Ausschreitungen in Rom Sieg der Randalierer

Brennende Autos, Straßenkämpfe, gewaltbereite Autonome: Während die Demonstrationen gegen die Finanzbranche weltweit friedlich abliefen, ist der Protest in Rom eskaliert. Italiens Hauptstadt glich teilweise einem Schlachtfeld.

REUTERS

Von , Rom


Es war nicht so, dass niemand mit Tumulten gerechnet hätte. Seit dem frühen Samstagmorgen sammelten sich Polizei-Einheiten um das Colosseum in Rom, vergitterten unter den Blicken von ahnungslosen Touristen die Fenster ihrer Kastenwagen und sicherten die Route, die 200.000 erwartete Demonstranten zur großen Abschlusskundgebung auf der Piazza San Giovanni nehmen würden.

Der Protestzug der "Empörten" startete dann früher als geplant. "Es wurden immer mehr Demonstranten", sagte einer der Organisatoren am Hauptbahnhof, "wir kriegten die Massen nicht mehr in den Griff, wir mussten sie losschicken, sonst wäre es gleich zu Beginn zu Ausschreitungen gekommen."

Die Stimmung schien zunächst angespannt, aber nicht aggressiv. Aus dem ganzen Land waren sie angereist: Familienväter mit Kindern auf den Schultern, arbeitslose Lehrer aus Verona, Studentengruppen aus Mailand, Schwarzarbeiter und Migranten aus Kalabrien. Vor allem junge Arbeitslose und prekär Beschäftigte waren unter den Demonstranten. Sie waren nach Rom gekommen, um ihrer Regierung das Misstrauen auszusprechen. Und sie trugen Anonymous-Masken, Anti-EZB-Plakate, sie wetterten gegen das Europa der Banken, wie ihre Mitstreiter im Geiste in London, Frankfurt, Stockholm oder Madrid.

Vorsorglich wurden die Straßen um die italienische Zentralbank großräumig abgesperrt, der Platz vor dem römischen Parlament ohnehin. Seit Tagen zogen die sogenannten "Draghi-Rebellen" um den Banken-Palast, dessen Chef Mario Draghi in zwei Wochen nach Frankfurt zur EZB wechselt. Am Freitag verlor die Opposition wieder einmal mit nur einer Stimme die Vertrauensfrage von Premierminister Silvio Berlusconi, dem es noch nicht gelungen war, sein vielfach korrigiertes und abgeschwächtes Sparpaket vom Parlament verabschieden zu lassen. Die Stimmung war angespannt, für die Sicherheit der Demonstranten aber war gesorgt - so schien es jedenfalls.

Rom versinkt im Chaos

Dass es am Samstagnachmittag zu schweren Ausschreitungen kommen würde, war nicht vorherzusehen. Es ging blitzschnell: An die 150.000 Italiener demonstrierten friedlich, als plötzlich mehrere hundert Autonome heftige Randale anzettelten. In den frühen Abendstunden glich Rom dann einem Inferno, einer Stadt im Belagerungszustand.

Bis in die Nacht hatten Ordnungskräfte die Situation nicht unter Kontrolle, immer noch brannten auf der Via Merulana, der Via Appia und am Piazza Vittorio Autowracks, die Polizei lieferte sich Straßenschlachten mit den Autonomen.

An die 70 Verletzte soll es gegeben haben, die große Abschlusskundgebung auf der Piazza San Giovanni mit Politikern aus der Opposition und Gewerkschaften fand gar nicht erst statt. Die Kommentatoren in den staatlichen TV-Nachrichten zeigten sich empört: Sie sprachen von Anarchie und Chaos und fragten, wie es passieren konnte, dass die seit Tagen geplante Großdemo in blinde Gewalt umschlagen konnte?

Was war also passiert im sonst so friedlichen, vielleicht allzu friedlichen und politisch gelähmten Rom?

Am Hauptbahnhof hatten sich die "Empörten" auf den Weg gemacht, zahlreiche Demonstranten, die sich über Twitter und Facebook verabredet hatten, angespornt durch die Proteste an der Wall Street. Unter ihnen war die 40-jährige Luisa aus Mailand mit ihren Freunden. Sie sangen alte Partisanenlieder, die sie auf die aktuelle politische Situation, also auf ihren Lieblingsfeind Berlusconi, umgedichtet hatten.

Luisa war nur für diesen Tag mit dem Zug angereist, sie wollte dabei sein, wenn in Rom der baldige Regierungsumsturz vorbereitet wird, ihren Frust und die Angst vor den Folgen der Finanzkrise herausschreien. Luisa arbeitet als Aushilfe in einem Call-Center, mit der Politik ihres Landes ist sie unzufrieden, seit sie wählen darf. Nun hielt sie ein Plakat in die Höhe: "Wir sind nicht verantwortlich für Euer Staatsdefizit! Wir sind nicht empört, wir sind sauwütend!" Luisa sagte, sie ziehe auf die Straße, "bis der Alte und sein Hofstaat weg sind. Zu lange kleben sie an ihren Sesseln, sie haben das Ohr nicht am Volk. Das Volk weiß gar nicht, wie stark es in Wirklichkeit ist." Mitten im Satz zuckte sie zusammen, neben ihr schlug ein vermummter Jugendlicher die Scheiben eines am Straßenrand geparkten Jaguars ein. Luisa zog weiter ums Collosseum, zur Kundgebung, die bald beginnen sollte.

Kurz vor der Piazza San Giovanni eskalierte dann die Gewalt. Die Demonstranten liefen sternförmig in die Piazza ein, noch sangen sie und tanzten zu Reggea und Rock-Musik, aber sie liefen jetzt schneller. Keine 50 Meter von der Piazza brannten zwei Autowracks, dann ein Knall, ein Benzintank explodierte, die Massen stoben auseinander. Eine Gruppe von jungen Männern mit Motorradhelmen auf dem Kopf warf eine Brandbombe in eine Bank in der Via Merulana. Die Anwohner schauten aus den Fenstern und erkannten ihr Rom nicht wieder, der Himmel war russschwarz, die Hubschrauber kreisten immer tiefer. Kein Polizeiauto war in Sicht, niemand wusste mehr, in welche Richtung er laufen sollte, Panik brach aus.

"Unser Kampf lässt sich nur gewinnen mit Ideen"

Gegen 16.30 Uhr geriet die Situation außer Kontrolle, Anwohner und Demonstranten hielten einige der Autonomen an ihren Kapuzenpullis fest, beschimpften sie und versuchten, sie in die Flucht zu jagen. Die Autonomen scherten sich nicht, holten Gasmasken aus ihren Rucksäcken, warfen Brandbomben, schoben Müllcontainer gegen Autos, versperrten die Straßen und setzten einen Kastenwagen in Brand mit zwei Carabinieri an Bord, die in letzter Minute herausstolpern konnten. Sogar einen Anbau des Verteidigungsministeriums steckten Vermummte in Brand. Die Schlacht war im vollen Gange, und die Polizei wirkte überfordert.

Die Panik legte sich nicht, als gegen 17 Uhr Hundertschaften der Polizei auf der Piazza anrückten. Sie setzten Wasserwerfer ein, und immer mehr ahnungslose Demonstranten strömten hinzu. Verzweifelte Familien irrten umher und fragten, was aus ihrem friedlichen Protest geworden sei.

Gegen 22 Uhr kreisten immer noch Hubschrauber über dem nachtschwarzen Himmel von Rom, Blaulicht-Staffeln rasten durch die Stadt. Die staatlichen TV-Sender RAI 1 verlas die erste Reaktion von Silvio Berlusconi aus seiner Villa in Arcore bei Mailand: "Die unglaublichen Ausschreitungen sind ein alarmierendes Zeichen für unser ziviles Zusammenleben. Die Anführer müssen unverzüglich identifiziert und bestraft werden."

Zu diesem Zeitpunkt sitzt Luisa im Zug auf dem Rückweg nach Mailand, morgen früh muss sie pünktlich im Call-Center sein. Sie spricht im Großraumabteil am Telefon, sie sagt, es sei sehr still, keiner ihrer Freunde sage mehr ein Wort. "Wir sind so wahnsinnig enttäuscht. Wir Italiener sind mit schlechtem Beispiel voran gegangen. Wir haben uns unseren Protest von ein paar Spinnern kaputt machen lassen, morgen wird man überall nur von der Gewalt in Rom sprechen. Wir können unser Land nicht verändern, indem wir Banken anzünden und Menschen verletzen. Unser Kampf lässt sich nur gewinnen mit Ideen."

insgesamt 44 Beiträge
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matt1981bav 16.10.2011
1. Fremdes Eigentum zerstören
Leute die einfach Autos anzünden sollte die Polizei mit dem Gummiknüppel zusammendreschen oder mit Gummischrot vertreiben. Ich habe null Verständnis wenn man seine Wut über irgendwelche gesellschaftlichen Verhältnisse am Eigentum anderer auslässt. Besonders bei älteren Autos kann man fast sicher sein dass der Besitzer nicht besonders reich ist und eher nicht mehr Kasko versichert ist. Was kommt dann als nächstes? Werden dann Wohnhäuser mit arglosen Mietern angezündet wie in London? Gegen was richtet sich dieser Protest eigentlich? Gegen einfache Leute mit niedrigen Einkommen die sich die Miete für eine Garage für ihr Auto nicht leisten wollen weil sie eh schon jeden Monat nur gerade so über die Runden kommen?
chang55 16.10.2011
2. Berlusconi
Wenn der Vogel so weitermacht wird er noch hängen wie der Duce. Von dieser Stelle noch mal eine schallende symbolische Ohrfeige für alle Regierungen, die diesen schmierigen Mafia-Nazi als Staatsgast empfangen.
gfssfg 16.10.2011
3. Korrupter Lustgreis
Zitat von sysopBrennende Autos, Straßenkämpfe, gewaltbereite Autonome: Während die Demonstrationen gegen die Finanzbranche weltweit friedlich abliefen, ist der Protest in Rom eskaliert. Italiens Hauptstadt glich teilweise einem Schlachtfeld. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792030,00.html
Friede den Hütten, Krieg den Palästen, über friedliche Demonstranten lacht sich die korrupte "Elite" Italiens nur einen ab!
tsitsinotis 16.10.2011
4. Nein, Louisa, Du warst nicht umsonst in Rom,
Zitat von sysopBrennende Autos, Straßenkämpfe, gewaltbereite Autonome: Während die Demonstrationen gegen die Finanzbranche weltweit friedlich abliefen, ist der Protest in Rom eskaliert. Italiens Hauptstadt glich teilweise einem Schlachtfeld. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792030,00.html
die autonome Randale ist nichts weiter als ein Schönheitsfehler in einer Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Endlich beginnt dank Internet eine Demokratie, die ihren Namen wirklich verdient.
Jonny Deep 16.10.2011
5. False Flag
Die Regierung Berlusconi hat schon 2001 in Genua False Flag Aktionen genutz, um hart gegen Proteste vorgehen zu können, daraufhin hat sich die Gewalt derartig zugespitzt, dass am Ende ein Demonstrant starb. http://www.youtube.com/watch?v=l1VQV6sRH_Y Ich denke, Berlusconi versucht mit einer Eskalation auch dieses mal, eine Linke Bedrohung zu inzenieren und sich im Amt zu halten.
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