Auslandspresse "Jetzt drohen Anschläge in Deutschland"

Auch die ausländische Presse beschäftigt sich mit den makabren Fotos von Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. "Ein schwerer Schlag für Deutschland", schrieb zum Beispiel die italienische "La Repubblica."


"La Stampa" (Turin): "Es handelt sich nicht um Folterungen wie im irakischen Gefängnis Abu Ghureib oder gar um Mohammed-Karikaturen, der Totenschädel stammt vermutlich von einem russischen Soldaten, aber die Folgen des Vorfalls dürften verheerend sein und er könnte neue Welle der islamischen Wut auslösen, mit Anschlägen in Afghanistan oder gar in Deutschland selbst. (...)

Ein Vorfall, der umso verantwortungsloser erscheint, da die deutschen Soldaten, die nach Afghanistan kommen, in einem besonderen Kurs zwei Wochen lang auf die Kultur und die Religion des Landes vorbereitet werden und zudem ein Dossier mit Verhaltensregeln bekommen."

"La Repubblica" (Rom): "Die Bundesrepublik hat einen äußerst schweren Schlag für das Ansehen ihrer Streitkräfte erlitten. Es besteht die große Befürchtung, dass - wenn Fernsehsender wie Al-Dschasira oder andere TV-Sender im Nahen Osten die Bilder verbreiten - sich dann eine Welle der Wut und des Hasses in der islamischen Welt erhebt. Wie nach den Folterungen im irakischen Gefängnis Abu Ghureib oder nach den dänischen Mohammed-Karikaturen."

"Daily Telegraph" (London): "Die Entscheidung des Bundeskabinetts für eine Neudefinition der Aufgaben der Streitkräfte ist zu begrüßen. Das ist die überfällige offizielle Anerkennung einer Tatsache, die im Feld schon lange offensichtlich wird. Traurig, dass sie von den ekelhaften Bildern befleckt wird, wie deutsche Soldaten in Afghanistan einen menschlichen Schädel schänden.

Die Entscheidung ist Teil eines langwierigen Prozesses, mit dem die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik dem wirtschaftlichen Gewicht des Landes angepasst wird. Das Kabinett hat dem Rest der Welt seine Absichten kundgetan und das eigene Volk daran erinnert, dass sich die Welt seit 2001 grundlegend geändert hat."

"El País" (Madrid): "Die Vorstellung des neuen Weißbuchs zur deutschen Sicherheitspolitik sollte zu einem großen Ereignis werden. Sie wurde jedoch überschattet von den Skandalbildern aus Afghanistan. Alle Länder müssen peinlich genau auf das Verhalten ihrer Soldaten achten. Die Aufregung, die die Fotos in Deutschland auslösten, ist ein Beweis dafür, dass weder die Regierung noch die Gesellschaft ein Fehlverhalten ihrer Militärs hinnehmen.

Dies ist für Deutschland besonders wichtig, weil das Land seit der Wiedervereinigung eine größere militärische Rolle in der Welt spielt. Anfangs hatte es auf Grund der deutschen Vergangenheit Bedenken gegeben, aber jetzt ist Deutschland mit über 8000 Soldaten in Afghanistan, auf dem Balkan, in Afrika und im Nahen Osten präsent."

als/dpa



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