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Außenspiegel: "Berlin muss mehr Flexibilität zeigen"

Von Carolin Lohrenz

Europa spricht Deutsch - mit seinem Befund hat sich Volker Kauder in der europäischen Presse keine Freunde gemacht: Die "Daily Mail" schimpfte über "herrschsüchtige deutsche Stiefel", "Il Sole" warnt Deutschland vor einem "Rückzug auf den Elfenbeinturm".

Kanzlerin Merkel, CDU-Fraktionschef Kauder: Schallendes Echo von der britischen Insel Zur Großansicht
AFP

Kanzlerin Merkel, CDU-Fraktionschef Kauder: Schallendes Echo von der britischen Insel

Ohne Überraschung kam Volker Kauders "Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen" als schallendes Echo von der britischen Insel zurück. Die "Daily Mail" hob den Satz auf ihren Titel, hängte den obligatorischen Goebbels-Verweis im Innenteil an und setzte am Donnerstag mit einem "Wir haben allen Grund, uns vor herrschsüchtigen deutschen Stiefeln zu fürchten" noch einen drauf.

Der "Observer" schlug die Gegenrichtung ein und rief Deutschland dazu auf, endlich seine Vergangenheit und überholten Schuldgefühle abzustreifen, um die Verantwortung zu übernehmen, die ihm zustehe.

"Das Problem mit Deutschland ist weniger, dass es eine energische Macht ist, sondern, dass es nicht energisch genug ist. Es glaubt, harte Entscheidungen vermeiden zu können und mit einem fehlgeschlagenen Wirtschaftssystem weitermachen zu können, das seinen Interessen dient, auch wenn dieses System die Euro-Zone in ein Gefängnis für die Völker Europas verwandelt und diese zu ewiger Sparpolitik verurteilt."
The Observer, London, 13. November

Immer noch auf der Insel findet Timothy Garton Ash die Presse zwar peinlich und die Europa-Visionen seines Premiers kläglich. Aber auch er meldete, von "Kauderwelsch" zu "kaudern" sei es nur ein kleiner Schritt, was wiederum die Sprache bezeichne, die zu späterer Stunde an Stammtischen anzutreffen sei und die auf Europas politischer Bühne nichts zu suchen habe.

"Dieser Ton wäre schon unangenehm genug, wären die deutschen Politikrezepte zu 100 Prozent richtig. Sie sind es aber nicht. Sie sind es zu 70 Prozent - was in einer Welt panischer Märkte ganz schnell zu 100 Prozent falsch werden kann. [...] Praktisch jeder Wirtschaftsexperte außerhalb Deutschlands sagt, dass Berlin, wenn es die Euro-Zone retten will, mehr Flexibilität in der Frage der EZB und ihrer potentiellen Unterstützung strauchelnder Regierungen zeigen muss."
The Guardian, London, 16. November

Auch der Kollege im "Guardian" wartet darauf, "dass der Pfennig in Berlin fällt" und hat bereits eine Ahnung, wohin der Hase läuft.

"In den Kulissen munkelt man, Merkel sei dafür, der EZB das Anwerfen der Gelddruckmaschine zu erlauben, aber sie ist noch nicht bereit, das laut zu sagen."
The Guardian, London, 15. November

"Le Monde" sorgte sich um die Spannungen, die das Paar "Merkozy" mit seinen "Lektionen" bei den Nachbarn hervorruft. Merkel/Sarkozy sei aber immer noch vertrauenerweckender als Merkel/Cameron. Wenn es um Lösungen für die Krise gehe, könne das deutsch-französische Paar trotz seiner Unvollkommenheit nicht umgangen werden.

"Das sagen übrigens auch die Deutschen, die nicht allein auf dem Pilotensessel sitzen wollen. Müsste sich Deutschland nämlich auf seine britischen Kollegen verlassen, könnte es auch gleich aufgeben. London hat sich gegen einen Beitritt zur Euro-Zone entschieden, will aber mitreden."
Le Monde, Paris, 16. November

Rumäniens TV-Mann für Europa-Fragen führte die Personaldebatte zu ihrem konsequenten Ende und verteilt in "Dilema Veche" Oscars:

"Für den besten Hauptdarsteller kommen wir an dem Paar Merkel/Sarkozy nicht vorbei, für ihre beachtliche Leistung in dem Horrorstreifen '2011, die Haushaltsodyssee'. Beide zeigen eine Freiheit von jeglicher Vision, und zwar mit unglaublicher Energie. [...] Irgendwo, zurückgezogen, würde Cameron eine Ehrung als Statist verdienen. Er ist so abwesend, dass man nicht glauben möchte, er spiele wirklich mit."
Dilema Veche, Bukarest, 12. November

Auch "ABC" in Madrid kam auf den Leipziger CDU-Parteitag zu sprechen und fand Angela Merkels Europa-Bekenntnis erwähnenswert:

"Aber gerade jetzt hat sie ungefähr dieselbe Vorstellung von der Lage der EU in sechs Monaten wie ein spanischer Arbeitsloser, ein griechischer Bauer, eine dänische Hausfrau oder ein Dreher von Daimler Benz. [...] Sollte es einen Weg aus der Krise ohne Katastrophe geben, dann wird Merkel gestärkt aus ihr hervorgehen und 'dem neuen Zeitalter' ihren Stempel aufdrücken können. Sollte es traumatisch werden, wird es einen langen Neuorganisierungsprozess in einem zerbrochenen Europa geben. Darum setzt Merkel alles auf eine Karte. Die Euro-Rettung. Auch wenn ein Land dabei hinten runterfällt."
ABC, Madrid, 15. November

Das Aufspalten der Euro-Zone in eine "schwache" und eine "starke" Währungsunion sei allerdings nicht die Lösung, riet in Mailand das Wirtschaftsblatt "Il Sole" und rechnete den Schaden vor.

"Deutschlands größter Fehler wäre es, sich in seinem Elfenbeinturm einzusperren und das Projekt von Euro-Land scheitern zu lassen, und sei es nur, indem es die 'faulen Äpfel' Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien verrotten ließe. [...] Eine 'neue Mark' oder ein 'Euro der Starken' wäre ein sicherer Hafen wie der Schweizer Franken und würde in schwindelnde Höhen schießen, Exporte abwürgen und Preise senken. Die neue Zentralbank wäre gezwungen, in einem Wettlauf mit den Märkten die Wechselkurse zu blockieren, während die Handelspartner kurzfristig von einer besseren Wettbewerbsfähigkeit profitieren würden."
Il Sole 24 Ore, Mailand, 17. November

Laut Simulationen der Bank HSBC wäre der "starke Euro" unter Teilnahme Frankreichs 1,65 Dollar wert, weit über der deutschen Schmerzgrenze von 1,40, und der "Resteuro" 1,05 Dollar. Am Ende hätte niemand damit gewonnen, so "Il Sole".

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1. Die ausländische Presse ist kein Maßstab,
Endlager 18.11.2011
natürlich träumen die Engländer weiter von einer Herrschaft in Europa, und die Krisenländer wollen ihren Einfluss auf Deutschland nicht schwinden sehen, Hauptsache, die Deutschen zahlen, aber ansonsten sollen sie den Mund halten... Diese Krise wurde üerhaupt erst möglich, weil die rot-grüne Regierung auf Druck von England und den USA die Deutschland AG abgeschafft, und die Gesetze aufgehoben hatten, die hoch spekulative Finanzgeschäfte, Leerverkäufe und Wetten, verboten. Außerdem wurde das angelsächsische Bilanzierungssystem eingeführt. Es war der angelsächsische Kasinokapitalismus, der wieder einmal zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft führte, und daran möchte England nichts ändern. PS: Wie oft haben z.B. englische Politiker dt. Politiker wüst beschimpft? Sehr oft, daher ist diese Aufregung um einen Satz auf einem Parteitag höchst unangebracht, und ein Sturm im Wasserglas.
2. stupid german money
lefs 18.11.2011
Zitat von Endlagernatürlich träumen die Engländer weiter von einer Herrschaft in Europa, und die Krisenländer wollen ihren Einfluss auf Deutschland nicht schwinden sehen, Hauptsache, die Deutschen zahlen, aber ansonsten sollen sie den Mund halten... Diese Krise wurde üerhaupt erst möglich, weil die rot-grüne Regierung auf Druck von England und den USA die Deutschland AG abgeschafft, und die Gesetze aufgehoben hatten, die hoch spekulative Finanzgeschäfte, Leerverkäufe und Wetten, verboten. Außerdem wurde das angelsächsische Bilanzierungssystem eingeführt. Es war der angelsächsische Kasinokapitalismus, der wieder einmal zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft führte, und daran möchte England nichts ändern. PS: Wie oft haben z.B. englische Politiker dt. Politiker wüst beschimpft? Sehr oft, daher ist diese Aufregung um einen Satz auf einem Parteitag höchst unangebracht, und ein Sturm im Wasserglas.
Das macht es aber leider auch so peinlich. Die Angelsachsen konnten sich wieder einmal totlachen über die deppernen Deutschen, die im Kasino mitmischen wollten und es doch nie verstanden haben. "Die Deutschen kaufen alles" war der gängige Spruch in der City und an der Wall Street... Die Angelsachsen haben ja wenigstens fast 20 Jahre Party gefeiert, bevor uns allen der Mist um die Ohren geflogen ist. Aber wir haben den Gürtel ständig enger geschnallt und die Firmen und (Landes)Banken haben mit den dadurch vollen Geldbeuteln gezockt, statt uns auch ein wenig Konsum zu gönnen. Deshalb ist die Krise für uns noch viel ärgerlicher als für diese Zockerstaaten.
3. ....
sever 18.11.2011
Den Briten lag es nie an dem Konsens in Europa!!! Sie suchen für sich schon immer strategisch günstige Platzchen und dabei Einem auf dem Festland vorgauckelnd, daß sie die treueste Verbündete sind. Wenns ums Geld für die EU-Töpfe geht, dann sind sie auch immer sehr reserviert und trotz ihrer bedaurnswerter Industrie nie am Euro interessiert, im Gegenteil- die breitesten Schichten der Bevölkerung in England sind heute darüber froh, daß sie nich im Euro-Boot mit dabei sind. Auf dem Papier sind sie Europäer, aber in der Realität ein eigenbrödlerisches Inselvolk, daß unter anderem schon ewig von der parasitären Londoner City unterjocht wird... Wenn man solche Freunde hat, dann braucht man keine Feinde.
4. Blödsinn
Herr Hold 18.11.2011
Zitat von lefsDas macht es aber leider auch so peinlich. Die Angelsachsen konnten sich wieder einmal totlachen über die deppernen Deutschen, die im Kasino mitmischen wollten und es doch nie verstanden haben. "Die Deutschen kaufen alles" war der gängige Spruch in der City und an der Wall Street... Die Angelsachsen haben ja wenigstens fast 20 Jahre Party gefeiert, bevor uns allen der Mist um die Ohren geflogen ist. Aber wir haben den Gürtel ständig enger geschnallt und die Firmen und (Landes)Banken haben mit den dadurch vollen Geldbeuteln gezockt, statt uns auch ein wenig Konsum zu gönnen. Deshalb ist die Krise für uns noch viel ärgerlicher als für diese Zockerstaaten.
peinlich sind nur manche Kommentare.Mein Gürtel ist fast doppelt so wei wie vor 15 Jahren.
5. Überschrift
Der Bruddler, 18.11.2011
Treffend und humorvoll zugleich - der Kommentar des Rumänen!
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