu hohen Blutzoll scheinen Armee und Bereitschaftspolizei nicht gewachsen. Wenn immer sie irgendwo nur eine Kreuzung räumen wollten, gab es Tote oder Verletzte. Allein seit dem vergangenen Donnerstag, als ein Anführer der Rothemden von einem Scharfschützen mit einem Kopfschuss niedergestreckt wurde und inzwischen seinen Verletzungen erlag, stieg die Zahl der Toten auf 35, die der Verwundeten auf 242.

Es war vergleichsweise ruhig in der vergangenen Nacht. Dass nicht geschossen wurde, dass nicht getötet wurde, bedeutet das nicht. Hinter den Barrikaden an der Silom Road gestikulieren einige Anhänger des 2006 vom Militär gewaltsam entmachteten Premiers Thaksin Shinawatra. Sie deuten auf Einschusslöcher, elf sind es in ihrer unmittelbaren Umgebung, und auf ein Fenster in einem der nahegelegenen Hochhäuser.

In dem Gebäude ist ein Fenster eingeschlagen worden. "Dadurch haben sie auf uns geschossen", sagt der 34-jährige Elektriker Narongchai, der schon seit zwei Monaten hier an der Barrikade aufpasst. "Es begann gegen halb zehn gestern Abend und dauerte eine gute Stunde - sie schossen auch mit Panzerfäusten und Gewehrgranaten." Zehn Mann hätten hinter den Reifen gekauert, als das Feuer losging, wenig später sei Verstärkung herbeigeeilt: sogenannte Schwarzhemden, die Wachen der Aufmüpfigen. "Unsere Guards sind selber Militärangehörige", sagt Narongchai, "sie haben uns das Leben gerettet."

Haben sie auch geschossen, haben sie Waffen? "Ja." Dann zeigt der Mann auf die Straße. Noch immer zieht Rauch über den Highway, Gummireifen wurden dort in Brand gesetzt. Zwei Menschen seien dort gestern niedergestreckt worden, als sie auf die andere Straßenseite wechseln wollten. "Wie die Hasen wurden sie abgeknallt", sagt Narongchai, "ein Scharfschütze hat sie ins Visier genommen."

Aber es gab auch Explosionen im benachbarten Dusit-Thani-Hotel, in dem derzeit überwiegend auswärtige Reporter einquartiert sind. Einmal mussten sie in der Nacht zum Montag in den Keller. Irgendein Geschoss muss aus der Richtung des gegenüberliegenden Lumpini-Parks abgefeuert worden sein - es schlug in einem höhergelegenen Zimmer ein. Und auch ein Luftwaffensoldat wurde nach Angaben von Rettungskräften in dieser Nacht getötet.

Oppositionelle rufen die Uno um Hilfe an - doch die tut nicht viel

Bangkok scheint in einer Spirale der Gewalt gefangen. Verzweifelt rufen die Oppositionellen um Vermittlung der Uno und der Internationalen Gemeinschaft. Doch die tut nicht viel. Das deutsche Auswärtige Amt hat immerhin eine Reisewarnung ausgesprochen, die Amerikaner haben begonnen, die Angehörigen ihres Botschaftspersonals zu evakuieren. Premierminister Abhisit aber hat kundgetan, er lehne eine Einmischung des Uno-Generalsekretärs Ban Ki Moon ab, schließlich sei das Ganze eine interne Angelegenheit. Er lehnt auch Gespräche mit den Rothemden ab. Er will, dass sie abziehen, und droht mit Gewalt.

Wird Narongchai aber, der Demonstrant aus der nahegelegenen Stadt Chonburi, abziehen oder wird er weiterkämpfen? "Wir haben keine Wahl mehr", sagt er, "wenn wir diese Schlacht nicht gewinnen, verlieren wir alles: unseren Job und unsere Freiheit - Gerechtigkeit gibt es nicht in diesem Land."

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oberhesse 07.04.2010
1. Tragisch
Oberschicht gegen Unterschicht, Thaksin-treue Landbevölkerung gegen die besitzende Klasse der Städte. Und ein politisch gelähmtes Land weil der einzige, der bei allen Seiten Respekt und Anerkennung genießt, der greise König alt, krank und schwach ist und offensichtlich nicht mehr fähig, einzugreifen. Eine allseits akzeptierte Nachfolge ist nicht in Sicht, der Thronfolger wird in der Bevölkerungsmehrheit ob seines Lebenswandels abgelehnt, hinzu kommen Gerüchte über Aids und/oder Drogenabhängigkeit; Die Tochter, allseits beliebt und akzeptiert darf aus rechtlichen Gründen die Thronfolge nicht antreten. Nicht zu vergessen, dass es nach herrschender Volksmeinung keinen Rama X geben kann - die Dynastie endet bei IX. Daher wird Thailand wohl auf Dauer ein Unruheherd bleiben, es sei denn es wandelt sich in eine "parlamentarische Diktatur" - sprich es gibt ein Parlament, eine Regierung eine Opposition, das letzte Wort hat jedoch das Militär. Was also bleibt letztlich für Thailand? Möglicherweise die Erkenntnis, dass es ebensowenig wie andere Staaten für eine Demokratie westlicher Prägung geeignet ist.
Asiat 07.04.2010
2. Nicht so dramatisch!
Wer an Thailand interessiert ist und nicht vor Ort ist, sollte immer mal in www.nationnmultimedia.com und auch www.bangkokpost.com reinsehen. Bei der Nation ist Tulsathit Taptim ein sehr genauer Beobachter. Bei der Bangkok Post kann kommentiert werden.
Johann43, 07.04.2010
3. Einseitig!
Zitat von AsiatWer an Thailand interessiert ist und nicht vor Ort ist, sollte immer mal in www.nationnmultimedia.com und auch www.bangkokpost.com reinsehen. Bei der Nation ist Tulsathit Taptim ein sehr genauer Beobachter. Bei der Bangkok Post kann kommentiert werden.
Einen schlechteren Tipp kann man wohl nicht geben, denn eine neutrale Berichterstattung ist von diesen Medien sicher nicht zu bekommen, da sie ganz klar, um es vorsichtig auszudrücken, regierungsfreundlich sind. Das wäre ebenso, wenn man den Sender der "Roten" oder "ASTV" angeben würde. Wirklich neutrale Quellen in Thailand gibt es zur Zeit nur sehr wenige, vielleicht der ein oder andere Blogger. Gruß Johann Schumacher
mcleinn 07.04.2010
4. Falsche Spur
>Was also bleibt letztlich für Thailand? Möglicherweise die >Erkenntnis, dass es ebensowenig wie andere Staaten für eine >Demokratie westlicher Prägung geeignet ist. Westlich oder östliche (gelenkte?) Demokratie - das führt auf die falsche Spur. Thailand litt in den letzten Jahren nicht an "westlicher" Demokratie, sondern vor allem an Demokratie*defiziten*, ob nun Korruption unter Thaksin oder zweifelhafte Legitimation der letzten nach-Putsch-Regierung. Die Erkenntnis kann nur im Dialog und friedlichem Interessensausgleich zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten liegen, ohne Vorbedingungen und Machtspiele. Ein Prozess, wie in viele Länder in der Vergangenheit durchmachen mussten, unabhängig von ihrer Lage auf dem Globus. Hoffen wir, dass sich auch in Thailand der Pragmatismus durchsetzt.
24moskito 07.04.2010
5. kein Ende absehbar
Zitat von AsiatWer an Thailand interessiert ist und nicht vor Ort ist, sollte immer mal in www.nationnmultimedia.com und auch www.bangkokpost.com reinsehen. Bei der Nation ist Tulsathit Taptim ein sehr genauer Beobachter. Bei der Bangkok Post kann kommentiert werden.
wobei man nicht vergessen sollte zu erwähnen das die NATION der deutschen BLÖD Zeitung schon sehr ähnlich kommt. Es wird oft vergessen das Thailand keine Demokratie ist, der derzeitige Premier wurde auch nicht vom Volk gewählt, sondern von der Militärregierung die durch einen Putsch an die Macht kam während der vom Volk gewählte ehemalige Premier Thaksin im Ausland war. Leider hat Mr. Thaksin es wohl etwas übertrieben, d.h. sich zu offensichtlich die Taschen gefüllt und ist in kurzer Zeit zu einem der reichsten Männer der Welt aufgestiegen. Bei einem Strafverfahren in Abwesenheit wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und ist sozusagen auf der Flucht im Ausland. Vor einem Monat wurde zudem noch ein grosser Teil seines Milliardenvermögens beschlagnahmt. Wie auch immer, Thailand wird auf absehbare Zeit nicht zur Ruhe kommen und im Prinzip ist es auch völlig wurst wer an der Regierung ist, die "anderen" werden immer wieder auf die Strasse gehen
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