Augenzeugenberichte: "Saddam fiel etwa einen halben Meter weit durch die Falltür"

Nur wenige Menschen waren dabei, als Saddam Hussein starb. Noch weniger haben sich bisher dazu geäußert. Diese Augenzeugen zeichnen ein zwiespältiges Bild: Der ehemalige Tyrann versuchte, Haltung zu bewahren - und stachelte ein letztes Mal den Unfrieden an.

"Einer der Wächter hat an dem Hebel gezogen, und Saddam fiel etwa einen halben Meter weit durch die Falltür. Wir hörten, dass sein Genick sofort brach, und wir sahen sogar ein wenig Blut am Strang", beschreibt Sami al-Askari die entscheidenden Augenblicke am Morgen des 30. Dezember 2006, der als der Todestag des irakischen Diktators Saddam Hussein in die Geschichte eingehen wird.

Iraker in einem Teehaus: Mit sechs Stunden Verspätung sendete das irakische Fernsehen 20 Sekunden Video - nicht aber die Hinrichtung
AP

Iraker in einem Teehaus: Mit sechs Stunden Verspätung sendete das irakische Fernsehen 20 Sekunden Video - nicht aber die Hinrichtung

Die Vollzugsbeamten hätten Saddam etwa zehn Minuten an dem Strick hängen lassen, bis ein Arzt den Tod bestätigt habe. "Dann banden sie ihn los und legten ihn in einen weißen Leichensack", sagte Askari, ein prominenter schiitischer Politiker, der Ministerpräsident Nuri al-Maliki nahesteht.

Bei der Hinrichtung im Morgengrauen gab es nur wenige Zeugen - etwa ein Dutzend – und noch weniger sind namentlich bekannt. Außer Askari war der Sicherheitsberater Muaffak el Rubaie, der Richter Munir Haddad, ein weiterer Richter, der Zeuge Dschawad al-Subaidi, der im Prozess gegen Saddam ausgesagt hatte, sowie Abgeordnete, Minister und jener Arzt vor Ort, der Saddams Tod festgestellt hat.

Zur Frage, ob auch US-Amerikaner der Hinrichtung beiwohnten, gibt es unterschiedliche Angaben. "Die Amerikaner waren bei der Exekution nicht dabei, nicht mal im Gebäude anwesend", sagte Rubaie. Es sei "zu Hundert Prozent ein irakischer Vorgang" gewesen. Ein namentlich nicht genannter Zeuge sprach hingegen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von US-Militärs und Vertretern der amerikanischen Botschaft unter den Anwesenden. Erst kurz vor der Hinrichtung war der Delinquent an die Iraker übergeben worden.

Hinrichtung im ehemaligen Folterzentrum

Sie hatten den Galgen für den Ex-Diktator an einem symbolisch bedeutsamen Ort aufgebaut: Nach Informationen des Nachrichtensender Al-Arabija endete Saddams Leben in einem Gebäude im nordwestlichen Bagdader Stadtteil Kadhimija. Früher hatte es der irakische Geheimdienst genutzt. Dort waren viele Gegner Saddams gefoltert und getötet worden.

Die irakische Bevölkerung konnte sechs Stunden nach der Hinrichtung ein Video der letzten Augenblicke vor der Exekution verfolgen: Das staatliche Fernsehen Irakija zeigte einen rund 20-sekündigen Ausschnitt, in dem zu sehen war, wie mehrere schwarz maskierte Männer den an den Händen gefesselten Saddam Hussein zum Galgen führten. Zwei der in Zivil gekleideten Henker legten ihm eine Schlinge um den Hals. Der Ex-Präsident wirkte auf den Aufnahmen ruhig. Vor der Vollstreckung des Urteils endete der Ausschnitt.

Ein privater schiitischer Sender strahlte später Bilder vom Leichnam Saddam Husseins aus, der in ein weißes Leichentuch gehüllt war. Zu sehen war lediglich der Kopf, der nach dem Genickbruch durch den Strang nach rechts geneigt war.

Unterschiedliche Berichte von letzten Worten

Berichte vom ruhigen, geradezu todesmutigen Auftreten des Ex-Diktators geben die Minuten vor dessen Tod aber offenbar nur unvollständig wieder. Vor der Hinrichtung war Saddam ein letztes Mal sein Urteil verlesen worden. Dazu habe der Verurteilte sich hinsetzen müssen, berichtete Askari. "Als er dann die Kamera gesehen hat, hat er denselben Unsinn gebrüllt wie im Gerichtssaal", sagte der Augenzeuge. "Lang lebe Palästina und andere Parolen."

Später, berichtete Rubaie, habe Saddam sich geweigert, sich eine Kapuze über den Kopf stülpen zu lassen. Einen kurzen Moment lang entspann sich ein Streit, bis die Henker nachgaben. Dann sei der frühere Staatschef aufgefordert worden, ein letztes Mal das Glaubensbekenntnis abzulegen. "Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet", habe Saddam gesagt. In einigen Berichten waren diese als seine letzten Worte wiedergegeben worden.

Der Richter Haddad berichtete hingegen, Saddam habe an das irakische Volk gerichtet gesagt: "Ich hoffe, dass Ihr geeint bleiben werdet und ich warne Euch, vertraut der iranischen Koalition nicht, diese Leute sind gefährlich" – dies wäre ein letzter Aufruf zum Widerstand gegen die neue Regierung gewesen. Sie wird von Schiiten dominiert, jener Konfession, die auch im Nachbarland Iran vorherrschend ist. Dann habe der Todeskandidat noch gesagt: "Ich habe vor niemandem Angst."

Mit Koran, ohne Geistlichen

Ausgerechnet der Sicherheitsberater der neuen Regierung, Rubaie, war es, der im Nachhinein viele positive Attribute für Saddams Verhalten im Angesicht des Todes fand: "entschlossen", "ohne ein Wort" und "mutig" sei dieser zum Galgen geschritten.

Rubaie berichtete außerdem, dass der Ex-Diktator eine Ausgabe des Korans in Händen gehalten habe, als er in Kadhimija eintraf. Den Koran habe er jemandem übersenden wollen. Der Name des Empfängers sei notiert worden, und jemand habe Saddam Hussein versprochen, das heilige Buch weiterzuleiten. Wer der Empfänger ist, wurde nicht bekannt. Auf die Symbolkraft des für Moslems heiligen Buchs hatte Saddam offenbar nicht verzichten wollen. Einen Geistlichen bei seiner Hinrichtung habe sich Saddam hingegen nicht gewünscht, sagte Askari.

Von den Angehörigen gab es vorerst keine direkte Reaktion. In der jordanischen Haupstadt Amman sagte lediglich ein Verteidiger des Ex-Diktators: Die älteste Tochter Saddam Husseins, Raghdad, habe die Nachricht vom Tode ihres Vaters trotz ihres "gewaltigen Schmerzes stoisch" aufgenommen. Von Saddams in Katar lebenden Witwe Sadschida war nichts zu hören.

stx/AFP/dpa/rtr

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