Auftritt in Spott-Show McCain veralbert seinen eigenen Wahlkampf

Wer hätte noch gedacht, dass John McCain so witzig sein kann? In einer legendären US-Comedyshow verkaufte er jetzt ein Messerset gegen Haushaltsfett, ließ Gags der Palin-Imitatorin Tina Fey über sich ergehen, sogar Gattin Cindy veralberte sich selbst - eine Wahlkampfbilanz voll Selbstironie.

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New York - Es ging um klamme Wahlkampfkassen, den Linksextremisten William Ayers und den unvermeidlichen Joe, den Klempner. Zwei Tage vor der US-Wahl hat John McCain einen pointenreichen Gastauftritt in der US-Kult-Show "Saturday Night Live" hingelegt. Der republikanische Präsidentschaftskandidat lieferte eine humoristische Retrospektive aus seinem monatelangen, erbitterten Wahlkampf.

An der Seite der Komödiantin Tina Fey, die sich bereits zum wiederholten Mal zur Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin herausgeputzt hatte, zeigte er reichlich Selbstironie (siehe Video oben). Außerdem trat er später am Pseudo-Nachrichtendesk der Comedy-Show auf (siehe Video unten) und veralberte seine wechselhafte Wahlkampfstrategie.

Er versuche es jetzt mit der Strategie des umgekehrten "Maverick" (etwa: Querdenker), flachste McCain. "Das heißt, ich mache alles, was man mir sagt." Falls dieser Strategiewechsel keinen Erfolg haben sollte, "werde ich zum doppelten Maverick. Ich werde zum Berserker und bringe alle zum Ausflippen, sogar die normalen Mavericks". McCain, der als Maverick der Republikaner berühmt geworden ist, parodierte damit seinen gerade in der Finanzkrise oft erratischen Wahlkampf.

In einem rhetorischen Doppelschlag veräppelte McCain außerdem die finanziellen Engpässe seines Wahlkampfs und das TV-Trommelfeuer, mit dem sich Obama kurz vor der Wahl in Szene setzte. "Am vergangenen Mittwoch hat Barack Obama Sendezeit auf drei großen TV-Kanälen gekauft", sagte der Republikaner. "Wir dagegen können uns leider nur QVC leisten." QVC ist ein Shoppingsender - der ganze Auftritt bei "Saturday Night Live" war als Shoppingkanal-Sendung angelegt.

"Würde ich lieber auf drei großen TV-Kanälen sein? Natürlich. Aber ich bin ein echter Maverick, ein Republikaner ohne Geld", witzelte McCain - nicht ganz ohne Grund (siehe Bilderstrecke).

In der folgenden fiktiven Verkaufsshow bewarb der Republikaner unter anderem zehn Teller, die für angebliche zehn Debatten zwischen ihm und Obama stehen sollten. So viele haben freilich nie stattgefunden - McCain hatte eine lange Debattenserie gefordert, was Obama aber ausschlug. Über die inhaltliche Qualität der drei TV-Duelle, die sich die beiden letztlich lieferten, machte sich McCain ebenfalls lustig: "Wie sie sehen, sind die Teller leer. Aber immerhin sind es hübsche Teller."

In einem der komischsten Momente des Auftritts wandte sich Palin/Fey von McCain ab, bat das Publikum um Stillschweigen über das, was jetzt komme. Dann hielt sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Palin 2012" hoch - "bitte warten Sie bis Dienstag mit dem Anziehen!" Eine Anspielung auf die kaum verhohlenen Ambitionen der echten Palin - die erst an diesem Wochenende durch einen Telefonstreich deutlich wurden. Sie sagte einem falschen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der in Wahrheit ein kanadischer Radiokomiker war, "vielleicht in acht Jahren" könne man mit ihr als Präsidentin rechnen.

Die falsche Sarah Palin versuchte auf "Saturday Night Live" außerdem, ein dreiteiliges Joe-Actionpuppen-Set an den Mann zu bringen. Das bestand erstens aus "Joe, dem Klempner", einem Handwerker, der Obama in Ohio vor laufender Kamera wegen seiner Steuerpläne angegriffen hatte. McCain schlachtete dies in der letzten TV-Debatte aus und ließ dann sogar Wahlkampfauftritte mit dem Klempner organisieren.

Zweitens im Actionfiguren-Set: "Joe Sixpack", der einfache weiße Wähler, der sein Bier im Sixpack kauft. Palin hatte mehrfach öffentlich mit dieser Wählergruppe geflirtet, bezeichnete sich selbst als "Hockey Mom" und als Freund aller Joe Sixpacks des Landes.

Und drittens - Joe Biden, der demokratische Vize-Kandidat. Ziehe man an dessen Reißleine, rede Biden 45 Minuten lang ohne Punkt und Komma, sagte Fey/Palin in Anspielung auf Bidens teils recht weitschweifige Ausführungen. McCain lobte, mit dieser tollen Puppe bekomme man jede Party leer - oder halte einen Hirsch vom Hof fern, ergänzte Palin/Fey.

Selbstironie bewies auch McCains Frau Cindy, die in einem kurzen Auftritt als fingierte Schmuckverkäuferin "McCain-Feingold" präsentierte. Im Wahlkampf war sie dafür verspottet worden, dass sie noch mitten in der Finanzkrise mit teuerstem Schmuck zu Wahlkampfauftritten kam. Auch Palin wurde verspottet, sie sei zu schick fürs Volk, da sie teure Designerklamotten trägt (siehe Bilderstrecke unten).

Die falsche Palin wiederum stellte einen "Ayers freshener" vor - einen Duftzerstäuber, der besonders toll sei, da er "die Leute an William Ayers erinnert". McCain hatte im Wahlkampf weitgehend erfolglos versucht, Obamas Verbindungen zu Ayers, einem früheren Linksextremisten, zu thematisieren.

McCain warb derweil für ein achtteiliges Messerset, mit dem man "nie wieder Probleme habe, Speck wegzuschneiden". Diese Metapher hatte der Republikaner immer wieder im Wahlkampf bemüht. Er versprach, als Präsident rigoros gegen zu fette Ausgaben im Haushalt vorzugehen.

McCains Performance wurde von Kritikern ausdrücklich gelobt. Der Präsidentschaftskandidat, der sonst oft hölzern wirke, habe Humor bewiesen, hieß es.

Es ist nicht das erste Mal, das McCain "Saturday Night Live" beehrt. Schon im Mai war er in der Kultshow aufgetreten - damals witzelte der 72-Jährige hauptsächlich über sein hohes Alter, das ihm die Demokraten immer wieder vorgehalten hatten.

Die Sendung auf NBC ist in den vergangenen Wochen extrem populär geworden, der Wahlkampf trieb die Einschaltquoten in Rekordhöhen - gerade wegen Tina Feys Auftritten als Sarah Palin.

Auch die republikanische Vize-Kandidatin trat schon in der Kultshow auf, am 18. Oktober (siehe Videos unten), nachdem Fey zuvor ihre Wahlkampfpatzer ausgeweidet hatte. Der Schlagabtausch zwischen der falschen und der echten Palin in der Sendung bescherte NBC die höchste Einschaltquote seit 1994.

Die echte Palin verlor das TV-Duell - sie wirkte wenig schlagfertig und präsentierte sich weitgehend humorfrei.



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