Ausschreitungen im Kosovo Kfor-Truppen retten Polizisten vor Randalierern

Vermummte mit Holzlatten, Grenzposten in Flammen, die Polizei auf der Flucht: Hunderte aufgebrachte Serben haben zwei Uno-Kontrollposten an der Grenze zum Kosovo verwüstet. Kfor-Truppen mussten den Sicherheitskräften zur Hilfe kommen - mit Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen.


Pristina - Die Lage war brenzlig: An den Grenzübergängen Janjine und Leposavic im Norden des Kosovo mussten Soldaten der Nato-Friedenstruppe Kfor unter Einsatz von Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen Uno- und Kosovo-Polizisten vor einer aufgebrachten Menge retten. Verletzte habe es nicht aber gegeben. Der Mob zündete Kontrollhäuschen und Mannschaftsräume sowie mindestens zehn Uno-Fahrzeuge an, wie die Kosovo-Polizei mitteilte. Außerdem wurden die Grenzposten beschossen, die Container wurden allerdings rechtzeitig geräumt. Daraufhin sei Kfor-Verstärkung in das Grenzgebiet zu Serbien geschickt worden.

"Es war eine sehr gefährliche Lage, und die Polizei musste sich zurückziehen und die Hilfe der Nato-Friedenstruppe anfordern", sagte ein Sprecher der multiethnischen Polizei des Kosovos. Die Kfor-Soldaten griffen zwar nicht ein, verstärkten aber ihre Patrouillen, Straßen nach Serbien wurden gesperrt. Der Regierungschef des Kosovo, Hashim Thaci, bezeichnete die Vorgänge als "vereinzelte Vorfälle". Die Kfor, die kosovarische Polizei und die Uno-Polizei hätten die Situation inzwischen unter Kontrolle.

In der 30 Kilometer südlich gelegenen Stadt Kosovska Mitrovica, die zwischen Kosovo-Albanern und Serben geteilt ist, demonstrierten rund 2000 Angehörige der serbischen Minderheit gegen die Unabhängigkeit der bisherigen serbischen Provinz. In der Stadt waren in der Nacht drei Handgranaten gezündet worden, zwei davon in Häusern von Kosovaren, die deren Bewohner aber schon vor Jahren aufgegeben hatten.

Die ersten Gesetze

Im Parlament des neuen Zwergstaats herrschte heute Betriebsamkeit: Die Abgeordneten in Pristina verabschiedeten die ersten zehn eigenen Gesetze, unter anderem zur Staatsbürgerschaft, zu eigenen Pässen sowie zur Schaffung eines Außenministeriums.

Russland warnte die EU vor den "Konsequenzen" einer Anerkennung des Kosovo. Als erster ranghoher Auslandsvertreter reiste der EU-Außenbeauftragte Javier Solana ins Kosovo. Serbiens Außenminister Vuk Jeremic forderte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf, die Loslösung des Kosovo von Serbien zu verurteilen.

Die Anerkennung des Kosovo werde "Konsequenzen" für die Beziehungen zwischen Russland und der EU haben, warnte der russische EU-Beauftragte Sergej Jastrschembski in Moskau. "Es wäre naiv zu glauben, dass die Haltung der wichtigsten EU-Mitgliedstaaten (...) nicht als Problem für unsere Beziehungen zur EU wahrgenommen würde", sagte er. Während Russland den serbischen Protest gegen die Kosovo-Unabhängigkeit unterstützte, hatte die Mehrheit der 27 EU-Staaten am Montag die Anerkennung des Kosovo als eigenständigen Staat angekündigt. Nach den USA haben Frankreich und Großbritannien diesen Schritt als erste EU-Länder bereits vollzogen.

"Gute Freunde" und "positive Energie"

EU-Chefdiplomat Solana betonte in Pristina, die EU und das Kosovo seien "gute Freunde" und forderte die Kosovaren auf, all ihre "positive Energie" in die Entwicklung ihrer Gesellschaft zu stecken. Er kündigte an, die EU werde Präsenz im Kosovo zeigen und dem Kleinstaat wirtschaftlich helfen.

Serbiens Außenminister Vuk Jeremic forderte bei einer außerordentlichen Sitzung der OSZE in Wien, die Organisation solle die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo verurteilen. Die Loslösung sei "illegal", sagte Jeremic bei der Sitzung, die auf Drängen Belgrads einberufen worden war. Jeremic schloss die Ausweisung von Botschaftern aus Serbien nicht aus, deren Länder das Kosovo als unabhängig anerkennen. Noch sei über einen derartigen Schritt nicht beraten worden, aber es würden alle diplomatischen, wirtschaftlichen und juristischen Maßnahmen ergriffen, die einem Staat "zur Verteidigung seiner Souveränität" zur Verfügung stünden.

Dass Serbien seine eigenen Botschafter aus diesen Ländern zurückbeordert habe, sei ein erster Schritt, betonte Jeremic. Serbien hatte gestern seine Spitzendiplomaten aus den USA, der Türkei und Frankreich zurückgerufen.

ffr/AP/AFP/dpa



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