S.P.O.N. - Im Zweifel links: Starrsinn, Machthunger, Egoismus

Eine Kolumne von

Das Drama der Zypern-Rettung zeigt: Der Euro-Konflikt entpuppt sich immer mehr als Kampf um die deutsche Vorherrschaft in Europa. Vordergründig scheint es Merkel und Schäuble um Wirtschaft zu gehen. In Wahrheit binden sie andere Völker mit den Fesseln der Schulden.

In der Zypern-Krise haben die Deutschen ihre Macht gezeigt - aber sie verwenden sie für die falschen Zwecke, und sie können damit nicht richtig umgehen. Die Zyprer hatten die Idee, ihre eigenen Kleinsparer für die Pleite der Banken haften zu lassen - und die Deutschen nickten es ab - weil sie auf ihren Prinzipien von Schuld und Sühne beharren wollten.

Ganz Europa, ja die ganze Welt horchte auf. Einlagensicherung hin, Merkels Versprechen her: Im Zweifel bluten die einfachen Leute? Der Plan wurde zurückgenommen. Jetzt geht es vor allem den reichen Russen an den Kragen. Aber der Schaden ist entstanden, das Vertrauen erschüttert: Welchen Wert hat das Wort der Kanzlerin? Zypern hat erneut gezeigt: Auf die Deutschen ist in Europa kein Verlass.

Zum Glück hat die Euro-Gruppe jetzt doch noch den richtigen Schritt gewagt: die Kleinsparer sind gesichert, eine Bank geht pleite, eine andere wird kleingemacht. Aber das Schauspiel der vergangenen Woche hätte gut ins Bild gepasst, das Europa derzeit abgibt: Verantwortungslose Banker verspielen das Geld reicher Geldwäscher und die Politiker helfen dann beiden dabei, sich so gut zu retten, wie es geht - auf Kosten der einfachen Leute, die weder die Mittel noch den Einfluss haben, sich ins Sicherheit zu bringen. Und das alles unter deutscher Vorherrschaft.

Das war ein Zeichen. Die Kanzlerin gönnt sich und den Deutschen den Luxus der Nabelschau. Die historischen Erfahrungen sind wie weggewischt. Sie taugen nur für mollige Fernsehabende wenn wir uns in Decken hüllen und "Unsere Mütter, unsere Väter" beim moralischen Scheitern begaffen. Aber es bedeutet nichts für die Gegenwart. Wie schon zweimal zuvor in ihrer jüngeren Geschichte lassen sich die Deutschen immer tiefer in einen Konflikt mit ihren Nachbarn führen. Ohne Rücksicht auf die Kosten und mit einem Ziel, das einem Angst und Bange werden kann: die deutsche politische Vorherrschaft auf dem Kontinent.

Merkels Vorstellung von europäischer Integration sieht so aus: Europa soll sich Deutschlands Politik beugen.

Wer sich von Idioten umzingelt sieht

In der krisenhaften Zuspitzung auf Zypern enthüllte sich für einen Augenblick eine Wahrheit der deutschen Politik: Sie ist von Starrsinn geprägt, der sich Prinzipientreue nennt, aber nur Rechthaberei ist. Merkel hat in der Europapolitik mit allen westdeutschen Traditionen gebrochen. Sie war da nicht zimperlicher als mit den Traditionen ihrer eigenen Partei. Merkels Europa-Berater Nikolaus Meyer-Landrut hat ihr im Sommer 2011 eine Skizze gemacht: Alles, wofür Brüssel zuständig ist, funktioniert. Alles, wofür die Staaten zuständig sind, liegt im Argen. Logisch wäre es also, Brüssel mehr Macht einzuräumen. Merkel entschied sich anders. Der Journalist Stefan Kornelius hat diesen Schlüsselmoment in Merkels Europa-Kurs hier neulich beschrieben.

Unter Angela Merkels Führung lebt das Europa der Nationalstaaten wieder auf. Altkanzler Schmidt hat gemahnt: "Das Bundesverfassungsgericht, die Bundesbank und vorher schon Bundeskanzlerin Merkel gerieren sich zum Teil zur Verzweiflung unserer Nachbarn als das Zentrum Europas." Ein Teil der öffentlichen Meinung in Deutschland sei "national-egoistischer Sichtweise" geprägt. Der alte Mann, der den Krieg miterlebt hat, wird dieses Wort nicht leichtfertig gebraucht haben: national-egoistisch.

"Zypr-Idioten" hatte Nikolaus Blome in der Bild-Zeitung die Insel-Parlamentarier aus Nikosia genannt, weil sie gegen den Enteignungsplan der Euro-Retter gestimmt hatten. Aber aus dem Kinderbestseller "Gregs Tagebuch" wissen wir: Wer sich von Idioten umzingelt sieht, ist meistens selbst einer. Dieser Euro-Konflikt entpuppt sich immer mehr ein Konflikt um die deutsche Vorherrschaft in Europa. Es sieht aus wie Wirtschaft. In Wahrheit ist es Machtpolitik. Die Deutschen binden die europäischen Völker mit der Fessel der Schulden. "Wenn die Geschichte etwas zeigt, dann dies, dass es keine bessere Methode gibt, auf Gewalt gegründete Beziehungen zu verteidigen und moralisch zu rechtfertigen, als sie in die Sprache von Schuld zu kleiden - vor allem, weil es dann sofort den Anschein hat, als sei das Opfer in Unrecht", hat der US-Ethnologe und Occupy-Aktivist David Graeber geschrieben.

Die Unterlegenen werden beschimpft

Wie stets in der Vergangenheit werden auch jetzt die Unterlegenen beschimpft. Wer Schulden hat, hat sich schuldig gemacht.

Das gibt Raum für Vorwürfe und gleichzeitig für Selbstmitleid: "Ohne deutsche Garantien gäbe es keinen Rettungsschirm. Doch ausgerechnet uns Deutschen schlägt in den Krisenländern Kritik, ja offener Hass entgegen. Die Kanzlerin wird mit Hitler-Schnurrbart verunglimpft, deutsche Flaggen werden heruntergerissen, wir Deutschen sind die Bösen, die an allem Elend schuld sind", brach es jüngst aus dem konservativen Kommentator Hugo-Müller Vogg hervor. Und so wird an den Stammtischen diskutiert, an den proletarischen wie an den professoralen, von denen aus die neue rechtspopulistische Partei "Alternative für Deutschland" zu einem glänzenden Erfolg bei den Bundestagswahlen gelangen könnte.

Dabei ist das alles eine Lüge. Bislang haben die Deutschen für die Krise nicht nur gezahlt, sondern auch an ihr verdient. Da sind die Zinsersparnisse, die Deutschland seit Krisenbeginn realisieren konnte, allein im vergangenen Jahr 10 Milliarden Euro. Und da sind die Zinszahlungen der Schuldnerstaaten. Das ist die Realität der Eurokrise: Die Armen von Athen bezahlen die Reichen in Deutschland.

Solche Versuche sind in der Vergangenheit gescheitert. Sie werden auch in Zukunft scheitern. Weil die Europäer es nicht zulassen werden. Noch jubeln die Deutschen ihrer Kanzlerin zu. Sie sollten an die Worte des Luxemburgers Jean-Claude Juncker denken: "Wer glaubt, dass sich die ewige Frage von Krieg und Frieden in Europa nie mehr stellt, könnte sich gewaltig irren. Die Dämonen sind nicht weg, sie schlafen nur."

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insgesamt 1140 Beiträge
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1. Bind, baby, bind!
roana 25.03.2013
Ein Zins, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.
2. Dynastische Effekte
Kai Frederking 25.03.2013
Zitat von sysoppicture alliance / dpaDas Drama der Zypern-Rettung zeigt: Der Euro-Konflikt entpuppt sich immer mehr als Kampf um die deutsche Vorherrschaft in Europa. Vordergründig scheint es Merkel und Schäuble um Wirtschaft zu gehen. In Wahrheit binden sie andere Völker mit den Fesseln der Schulden. Augstein zur deutschen Zypern-Taktik: Starrsinn, Machthunger, Egoismus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/augstein-zur-deutschen-zypern-taktik-starrsinn-machthunger-egoismus-a-890707.html)
Wenn der Name des Autors nicht Augstein wäre, würde solch ein agitatorischer Unsinn wohl kaum in einer renommierten Publikation erscheinen. Insbesonder nicht in dieser.
3. optional
GSYBE 25.03.2013
Wie immer: treffend auf den Punkt gebracht. Danke Herr Augstein.
4.
naivi 25.03.2013
Zitat von sysoppicture alliance / dpaDas Drama der Zypern-Rettung zeigt: Der Euro-Konflikt entpuppt sich immer mehr als Kampf um die deutsche Vorherrschaft in Europa. Vordergründig scheint es Merkel und Schäuble um Wirtschaft zu gehen. In Wahrheit binden sie andere Völker mit den Fesseln der Schulden. Augstein zur deutschen Zypern-Taktik: Starrsinn, Machthunger, Egoismus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/augstein-zur-deutschen-zypern-taktik-starrsinn-machthunger-egoismus-a-890707.html)
Einmal mehr zeigt Herr Augstein seine " Objektivität " und freut sich mal wieder auf Frau Merkel herumhacken zu können. Schade, dass Spiegel Online sich erneut dieses hirngewaschenen Autors bedient.
5. gut erkannt, Herr Augstein
emmerot 25.03.2013
"Wer sich von Idioten umzingelt sieht, ist meistens selbst einer. " Ein schönes Zitat aus Ihrem Artikel. Und selbst? Fühlen Sie sich von "Starrsinn, Machthunger und Egoismus" umzingelt oder nur von der Idiotie der Kanzlerin? Also ich bin dafür, dass zuerst alle Journalisten und Verleger, die den Euro verteidigen, mit ihrem Privatvermögen haften, und dann erst das Schwarzgeld der Mafia eingezogen wird.
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Jakob Augstein

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