Augenzeugenbericht "Die Polizei wirft wahllos Tränengas in die Menge"

Thomas Schörner ist deutscher Erasmus-Student in Athen. Seine Wohnung liegt in Sichtweite der Polytechnischen Universität im Zentrum der Stadt, von seinem Fenster aus beobachtet er seit Tagen die schweren Krawalle. Für SPIEGEL ONLINE beschreibt er seine Eindrücke.


"Dass die Situation so ausartet, damit hat hier keiner gerechnet. Nach Einbruch der Dunkelheit traut sich kaum jemand vor die Tür. Von meinem Fenster aus kann ich die Straßenschlachten beobachten, gestern abend sah ich, wie sich Autonome und Polizisten bekämpften.

Ich ziehe jetzt erstmal zu Freunden in ein anderes Viertel. Einige meiner Kommilitonen haben bereits einen Flug nach Hause gebucht. Viele überlegen, ob sie den Weihnachtsurlaub schon jetzt antreten. Da niemand weiß, wie lange die Krawalle anhalten, habe ich mich mit Lebensmitteln für mehrere Tage eingedeckt.

Die Autonomen sind gut organisiert. Immer wieder fahren Vermummte mit Motorrädern durch die Straßen - wahrscheinlich, um Polizistentrupps auszuspähen. Andere verteilen Flyer, um noch mehr Demonstranten zu mobilisieren.

Etwa eine Stunde nach der Beerdigung des erschossenen 15-Jährigen bin ich noch einmal zu meiner Wohnung gefahren. Schon von weitem sah ich eine Rauchwolke. Etwa hundert Demonstranten verteilten Müll auf den Straßen, um ihn anzuzünden, die Polizei warf wahllos Tränengas in die Menge.

Die Straßenzüge der Leoforos Alexandras, auf der es in den vergangenen Nächten am heftigsten zur Sache ging, sind wieder komplett abgesperrt. Ich werde das Stadtzentrum jetzt erst einmal verlassen - sicher ist sicher."

Protokoll: amz



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