Auslieferung Berlin und Washington rangeln um Binalshibh

Um die Auslieferung des verhafteten Terror-Drahtziehers Ramzi Binalshibh bahnt sich ein Tauziehen zwischen den USA und Deutschland an. Die Amerikaner brauchen dringend einen Fahndungserfolg, die Deutschen aber wollen dem Terroristen selbst den Prozess machen - und könnten ein Verfahren in den USA blockieren.


Ramzi Binalshibh: Auslieferung könnte für Ärger sorgen
FBI/ AFP/ DPA

Ramzi Binalshibh: Auslieferung könnte für Ärger sorgen

Washington - Der jetzt in Pakistan gefasste Binalshibh, 30, gilt als eine Schlüsselfigur bei der Aufklärung der Anschläge vom 11. September. Er soll der Logistiker der Hamburger Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta gewesen sein. Wie wichtig seine Verhaftung den amerikanischen Ermittlern ist, bekam Binalshibh jüngst von allerhöchster Stelle bescheinigt: "Er war einer Organisatoren der Anschläge vom 11. September", sagte Präsident Bush.

Die amerikanischen Behörden, deren weltweite Fahndung bislang eher magere Ergebnisse brachte, wollen Binalshibh in jedem Fall in den USA den Prozess machen, nicht zuletzt aus politischen Gründen. Das aber könnten die Deutschen verhindern.

Denn während Binalshibh in den USA weder angeklagt ist noch auf der Liste der FBI-Liste der meist gesuchten Terroristen auftaucht, liegt aus Deutschland ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vor. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigte unmittelbar nach Binalshibhs Verhaftung einen Auslieferungsantrag an.

Otto Schily will Binalshibh nach Deutschland holen
AP

Otto Schily will Binalshibh nach Deutschland holen

Die US-Ermittler haben den Mann seit langem im Visier: In der Anklageschrift des Franko-Marokkaners Zacarias Moussaoui, der als einziger in den USA wegen der Terroranschläge angeklagt ist, wird Binalshibh als Verschwörer genannt. Er soll Moussaoui aus Deutschland mit Geld versorgt haben.

Sollte die pakistanische Regierung Binalshibh aber nach Deutschland ausliefern, wäre er für die Amerikaner unerreichbar. Da ihm in den USA die Todesstrafe droht, könnten die deutschen Behörden ihn nicht weitergeben. Deshalb wollen die Amerikaner, die schließlich den entscheidenden Tipp zur Verhaftung gaben, Binalshibh am liebsten selbst von den Pakistanern übernehmen.

Einem Bericht der pakistanischen Zeitung "News" zufolge steht genau das bevor. Das Blatt berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, Binalshibh werde in der Nähe des Flughafens von Karatschi festgehalten und könnte schon am Sonntag oder Montag ausgeflogen werden. Die Entscheidung, ihn an die USA auszuliefern, sei bereits gefallen.

Doch die Genugtuung, die sich die Amerikaner von einem Prozess gegen Binalshibh versprechen, könnte selbst dann noch gefährdet sein - wiederum durch die Deutschen. Die Originale wichtiger Beweismittel, wie etwa Überweisungsträger, will Berlin den amerikanischen Behörden nicht zur Verfügung stellen - unter Verweis auf die drohende Todesstrafe.



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