S.P.O.N. - Im Zweifel links Das falsche Feindbild

Mit Sanktionen und Säbelrasseln schüren EU und USA die Furcht vor einer russischen Expansion. Das ist die falsche Antwort auf Putins Griff nach der Krim. Denn der Expansionsdrang des Kreml-Chefs ist nicht unersättlich - anders als der des Westens.

Eine Kolumne von

Russlands Präsident Putin: Das alte Feindbild des bösen Russen
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Russlands Präsident Putin: Das alte Feindbild des bösen Russen


Die Kanzlerin droht Russland mit mehr Sanktionen. Die Verteidigungsministerin will sogar gleich die Panzerketten ölen lassen: Die Nato solle an ihren "Außengrenzen" mehr "Präsenz" zeigen, sagte Ursula von der Leyen im SPIEGEL. Im Wettrüsten der Worte hält der Westen also gut mit. Staunend lernt die Öffentlichkeit, dass offenbar beide Seiten in diesem neuen Ost-West-Konflikt, der um das Schicksal der Ukraine ausgebrochen ist, kein Interesse an Entspannung haben.

Doch Merkels Politik schadet den deutschen Interessen. Denn aus historischen und wirtschaftlichen Gründen kann sich Deutschland einen Konflikt mit Russland nicht leisten. Für Wladimir Putin dagegen lohnt sich der Kurs der Konfrontation: Machtdemonstrationen statt Modernisierungsmühen. Das ist der leichtere Weg. In Russland ist der Herr des Kreml so beliebt wie schon lange nicht mehr. Aber nicht nur dort. Der Kampf mit EU und USA könnte ihn zum neuen Helden Asiens machen.

Denn was in der Ukraine geschieht, kann man noch ganz anders sehen, als uns lieb ist: "Russlands Widerstand gegenüber dem Westen hat globale Bedeutung." In der chinesischen Parteizeitung "Global Times" war dieser Satz zu lesen. Mark Siemons, Feuilleton-Korrespondent der "FAZ" in China, hat darüber berichtet. Von China aus betrachtet - und nicht nur von dort - zeigt sich die neue Krim-Krise als ein weiteres Kapitel des langen Abwehrkampfes, den Asien seit mehr als hundert Jahren gegen den Westen führt. Seit der Seeschlacht von Tsushima: Im Mai 1905 versenkte die japanische Flotte damals knapp zwei Dutzend russische Kriegsschiffe - und mit ihnen den Mythos der Unbesiegbarkeit des weißen Mannes. Russland zählte also in jenen Tagen zum Westen. Heute nicht mehr.

"Zum ersten Mal seit dem Mittelalter hatte ein außereuropäisches Land eine europäische Macht in einem größeren Krieg besiegt, und die Nachricht eilte um die Welt, die von westlichen Imperialisten zu einem engen Netz verbunden worden war", schreibt Pankaj Mishra in seinem eindrucksvollen Buch über den westlich-asiatischen Konflikt. "Der Widerhall dieses Sieges rast wie ein Donnerschlag durch die flüsternden Galerien des Ostens", sagte Lord Curzon damals. Und heute, nachdem Russland die Krim übernommen hat, schreibt die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua: "Der Westen glaubte schon an einen großen Sieg im geopolitischen Kampf. Aber die Dinge entwickelten sich anders."

Putin wendet sich vom Westen ab

Die Krim-Krise zeigt: Putin wendet sich vom Westen ab. "Die Russen hatten lange eine Engelsgeduld", sagte schon 2012 ein mit Russland befasster SPD-Abgeordneter des Europa-Parlaments. Aber nicht mal die Visa-Freiheit wollte die EU Putin gewähren, von seinen großen Plänen einer atlantisch-pazifischen Freihandelszone ganz zu schweigen.

Im Vergleich zu Barack Obama wirkt Putin nur deshalb wie ein verhaltensgestörter Schulhofschläger, weil er über deutlich weniger Instrumente verfügt. Wenn die Russen Weltpolitik machen wollen, haben sie nur drei Werkzeuge: Erdgas, Waffen und ihren Sitz im Sicherheitsrat.

Google und Apple prägen den Globus nicht nach russischem Bild. Keine NSA hilft Putin dabei, den weltweiten Bewusstseinsstrom zu filtern und zu kontrollieren. Und kein Moskauer Hollywood verbreitet die Werte russischer Kultur. Das letzte Projekt, mit dem die Russen die Welt beeindruckt haben, war die Raumstation "Mir" - und die ist vor langer Zeit vom Himmel gefallen.

Das alte Feindbild des bösen Russen

Medien und Politik wollen ein altes Feindbild wieder zum Leben erwecken: den bösen Russen. Wenn es um Russland geht, ist der Westen in den zynischen Tagen des früheren US-Verteidigungsministers Caspar Weinbergers stehen geblieben, der öffentlich seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, die östliche Weltmacht möge "with a whimper, not with a bang" untergehen. Hillary Clinton verglich Putin gerade noch mit Hitler. Mit solchem Unsinn empfiehlt man sich in den USA als mögliche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Und bei uns betreiben die beiden Ostdeutschen Merkel und Gauck ihre Russlandpolitik mit solchem Widerwillen, als nutzten sie das Amt zur privaten Traumatherapie.

Die Umfragen zeigen immerhin, dass die Öffentlichkeit das nicht so ohne Weiteres mitmacht. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat Verständnis dafür, dass Putin die Ukraine als russische Einflusszone betrachtet. Die Leute haben schon ein gutes Gespür dafür: Putin ist eben nicht Hitler. Mit der Krim kann Russland sich "saturiert" fühlen, wie Bismarck nach der Reichseinigung sagte: "Deutschland füllt jetzt seine Grenzen aus, wir sind zufrieden, und ich werde mich ruhig in meinem nunmehr fertigen Vaterland schlafen legen." Nach ihm sah man das bekanntlich anders. Aber ein solch ruhiger Schlaf ist, nach allem, was man weiß, auch Putin zutrauen.

Das Grenzüberschreitende, das Entgrenzte, ist dagegen eine Eigenschaft des Westens: Er "periklitiert", um noch einen Ausdruck Bismarcks zu verwenden, immerzu außerhalb seiner Interessensphäre. Oder vielmehr: Er beansprucht die ganze Welt als Interessensphäre. Das ist das Problem.

Der Westen ist nie saturiert und darum unersättlich. Der ägyptische Gelehrte Mohammed Abduh sagte 1895: "Eure liberale Haltung gilt ganz offensichtlich nur euch selbst, und eure Sympathie für uns gleicht der des Wolfes für das Lamm, das er fressen möchte."

In Asien hat man daraus gelernt: Es muss das Lamm selbst zum Wolf werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1205 Beiträge
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Seite 1
bammy 24.03.2014
1.
Zitat von sysopAFPMit Sanktionen und Säbelrasseln schüren EU und USA die Furcht vor einer russischen Expansion. Das ist die falsche Antwort auf Putins Griff nach der Krim. Denn der Expansionsdrang des Kreml-Chefs ist nicht unersättlich - anders als der des Westens. http://www.spiegel.de/politik/ausland/augstein-kolumne-putin-und-der-westen-in-der-krim-krise-a-960354.html
Soviel zur gleichgeschalteten Presse. Und wie viele werden jetzt wieder schreiben, das sie ja sonst nicht Augstein zustimmen. So wie bei seinem letzten Artikel zu diesem Thema.
Baikal 24.03.2014
2. Augstein hat immer noch nicht begriffen
dass Politik sich gegenseitig ausschließende Begriffe sind. Wenn für diese These noch eines abschließenden Beweises bedurft hätte wäre er erst just von der Frau mit dem blonden Betonlächeln geliefert worden. Davor gabes aber schon Merkel, Steinmeier und Schäuble - die Belege sind geradezu erschlagend.
astelgraaf 24.03.2014
3. Putin hat 15 Jahre gewartet
dass man ihm den EU-Beitritt anbietet. Doch das Angebot kam nie. Das er nach Osten guckt, ist jetzt verständlich. Aber was sollen die eierlosen Von-Der-Leyen & Co. von Putin verstehen, dem Mann, der das grösste Land auf Erden führen MUSS ?
mistermoe 24.03.2014
4. Optional
Wenn man die Rhetorik von Putin und einem gewissen deutschen Politiker von vor 80 Jahren vergleicht, sieht man schon deutliche Parallelen. Nicht umsonst haben sie die ehemaligen sowjetischen "Bruderländer" im Baltikum sowie Polen, Tschechien, Ungarn nach Westen gewandt und nicht nach Russland, weil der Anspruch gerade von Putin immer noch der einer slawischen Supermacht ist, die ihren "Brüdern" diktiert wo es lang geht. Und anders als Bismarck ist bei Putin nicht die Erschaffung und Vereinigung des Vaterlandes das Ziel, sondern die Rückeroberung der ehemaligen Sowjetrepubliken. Da es wirtschaftlich nicht geht, wird eben zur Waffe gegriffen. Bei allem Verständnis und geschichtlichen Rückblick, bleibt die Annektion eines fremden Staatsgebiets immer noch eine Aggression. Und welchen deutschen Interessen schadet es denn genau wenn wir uns solchen Aggressionen entgegenstellen. Gerade Deutschland muss sich aus geschichtlichen Gründen dagegenstellen, schliesslich haben wir auch schon mal Gebiete "wiedervereinigt" um die deutsche Bevölkerung zu schützen. Fragen sie dazu mal in Böhmen und Mähren nach, in Siebenbürgen oder auch Österreich.
topodoro 24.03.2014
5. Und so...
Und so entfremden sich Merkel & Co. vom Bürger, vom Souverän, und wenn der Bürger demnächst tief in die Taschen greifen soll, um das Ukraine Abenteuer der Merkel Regierung zu bezahlen, wird es noch deutlicher. Denn wem hat die Merkel Regierung den Amtseid geleistet ? Dem deutschen Bürgern oder der NATO ?
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