Auschwitz-Gedenken ohne Russlands Präsidenten Putins Fehler

Das Vernichtungslager Auschwitz wurde von der Sowjet-Armee befreit - aber beim 70-jährigen Gedenken ist Russlands Präsident Wladimir Putin nicht mit dabei. Ein fatales Signal aus Moskau.

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Russischer Präsident Putin: Er verschärft die Isolation seines Landes
AFP

Russischer Präsident Putin: Er verschärft die Isolation seines Landes


Es gibt Gelegenheiten, zu denen die Welt zusammenrückt. Aktuelle geopolitische Auseinandersetzungen geraten dann kurzzeitig in den Hintergrund, manchmal entspringt dem gemeinsamen Innehalten sogar ein positiver Impuls für die schwierige Gegenwart.

Das Auschwitz-Gedenken könnte so eine Gelegenheit sein, mitten in der wiederaufflammenden Ukraine-Krise. Aber leider wird der russische Präsident Wladimir Putin in Polen nicht dabei sein, wenn neben Joachim Gauck zahlreiche Staats- und Regierungschefs am Dienstagnachmittag an die Befreiung des Vernichtungslagers erinnern. Dabei waren es Soldaten der Roten Armee, die am 27. Januar 1945 das NS-Lager befreiten, in dem seit Sommer 1940 rund 1,1 Millionen Menschen ermordet worden waren.

Vor zehn Jahren, zum 60-jährigen Gedenken, hielt Putin in Auschwitz sogar eine Rede. Fünf Jahre später nahm sein zwischenzeitlicher Platzhalter als Präsident, Dmitrij Medwedew, an den Feierlichkeiten teil. Diesmal schickt Putin seinen Stabschef. Zu Recht trug die Sowjetunion und nach deren Zerfall stellvertretend Russland voller Stolz das Siegel der Auschwitz-Befreier. Eine wahre Heldentat.

Natürlich gibt Putin dieses positive Erbe nicht auf durch sein Fernbleiben. Aber es sind doch fatale Signale, die er damit aussendet.

Einmal wegen der vertanen Chance, sich die Vergangenheit für die Gegenwart zu Nutze zu machen. Gelungen war das zuletzt im Juni 2014 beim 70-jährigen Gedenken an die Landung der Alliierten in der Normandie. Da saß Russlands Präsident mit auf der Tribüne - und aus den anschließenden Gesprächen mit Gastgeber François Hollande, Kanzlerin Angela Merkel und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko entstand das sogenannte Normandie-Format: Eine Runde bestehend aus Vertretern der vier Länder, die mögliche Lösungen für die Ukraine-Krise erarbeitet.

Auschwitz ist Symbol für die Barbarei des Nazi-Regimes, für den Holocaust an den Juden, für das Gegenteil einer freien und toleranten Gesellschaft. Und ein Mahnmal gegen Hass und Gewalt. Putins Abwesenheit in Auschwitz wirkt auch so, als wolle er zeigen, wie wenig ihn dieser Diskurs momentan interessiert. Zuletzt hatte Russland den Nachdruck der islamkritischen "Charlie Hebdo"-Karikaturen unter Strafe gestellt - auch das wirkte wie eine demonstrative Geste gegenüber dem Westen.

Wladimir Putin ist in der Schmollecke, zieht sich darauf zurück, dass er keine persönliche Einladung zu der Gedenkfeier erhalten habe. Aber die hat nach aktuellem Stand niemand der Staats- und Regierungschefs bekommen, die in Auschwitz sein werden. Anders als in der Vergangenheit wurden diesmal nur die Botschafter einzelner Länder, auch Russlands, angeschrieben.

Putin wollte in Auschwitz offenbar nicht dabei sein. Damit verschärft er die Isolation Russlands weiter, die der Präsident wegen der internationalen Sanktionen beklagt. Das hilft weder seinem Land noch ihm selbst.

Zum Autor
Jeannette Corbeau

Florian Gathmann ist Redakteur im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE in Berlin. Er beobachtet Joachim Gauck schon seit seiner ersten erfolglosen Präsidentschafts-Kandidatur 2010.

E-Mail: Florian_Gathmann@spiegel.de

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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
Inuk 27.01.2015
1. Mord
Hinweis an den Autor: Die 1,1 Millionen Menschen sind nicht gestorben, sondern wurden ermordet!
stonecold 27.01.2015
2.
In Russland toben die Medien seit Wochen darüber, dass Putin von Polen nicht eingeladen wurde. Angesichts der unterlassenen Einladung hier den Eindruck zu erwecken, als würde Putin aus gekränkter Eitelkeit nicht teilnehmen, ist ziemlich daneben.
exil-berliner 27.01.2015
3. Politische Situation angespannt
Als russicher Präsident würde ich in der momentan angespannten und kriegerischen Atmosphäre auch nicht nach Polen reisen, somit kann man verstehen weshalb Pution nicht zum 70. Gedenktag kommt. Das hat aber nichts mit Respektlosigkeit vor den Opfern zu tun.
linkereuropäischerpatriot 27.01.2015
4. Man weis nicht mehr, wem man glauben soll...
...im Russischen Fernsehen wird das Thema völlig anders dargestellt. Wem soll ich noch glauben?! Hier bei Spon stand zu dem Thema Ukraine/Russland ebenfalls schon so viel propagandistischen Unsinn, dass man dem hier geschriebenen Wort ebenfalls misstrauen muss! Wohin ist der westliche Journalismus abgerutscht, der einmal für unvoreingenommene Information stand. Traut Ihr euern eigenen Lesern nicht zu, diese Information richtig zu verarbeiten? D.h. Ihr habt den Glauben an die pluralistische, gebildete und humane Gesellschaft schon verloren!
iasi 27.01.2015
5. In der Schmollecke? Auch weil er dort hineingedrängt wird.
Wir befinden uns doch längst wieder im Kalten Krieg. Die USA inkl. EU nutzem die ökonomische Waffen, um Russland zu schaden, und Russland lässt in der Ukraine kämpfen. Ebenso, wie man den Aussagen Putins zur Rolle Russlands in der Ukraine glauben kann, sind der Ölpreisverfall und die Rating-Herabstufung Russlands keine zufälliges Ereignisse. Da werden wir uns wohl noch warm anziehen müssen, denn beide Seiten gefallen sich darin, die Muskeln spielen zu lassen - inkl. Bevölkerung.
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