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Augusto Pinochet: Tod eines Tyrannen

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Am Sonntag ist der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet im Kreise seiner Familie gestorben. Seinen tausenden Opfern war dies nicht vergönnt: Viele starben durch Folter und landeten im Meer. Für Chile ist der Tod des Greises die Befreiung von einem 33-jährigen Alptraum.

Die Weltbühne betrat Augusto Pinochet Ugarte am 11. September 1973. An jenem Tag nahmen Kampfflugzeuge der chilenischen Luftwaffe Kurs auf die Hauptstadt Santiago und schossen den Präsidentenpalast Moneda in Schutt und Asche. Der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende beging Selbstmord, an seine Stelle trat eine vierköpfige Militärjunta unter Führung des 58-jährigen Heereschefs Pinochet.

Die Bilder der brennenden Moneda gehören zur Ikonographie des Kalten Krieges wie die kubanische Revolution oder der Vietnamkrieg. Der Putsch prägte die politischen Vorstellungen einer ganzen Generation: So wie Fidel Castro den revolutionären Guerillero verkörperte, wurde der stets finster drein blickende Pinochet zum Inbegriff des südamerikanischen Diktators.

Ob Pinochet wirklich eine treibende Kraft hinter dem Putsch war oder sich erst in letzter Minute der Verschwörung anschloss, ist unter Historikern umstritten. Ein charismatischer Anführer war er jedenfalls nicht. Unter Offizieren galt der Mann aus der Hafenstadt Valparaiso als unterwürfig und ein wenig beschränkt. Zeitgenossen beschrieben ihn als den perfekten Diener. Als Gesicht des neuen Regimes wandelte sich der General jedoch binnen kürzester Zeit zum perfekten Diktator: Er war gnadenlos und besessen von der Idee einer kommunistischen Springflut, die über seinen Kontinent hereinbrach. 1974 ließ er sich formal zum Präsidenten ernennen und blieb dies bis 1990.

17 Jahre sind eine lange Zeit für einen Diktator - ein Beweis dafür, wie sehr Pinochet das Land im Griff hatte. "Ohne mein Wissen bewegt sich in Chile kein Blatt", hat er mal geprahlt. Später, als es um die Verantwortung für die Verbrechen ging, traten dann doch erhebliche Wissenslücken auf.

"Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden"

Pinochets Terrorregime erhob den Kampf gegen echte und vermeintliche Kommunisten zur Staatsräson. Wer als Feind galt, war auch im Ausland nicht sicher: Allendes Außenminister Orlando Letelier und der Allende-treue General Carlos Prats wurden in Washington und Buenos Aires jeweils mit einer Autobombe getötet. In Chile durchkämmten die Sicherheitskräfte systematisch die Armenviertel der Millionenstadt Santiago, wo Allende die größte Unterstützung genoss. 3200 Menschen wurden hingerichtet oder verschwanden spurlos. Weitere 28.000 wurden verhaftet und gefoltert. "Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden, damit sie fortbestehen kann", verkündete Pinochet.

Villa Grimaldi, Colonia Dignidad, Estadio Nacional, das Segelschulschiff Esmeralda: Die Namen der Folterstätten sind heute weltweit bekannt. Die Folterknechte der Geheimpolizei DINA waren berüchtigt - ebenso wie ihre Methoden mit so vielsagenden Namen wie Callejón oscuro (dunkle Gasse), Parrilla (Grill) oder Submarino (U-Boot).

Schon am Tag des Putsches rechtfertigten die Generäle ihr Vorgehen damit, dass sie Chile "vom marxistischen Joch" befreien wollten. Unter dem Sozialisten Allende war das Land an den Rand des Chaos geraten: Streiks, lange Schlangen vor den Geschäften und eine aufgeheizte politische Stimmung kennzeichneten seine Regierungszeit. Vor diesem Hintergrund stilisierte Pinochet sich zum "Retter des Vaterlands", der Chile davor bewahrte, ein zweites Kuba zu werden.

Diese Überzeugung vertreten nicht nur chilenische Pinochetistas bis heute. Auch konservative US-Zeitungen wie das "Wall Street Journal" und Regierungschefs wie Margaret Thatcher entschuldigten den Putsch gern damit, dass Chile inzwischen die erfolgreichste Volkswirtschaft des Kontinents hat. Ihrer Ansicht nach wurde der Grundstein dafür von den "Chicago Boys" gelegt, einer Gruppe US-Ökonomen um Milton Friedman, die auf Einladung Pinochets dem Land in den siebziger Jahren eine marktliberale "Schocktherapie" verordneten.

"Verschwörung des Schweigens"

Wie sein kubanischer Antipode Fidel Castro, der auf dem Sterbebett liegt, wurde Pinochet im globalen Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus zur Schachfigur einer Supermacht. Freigegebene US-Geheimdokumente belegen, dass der US-Auslandsgeheimdienst CIA den Boden für den Putsch bereitete, indem er durch Millionenzahlungen an Allende-Gegner das Land destabilisierte. Der frühere US-Außenminister Colin Powell räumte 2003 ein, dass man nicht stolz sei auf "diesen Teil der amerikanischen Geschichte".

Augusto Pinochet wurde am 25. November 1915 in eine Mittelschichtfamilie in Valparaiso geboren. Er entwickelte früh ein Faible für alles Militärische, verschlang Geschichtsbücher und war ein Fan von Napoleon. 1933 trat er in die chilenische Armee ein, die nach preußischem Vorbild geformt war. Allende selbst ernannte Pinochet drei Wochen vor dem Putsch zum Heereschef, weil er als loyal galt.

Der Rücktritt Pinochets kam, nachdem 1988 bei einem Referendum 53 Prozent der Chilenen mit "No" gegen seinen Verbleib im Amt stimmten. Doch blieb Pinochet auch danach ein Bremsklotz beim Übergang zur Demokratie: Er war immer noch Oberbefehlshaber der Armee. Nur sehr allmählich löste sich die Gesellschaft aus seinem Schatten. Ein Untersuchungsbericht der Regierung zur Folterpraxis kam vergangenes Jahr zu dem Schluss, dass sich eine "Verschwörung des Schweigens" über das Land gelegt habe.

Es bedurfte eines Anstoßes von außen, um die Angst vor ihm zu verlieren. Mit dem spektakulären Hausarrest in London, der über ein Jahr dauerte, endete 1998 seine Unantastbarkeit. Es war kein Zufall, dass der Haftbefehl von einem spanischen Richter stammte.

Pinochet wurde nie rechtskräftig verurteilt

Danach prasselten die Anklagen auf Pinochet nieder. Aber dank vieler Finten seines Anwaltteams entging Pinochet immer wieder der Gerichtsbarkeit. Er wurde nie rechtskräftig verurteilt. Auch aus London konnte er schließlich abreisen, nachdem die britischen Behörden ihn aus Gesundheitsgründen für verhandlungsunfähig erklärt hatten. Pinochet selbst nährte immer wieder Zweifel an den Diagnosen der Ärzte: Unvergessen die Szene, als er sich nach der Ankunft aus London auf dem Flughafen von Santiago plötzlich aus seinem Rollstuhl erhob.

Bis zu seinem Tod verweigerte der "General a.D.", wie er respektvoll bis zuletzt in den chilenischen Zeitungen genannt wurde, jegliches Zeichen der Reue. Während seine Nachfolger in der Armeeführung zum dreißigsten Jahrestag des Putsches öffentlich Abbitte für die Menschenrechtsverletzungen leisteten und ein “Nie Wieder” versprachen, blieb der Greis uneinsichtig. In einer Erklärung an seinem 91. Geburtstag vor zwei Wochen übernahm er die "politische Verantwortung für alles, was getan wurde". Er ließ keinen Zweifel daran, dass er seine Verbrechen weiterhin für legitim erachtet.

In den letzten Lebensjahren führte Pinochet ein Schattendasein in seinen beiden Häusern in Santiago und an der Pazifikküste. Wiederholt wurde er unter Hausarrest gestellt. Politische Macht hatte er nicht mehr: Seinen letzten Posten als Senator auf Lebenszeit hatte er 2002 aufgegeben. Auch die Öffentlichkeit hatte das Interesse an ihrem alten Diktator seit langem verloren.

Kein Staatsbegräbnis

Fällt der Name Pinochet in Chile im Gespräch, wirkt er immer noch polarisierend. Allerdings hat die Zahl der Pinochet-Anhänger in den letzten Jahren drastisch abgenommen. Auslöser dafür war weniger die Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit als vielmehr eine banale Steuer-Affäre. Es wurde bekannt, dass Pinochet 15 Millionen Euro aus der Staatskasse auf private Konten im Ausland geschafft hatte. Damit war auch die letzte Illusion seiner Anhänger zerstört: Dass der Diktator zumindest ein anständiger Soldat war, der nur das Beste für das Vaterland wollte.

Wie sehr die chilenische Gesellschaft sich von Pinochets Erbe befreit hat, zeigt die Tatsache, dass mit der amtierenden Staatspräsidentin Michelle Bachelet nun ein Opfer der Militärdiktatur das Land regiert. Bachelets Vater, ein Allende-treuer General, war als einer der Ersten nach dem Putsch verhaftet worden und starb im Gefängnis. Sie selbst und ihre Mutter saßen in der berüchtigten Villa Grimaldi, bevor sie wie Hunderttausende ihrer Landsleute ins Exil flohen.

Bachelet, eine moderate Sozialistin, hat bereits angekündigt, dass Pinochet kein Staatsbegräbnis erhalten wird. Auch eine Staatstrauer will sie nicht anordnen. Noch bemerkenswerter: Ihr Gegner im Präsidentschaftswahlkampf, der Kandidat der rechten Pinochet-Nachfolgeparteien, Sebastian Pinera, ist der gleichen Meinung. Viele Tränen, so scheint es, werden für Pinochet nicht vergossen werden.

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