Regierungsgebäude angezündet Ausschreitungen bei Protesten in Bosnien

Die Regierung in Bosnien hat das Land in eine Sackgasse manövriert - nun setzt sich die verarmte Bevölkerung mit massiven Protesten zur Wehr. Mindestens ein Regierungsgebäude steht in Brand. Der Innenminister rief die Regionalregierung in Tuzla zum Rücktritt auf.

Demonstrantin in Tuzla: Von Politikern verschuldete Sackgasse
AP/dpa

Demonstrantin in Tuzla: Von Politikern verschuldete Sackgasse


Belgrad/Tuzla - Der Protest gegen Arbeitslosigkeit und Verelendung in Bosnien eskaliert weiter. Zehntausende Bosnier sind am Freitag aus Zorn über die Politiker ihres Landes auf die Straße gegangen. Sie werfen ihnen Unfähigkeit und Korruption vor.

Zu schweren Ausschreitungen kam es unter anderem in der Industriestadt Tuzla im Nordosten Bosnien-Herzegowinas. Dort zündeten Demonstranten das Gebäude der regionalen Regierung an. Auch in den Präsidentenpalast in Sarajevo sollen Protestierende eine brennende Fackel geworfen haben, berichtet ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters.

In Sarajevo warfen rund tausend Demonstranten die Scheiben des Regionalregierungsgebäudes ein. Die Polizei schoss daraufhin nach Angaben von Augenzeugen Gummigeschosse und Blendgranaten ab, um Demonstranten auseinanderzutreiben. Teilweise gewaltsame Proteste gab es unter anderem auch in Zenica, Bugojno, Cazin und Bihac. "In diesem Land ereignet sich ein Tsunami der bestohlenen Bürger", sagte Innenminister Fahrudin Radoncic in Sarajevo.

Seit dem Bürgerkrieg von 1992 bis 1995 steckt Bosnien in einer von Politikern verschuldeten Sackgasse, wie das EU-Parlament in Straßburg erst am Vortag wieder gerügt hatte. Wegen des Dauerstreits der muslimischen Bosniaken, der orthodoxen Serben und der katholischen Kroaten ist das gesamte Land blockiert.

Familien der Polizisten "genauso verarmt"

Der Innenminister rief die Regionalregierung in Tuzla zum Rücktritt auf. Die Polizisten sollten keine Gewalt gegen ihre Mitbürger anwenden, verlangte der Spitzenpolitiker weiter. Denn die Polizisten hätten wegen Geldmangels nicht einmal "vernünftige Uniformen". Ihre Familien seien genauso verarmt und von der Politik gebeutelt wie die Demonstranten.

Am Donnerstag waren bei landesweiten Protesten bereits mehr als 130 Menschen verletzt worden. Unter anderem in Tuzla war eine Kundgebung in Gewalt umgeschlagen. Dort warfen Randalierer Fensterscheiben ein, setzten Mülltonnen in Brand und griffen nach Angaben der Behörden Polizisten mit Steinen und Leuchtmunition an. Die Polizei setzte schließlich Tränengas ein.

Die Demonstrationen dauern schon seit Mittwoch an. Die Arbeitslosenquote in Bosnien liegt bei mehr als 44 Prozent. Nach amtlichen Angaben lebt ein Fünftel der 3,8 Millionen Bosnier in Armut, viele leiden Hunger. Der durchschnittliche Monatslohn in dem Balkanland liegt bei 420 Euro.

vek/Reuters



insgesamt 7 Beiträge
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ovoso 07.02.2014
1.
bis jetzt noch kein kommentar? das zeigt natürlich bosniens wirkung und wahrnehmung nach außen. während bei berichten über proteste in der ukraine oder sonstwo stundenlang diskutiert wird, nimmt man fas ganze in bosnien (höchstens) zur kenntnis ...
tok.p 07.02.2014
2. Ist nicht im Interesse
Der Bürger soll doch nicht merken, dass die EU und die USA nach dem Bosnienkrieg alles falsch gemacht haben...
peterzilg 07.02.2014
3. Bosnien ist
... und hat noch keinen EU-Beitritts-Antrag gestellt. Kaum vorstellbar wären die Konsequenzen für alle angesichts dieser riesigen Arbeitslosigkeit in Bosnien und der erfolgten Freizügigkeitsverfügung für Bürger in EU-Mitgliedsstaaten ..... Aber andererseits betrifft die kritische Situation ganz Europa und verängstigt .... Offensichtlich sind sogar die Forenten sprach- und textlos. Es ist so still und bedrückend. Die verantwortlichen Bosnier sind enorm herausgefordert, Lösungen zu finden und "alle" MÜSSEN dem kleinen Volk kräftig zur Hilfe kommen. Die Lunte muss gelöscht werden....
...nachrede 08.02.2014
4.
Seitens EU muss mehr kommen als nur Durchhalteparolen! Schließlich hat man den Dayton-Vertrag mitzuverantworten, der genau zu dieser Lage im Land geführt hat.
Zoi-84 08.02.2014
5. Schande für Europa
Bemerkenswert wie lapidar über die Proteste in Bosnien berichtet wird und wie regungslos die EU- Politik dabei zuschaut. Andererseits, da sie es doch sind, die dieses politische Fiasko mit zu verantworten haben, zusammen mit den USA, wundert das wohl nicht. Mir tun die Menschen leid, die nach dem grausamen Krieg auch noch mit der seit Jahrzehnten andauernden politischen und sozialungerechten Situation leben müssen. Und das vor der Tür Europas
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