Auslandspresse zu Gauck "Viele Länder sind jetzt neidisch"

Die Kandidatur von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wird in der europäischen Presse positiv aufgenommen. "Die Deutschen können es", schreibt die polnische Rzeczepospolita. Ein Stein im "bundesrepublikanischen Mainstream", konstatiert auch die NZZ. "Alles Gute", wünscht ihm die Irish Times.

Designierter Bundespräsident Gauck: "Störend und unbequem"
dapd

Designierter Bundespräsident Gauck: "Störend und unbequem"

Von Carolin Lohrenz


Ganz Deutschland hat mit der Einigung auf Joachim Gauck als Bundespräsidentenkandidaten gesiegt, will man nach Lektüre von Europas Presse glauben. Die Wähler sind zufrieden, die Opposition auch.

Die Warschauer "Rzeczepospolita" findet die Ereignisse im Nachbarland mal wieder vorbildlich. "Viele Länder sind jetzt neidisch", glaubt die konservative Zeitung. Denn schließlich berichteten dort die Zeitungen über die eigenen Politiker, die oft mehr in Korruptionsskandale verstrickt seien als Wulff es je war.

"Die Deutschen können es. Sie treiben korrupte Politiker wie Wulff aus dem Amt und ersetzen ihn in bemerkenswerter politischer Einigkeit mit einem untypischen Politiker, eher einer Stimme des Gewissens mit starkem ostdeutschem Akzent. Für Polen ist es besonders überraschend, dass die Deutschen sich jemanden zum Präsidenten wählen, der in anderer Leute Lebensläufen herumgeschnüffelt hat. Der die Meinung vertrat, dass die Einschränkung der Freiheit in den Stasi-Archiven den Scharfrichtern diente, und nicht den Opfern. Jetzt kommen in Europas wichtigstem Land zwei Spitzenpolitiker aus der DDR. Beide kennen das kommunistische System. Sie schämen sich nicht, darüber zu reden. Bedenkt man, dass beide die Erinnerung an Vertriebene aus dem Zweiten Weltkrieg unterstützen, dann darf man sagen, dass Deutschland weiß, wie eine entschiedene Geschichtspolitik zu führen ist."
"Rzeczepospolita" , Warschau

"Kandidaten für hohe Ämter werden in Deutschland genau unter die Lupe genommen", bemerkt aber die "Neue Zürcher Zeitung" und erzählt, wie zahlreiche Stimmen aus Parteien und Verbänden bereits tüchtig über den Kandidaten herzögen, "der mit seiner Freiheitsliebe und seinem Antikommunismus das grüne Liebäugeln mit linkem Gestus und linken Accessoires aufs Schärfste konterkariert."

"Politische Korrektheit zählt tatsächlich nicht zu Gaucks hervorstechendsten Eigenschaften, und das wird den breiten politisch-medialen bundesrepublikanischen Mainstream noch gehörig verwirren. [...] Dies ist denn auch das Stichwort für die neue Debatte. Gauck bedient das eminent deutsche Bedürfnis nach Gerechtigkeit nur mangelhaft."
"Neue Zürcher Zeitung", Zürich

Das macht ihn zum Risiko, findet "La Libre Belgique", aber auch zum Volksliebling.

"Gauck ist keine Lady Di. Die Parteichefs wissen, dass er störend und unbequem ist. Die Deutschen klagen über die Kluft zwischen sich und der politischen Klasse und schätzen Gauck dafür, dass er kein Phrasendrescher ist. Der exzellente Redner, der von keiner Partei abhängt, lockt die Massen an. Er berührt die Menschen durch seine Menschlichkeit, sein Charisma und seine Integrität."
"La Libre Belgique", Brüssel

Gäbe es in Deutschland eine Volkswahl, hätte der Bundespräsident daher seit 2010 schon Joachim Gauck geheißen, schreibt der "Der Standard" in Wien.

"Warum in Deutschland mehr als 66 Jahre nach Kriegsende noch immer eine nicht mehr begründbare Angst vor zu viel direkter Demokratie herrscht, ist mit rationalen Argumenten nicht zu beantworten. Denn die Deutschen haben, anders als die Österreicher, Lehren aus der Geschichte gezogen. Und der deutsche Bundespräsident hat weitaus weniger Machtbefugnisse als das österreichische Staatsoberhaupt. Umso wichtiger ist für den deutschen Bundespräsidenten die Macht des Wortes.
"Der Standard", Wien

In Irland, das seinem Präsidenten ähnlich moralische Macht gibt, dafür diesen aber direkt wählt, kommt die "Irish Times" mit einem Querdenker in Deutschland ganz gut klar.

"Er ist ein unabhängiger Kopf. Als einer der besten Redner der deutschen Politik setzt er seine Wortgewandtheit ein, um die Bedeutung von persönlicher Freiheit und individueller menschlicher Würde zu verteidigen. [...] Deutschlands europäische Nachbarn sollten ihm alles Gute wünschen."
"Irish Times", Dublin

Das tut auch Barbara Spinelli. Mit Inbrunst schreibt die Kolumnistin der römischen "La Repubblica" schon seit Wochenanfang ihre Zustimmung für den Kandidaten, vergleicht viel mit dem Prager Václav Havel und erhofft sich noch mehr Gutes. Nicht zuletzt auch für das krisengeschüttelte Europa, in dem sich Staaten derzeit verbal anfeinden.

"Wie soll ein föderales Europa entstehen, wenn eine Kultur die Oberhand gewinnt, die wenig mit dem gemein hat, was Europa aus zwei Weltkriegen gelernt hat? Die Wahl eines Bundespräsidenten wie Joachim Gauck in Deutschland ist eine gute Nachricht, weil die deutsche Bevölkerung zu diesem Klima der gegenseitigen Verdächtigungen beigetragen hat, wenngleich diese nicht immer ganz unbegründet waren. Europa braucht eine intelligente Bevölkerung und keine Sündenböcke, und Gauck, der an offene Worte gewöhnt ist, könnte da hilfreich sein."
"La Repubblica", Rom



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babsi100 24.02.2012
1. Neid?
Zitat von sysopdapdDie Kandidatur von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wird in der europäischen Presse positiv aufgenommen. "Die Deutschen können es", schreibt die polnische Rzeczepospolita. Ein Stein im "bundesrepublikanischen Mainstream", konstatiert auch die NZZ. "Alles Gute", wünscht ihm die Irish Times. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817309,00.html
Wieso sollen andere Länder neidisch sein auf Gauck die kennen den gar nicht und noch hat er sich nicht beweisen können wie gut oder schlecht er ist. Ob der dem Volk gut tut wird man sehen, da habe ich meine zweifel lass mich einfach überraschen.
Andro 24.02.2012
2. Endlich ein Menschenrechtler, es ist dringend fällig
Zitat von sysopdapdDie Kandidatur von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wird in der europäischen Presse positiv aufgenommen. "Die Deutschen können es", schreibt die polnische Rzeczepospolita. Ein Stein im "bundesrepublikanischen Mainstream", konstatiert auch die NZZ. "Alles Gute", wünscht ihm die Irish Times. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817309,00.html
Und das zu recht. Die Vorgänger waren entweder primitiv materiel korrupt wie Wulff oder auf gehobenen Niveau national-progmatisch wie Rau und Köhler (aggieren für eigne nationale Gruppe, was die Macht im Land vor Ort und Aufstieg eigenen Leuten sichert und erst dann den vorzüglichen, permanenten und sicheren Zugang an das Materielle steifest sichert). Gaukt ist bekanntlich außer den Blümenbetten gewesen und er wird erster Mensch im Amt, das jetzt überhaupt nur diese einzige Grundlage hat- Menschen/Bürgerrechte, nach der Zeit der national besinnten. Da sind andere zu Recht neidisch.Alle wollen nach vorn und weg vom Baum.
irgendwer_bln 24.02.2012
3. nicht zu viel erwarten
Zitat von sysopdapdDie Kandidatur von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wird in der europäischen Presse positiv aufgenommen. "Die Deutschen können es", schreibt die polnische Rzeczepospolita. Ein Stein im "bundesrepublikanischen Mainstream", konstatiert auch die NZZ. "Alles Gute", wünscht ihm die Irish Times. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817309,00.html
Wieso die polnische Presse von "neidisch sein" schreibt, erschließt sich mir auch nicht. Der Mann ist noch nicht gewählt. Dennoch beginnt bereits vor Amtsantritt ein ähnlicher Hype, wie wir ihn in den USA zu Antrittszeiten Obamas feststellen konnten. Was verfrühte Lobeshymnen anrichten können, weiß das norwegische Nobel-Komitee nun zu gut. Lasst uns nicht den gleichen Fehler machen! Was "Der Standard" angeht, kann ich folgende Formulierung einfach nicht begreifen: Es ist keine Angst, die uns von direkter Demokratie abhält, sondern unsere gewählten Volksvertreter! Fehlinterpretation!
nudelsuppe 24.02.2012
4.
Zitat von sysopdapdDie Kandidatur von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wird in der europäischen Presse positiv aufgenommen. "Die Deutschen können es", schreibt die polnische Rzeczepospolita. Ein Stein im "bundesrepublikanischen Mainstream", konstatiert auch die NZZ. "Alles Gute", wünscht ihm die Irish Times. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817309,00.html
Na da bin ich ja froh, das wir den richtigen gefunden haben. Ich hoffe, er wird ein wenig unbequem werden. Und hoffentlich schnackt er nicht so viel Mist, wie der Wulff.
bobelexxx 24.02.2012
5. Was für ein Vergleich!
Gauck mit Havel zu vergleichen ist ja wohl eine Frechheit, letzterer würde sich wohl im Grab herumdrehen... Warum nicht gleich Mutter Theresa oder den Heiland höchstpersönlich? Wenn das so weitergeht, wird der Gauck noch platzen vor lauter Eitelkeit...
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