Deportation der Juden Orbán erkennt Komplizenschaft Ungarns im Holocaust an

Hunderttausende ungarische Juden wurden von den Nazis nach Auschwitz deportiert - mit Hilfe der ungarischen Polizei. Ein Fakt, den Regierungschef Victor Orbán nun erstmalig öffentlich eingestanden hat.

Ungarns Regierungschef Orbán: "Wir waren unentschlossen, als wir hätten helfen sollen"
AP

Ungarns Regierungschef Orbán: "Wir waren unentschlossen, als wir hätten helfen sollen"


Budapest - Bei einer Gedenkfeier auf einem jüdischen Friedhof zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren hat der ungarische Regierungschef die bedeutsamen Worte über die Lippen gebracht: Viktor Orbán hat erstmals die Komplizenschaft seines Landes beim Holocaust anerkannt. "Wir waren ohne Liebe und unentschlossen, als wir hätten helfen sollen", sagte Orbán.

Am Dienstag werde die ungarische Regierung an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer teilnehmen, sagte Orbán. "Zwischen diesen Gräbern stehend ist es unvorstellbar, dass uns all das vor 70 Jahren geschah", sagte er. Damit bezog er sich auf den Weg "von der Kameradschaft mit den heldenhaften Juden des Ersten Weltkriegs hin zu den Konzentrationslagern".

Sehr viele Ungarn hätten sich zum schlechten Handeln entschlossen statt zum guten, "zu beschämenden Aktionen statt zu ehrenwerten", sagte der Regierungschef. Der Holocaust sei eine "nationale Tragödie für Ungarn" gewesen. Rund 600.000 ungarische Juden wurden während des Holocausts getötet. Die meisten von ihnen wurden von den Nazis mit Hilfe der ungarischen Polizei nach Auschwitz deportiert. Etwa 430.000 der 1,3 Millionen Menschen, die in dem Vernichtungslager starben, waren ungarische Juden, so heißt es auf der Webseite zum Jahrestag der Befreiung.

Mitte Januar hatten ungarische Juden bereits in der Großen Synagoge von Budapest der Befreiung des jüdischen Gettos in der ungarischen Hauptstadt gedacht. Die Gedenkfeierlichkeiten hatten eine Kontroverse ausgelöst: Viele Gruppen, die Zeremonien organisierten, lehnten eine finanzielle Unterstützung durch Orbáns Regierung ab. Sie warfen dem Ministerpräsidenten vor, dass er die Komplizenschaft des ungarischen Staates bei der Deportation der Juden durch die Nazis verharmlose. Die Regierung wies diesen Vorwurf zurück.

Gauck reist zur Gedenkfeier

Die internationale Gedenkfeier im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht zum 70. Jahrestag der Befreiung im Zeichen der Überlebenden. Rund 300 der inzwischen hochbetagten früheren Häftlinge wollen an die Opfer erinnern, die Auschwitz nicht überlebt haben. Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitglieder aus rund 40 Ländern werden teilnehmen. Der russische Präsident Wladimir Putin ist nicht dabei.

Deutschland wird von Bundespräsident Joachim Gauck vertreten. Er hält zuvor eine Gedenkrede im Bundestag in Berlin. Das Parlament kommt zu einer Sondersitzung zum Gedenken an die Befreiung des Lagers zusammen. Auch in Jerusalem, New York, Prag und anderen Städten soll an die Holocaust-Opfer erinnert werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer Pressemitteilung weist die Pressestelle des Premierministers darauf hin, dass Orbán bereits 2004 anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Kommunismus die Komplizenschaft Ungarns beim Holocaust erläutert hat. Die Rede auf Ungarisch ist hier zu hören.

vek/AFP/Reuters/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
gooodewind 27.01.2015
1. passend
Orban ist auf direktem Weg in einen autoritären Staat, nach Nazi-Muster. Jene barbarische Verachtung vor allem was lebt, das bleibt zwar vermutlich einzigartig auf der Welt aber die Näherungsindizien sind unübersehbar, Zensur Apartheid und eine stramm rechte Administration lassen nichts gutes ahnen. Eine lohnende Aufgabe für unseren "Bundesgaukler" aber der wird nur dann zum Freiheitshelden wenn es in den "Politikkram" passt.
mborevi 27.01.2015
2. Die Wahrheit ...
... ist nicht davon abhängig, ob irgendein Politiker sie anerkennt. Sie wird vielmehr von Historikern untersucht und belegt. Die Möglichkeit von Politikern, eigene "Wahrheiten" zu erzeugen, ist sehr begrenzt und nur kurzfristig wirksam.
malte.b 27.01.2015
3. Vörgängerfrage
"Viktor Orbán hat erstmals die Komplizenschaft seines Landes beim Holocaust anerkannt." Ich vermisse im Artikel einen Hinweis darauf, wie sich seine sozialistischen Vorgänger bezüglich dieser Frage äußerten. Bedeutet 'erstmals', dass diese im Gegensatz zu Orbán keine eigene Verantwortung für das Geschehene zugaben ?
spon-facebook-10000140154 27.01.2015
4. nun.. wenigstens wurde es zugegeben.........
die Bevölkerung in Frankreich und einigen anderen Ländern die von den Nazis besetzt waren streiten die "Mithilfe" heute noch ab. Viele Juden kamen in diesen Ländern durch Denunziation ins KZ
playintime 27.01.2015
5. Aber doch
Zitat von malte.b"Viktor Orbán hat erstmals die Komplizenschaft seines Landes beim Holocaust anerkannt." Ich vermisse im Artikel einen Hinweis darauf, wie sich seine sozialistischen Vorgänger bezüglich dieser Frage äußerten. Bedeutet 'erstmals', dass diese im Gegensatz zu Orbán keine eigene Verantwortung für das Geschehene zugaben ?
Ich habe Geschichte in Ungarn gelernt. Nur sie alle tragen keine eigene Verantwortung wie auch Kohl, Schröder und Merkel auch nicht. Die Verantwortlichen heißen Horthy, Sztójay, Szálasi, usw., und nicht Kádár, Gyurcsány oder Orbán. In Sozialistischen Ungarn hätte auch ein Hans Filbinger niemals Ministerpräsident werden können.
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