Aufstand in Tibet Dalai Lama wirft China "kulturellen Völkermord" vor

Beim Aufstand in Tibet sind Dutzende Menschen getötet worden, jetzt droht China mit einer gnadenlosen Niederschlagung der Proteste. Der Dalai Lama befürchtet einen "kulturellen Völkermord" - die Olympischen Spiele gönnt er Peking dennoch.


Dharamsala - Wie viele Menschen bisher bei den blutigen Unruhen in Tibet und anderen Regionen Chinas tatsächlich ums Leben gekommen sind, lässt sich kaum nachprüfen. Die Regierung bleibt bei der offiziellen Zahl von zehn Todesopfern, die tibetische Exilregierung dagegen will von mindestens 80 Toten wissen. Die Exiltibeter teilten am Sonntag von ihrem Sitz im nordindischen Dharamsala mit, diese Zahl sei "durch verlässliche Quellen bestätigt". Es besteht die Gefahr, dass noch mehr Menschen sterben: China hat heute einen "Volkskrieg gegen den Separatismus" ausgerufen.

Aus dem Exil in Dharmsala äußerte heute der religiöse Führer der Tibeter, der Dalai Lama, die Sorge, dass es in seiner Heimat zu noch mehr Blutvergießen komme könne. Wenn die Regierung in Peking ihre Politik in dem von ihr kontrollierten Tibet nicht ändere, fürchte er, dass dort noch mehr Menschen umkommen, sagte der Dalai Lama laut BBC. Er habe Berichte aus Tibet erhalten, wonach bei den Unruhen der letzten Tage bis zu hundert Demonstranten getötet wurden.

In einer Erklärung warf der Dalai Lama China vor, in seiner tibetischen Heimat einen "kulturellen Völkermord" zu begehen. Er wolle, dass eine angesehene internationale Organisation die Lage in Tibet untersuche, so der Dalai Lama. Es gebe ein Problem in China, "ob es die chinesische Regierung nun zugibt oder nicht." Ein uraltes Kulturerbe sei in ernster Gefahr. "Ob mit oder ohne Absicht - es findet eine Art kultureller Völkermord statt", sagte der Friedensnobelpreisträger vor Journalisten. Das kommunistische China übe eine "Herrschaft des Terrors" aus, Tibeter würden als "Bürger zweiter Klasse" behandelt, fügte er hinzu.

"Ich will die Spiele"

Und dennoch: Trotz des gewaltsamen Vorgehens Chinas gegen die Aufständischen sprach sich der Dalai Lama für die Austragung der Olympischen Sommerspiele in Peking aus. "Ich will die Spiele", sagte er. "Die Chinesen sollen stolz darauf sein. China verdient, Gastgeber der Olympischen Spiele zu sein. Allerdings müsse das Land daran erinnert werden, "ein guter Gastgeber zu sein".

Die Olympischen Spiele sollen im August in Peking stattfinden. Unter anderem der US-Schauspieler Richard Gere hat wegen der Vorkommnisse in Tibet einen Boykott gefordert. Das IOC hat sich dagegen ausgesprochen. Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, bezeichnete das Sportereignis in einem Interview der "Bild am Sonntag" als möglichen Katalysator der Lösung.

Die Proteste hatten am 10. März am 49. Jahrestag eines Aufstandes in der tibetischen Hauptstadt Lhasa gegen die chinesischen Besatzer begonnen. Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von Peking regiert. Nach einem fehlgeschlagenen Aufstand der Bewohner flüchtete der Dalai Lama nach Indien, wo er seit 1959 in Dharamsala eine Exil-Regierung führt und für die Autonomie Tibets innerhalb Chinas wirbt. China lehnt eine Autonomie der Himalaya-Region strikt ab.

Demonstranten stürmen Polizeirevier

Die antichinesischen Proteste von Tibetern flammten am Sonntag wieder auf. Einige Tausend Mönche und andere Tibeter demonstrierten in Aba (Ngaba) in der chinesischen Provinz Sichuan. Dort sollen etwa 200 tibetische Demonstranten nach Polizeiangaben ein Polizeirevier niedergebrannt haben. Die Tibeter hätten Benzinbomben auf das Gebäude geworfen und Sicherheitskräfte mit Steinen angegriffen, sagte eine Polizistin der Nachrichtenagentur Reuters. Die Sicherheitskräfte hätten die Menge mit Tränengas auseinandergetrieben und fünf Menschen verhaftet. Sichuan ist eine von vier chinesischen Provinzen mit einem großen tibetischen Bevölkerungsanteil.

In Lhasa herrschte gespannte Ruhe. Trotz scharfer chinesischer Sicherheitsvorkehrungen waren nach Angaben von Touristen am Sonntag aber auch hier Schüsse zu hören. Er habe Gewehrschüsse gehört, sagte ein ehemaliger US-Marineinfanterist, der eine regierungsunanhängige Hilfsorganisation in Tibet leitet, nach seiner Rückkehr am chinesischen Flughafen Chengdu. Eine 19-jährige US-Studentin berichtete ebenfalls von Schüssen in der Nacht zum Sonntag sowie am Freitag und Samstag.

Die tibetische Exilregierung erklärte, es gebe Berichte, dass chinesisches Militär und Polizeikräfte in allen Teilen Tibets stationiert worden seien. Klöster würden streng bewacht. Lhasa sei noch immer völlig abgeriegelt.

phw/Reuters/AP/AFP/dpa

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