Auftritt an New Yorker Uni Scharfe Attacken auf Ahmadinedschad

Der Chef der Columbia-Universität wollte harte Fragen stellen, doch so viel Mut hat Lee Bollinger kaum jemand zugetraut: Er sei wie ein "engstirniger und grausamer Diktator", begrüßte Bollinger den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Dieser gab sich unbeeindruckt.


New York - Die Hinrichtung von Menschenrechlern und Kindern, Unterdrückung von Frauen, die umstrittene Außenpolitik - der Chef der Columbia-Universität nahm beim Besuch des iranischen Präsidenten kein Blatt vor den Mund. "Herr Präsident, sie legen Eigenschaften eines engstirnigen und grausamen Diktators an den Tag", sagte Lee Bollinger.

Mit der Leugnung des Holocaust mache er nur den ungebildeten und ignoranten Menschen etwas vor. "Damit machen Sie sich lächerlich", sagte Bollinger unter Applaus. "Die Wahrheit ist, dass der Holocaust das meist dokumentierte Ereignis in der menschlichen Geschichte ist." Der attackierte Gast erhob sich, sprach ein Bittgebet und bezeichnete Bollingers Begrüßung als "Beleidigung der Kenntnisse und des Wissens des Publikums". Die Ansprache habe Behauptungen enthalten, die falsch seien. Bollinger stehe offenbar unter dem Einfluss von US-Politikern und Medien, sagte Ahmadinedschad. Er wünsche sich mehr Forschung über den Holocaust, der seiner Meinung nach von Israelis als Rechtfertigung für die Misshandlung der Palästinenser genutzt werde.

Im Vorfeld des Besuchs hatte es massive Proteste gegen die Einladung an die Columbia-Universität gegeben. US-Politiker, darunter auch Kandidaten für das Weiße Haus 2009, und religiöse Gruppen liefen Sturm. Mit dem Versprechen, harte Fragen zu stellen, hatte Bollinger die Kritiker besänftigt. Dass der verbale Angriff derart scharf und persönlich erfolgt, verblüffte Beobachter.

Wenig überraschend war die gelassene Reaktion des Gastes. Er wolle sich durch diese unfreundliche Behandlung nicht beeinträchtigen lassen, erklärte Ahmadinedschad. Auf die Anschuldigungen des Uni-Chefs ging er konkret nicht ein - stattdessen stürzte er sich auf eine lange religiöse Abhandlung mit Zitaten aus dem Koran, bevor er zur Kritik an der Bush-Regierung und früheren amerikanischen Regierungen überging. Die Themenspanne reichte vom unbefugten Abhören bis hin zur Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki.

US-Präsident Bush sagte über den Auftritt Ahmadinedschads, er spreche Bände über "die wahre Größe Amerikas". Wenn Bollinger den Besuch des Diktators als pädagogisches Experiment für die Studenten sehe, "geht das von mir aus in Ordnung", sagte Bush dem Nachrichtensender Fox.

Nach seiner Ankunft in New York hatten in der Nähe des Uno- Hauptquartiers und der Columbia-Universität tausende Demonstranten gegen den iranischen Präsidenten protestiert, der an diesem Dienstag auch bei der Uno-Generaldebatte sprechen will.

Bereits im Vorfeld des Besuchs hatte Ahmadinedschad seine Standpunkte in US-Medien deutlich gemacht. In einem Interview mit dem Fernsehsender CBS erklärte Ahmadinedschad, Iran plane keinen Angriff gegen Israel oder einen anderen Staat. "Iran wird überhaupt kein Land angreifen", bekräftigte der Präsident in einem heute veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Die Außenpolitik Teherans sei von humanitären Bestrebungen und dem Bemühen um Gerechtigkeit getragen. Angesichts der Spannungen zwischen seinem Land und der US-Regierung erklärte Ahmadinedschad, rechne er nicht mit einem Krieg Washingtons gegen Teheran. Entsprechende Äußerungen gründeten vor allem in Groll und dienten innenpolitisch dem Wahlkampf, sagte der Staatschef. Außerdem solle damit über politisches Scheitern im Irak hinweggetäuscht werden.

Im Hinblick auf den Streit über das iranische Atomprogramm sagte Ahmadinedschad, es sei falsch anzunehmen, dass Iran und die USA auf einen Krieg zusteuerten. Zugleich dementierte er im CBS-Interview erneut, dass sein Land den Besitz von Nuklearwaffen anstrebe. In den heutigen politischen Beziehungen sei eine Atombombe nicht von Nutzen. "Wenn sie nützlich wäre, hätte sie den Zusammenbruch der Sowjetunion verhindert", sagte Ahmadinedschad. "Wenn sie nützlich wäre, hätte sie das Problem der Amerikaner im Irak gelöst. Die Zeit der Bombe ist vorbei."

reh/AP



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