Außenspiegel "Die tugendhaften Deutschen tragen keine Schuld"

Die Lösung der Euro-Krise beschäftigt die Kommentatoren von Europas Presse: Der Einfluss der Rating-Agenturen wird gegeißelt. Während Portugals "Público" zum "Auflehnen" gegen das "Oligopol" aufruft, beklagt Polens "Gazeta Wyborcza" den "Terror". Deutschlands Rolle wird wohlwollend aufgenommen.

Rating-Agenturen: "Wie Geier kreisen sie über die geschwächte Gemeinschaftswährung"
dpa

Rating-Agenturen: "Wie Geier kreisen sie über die geschwächte Gemeinschaftswährung"

Von Cornelius Wüllenkemper


Nachdem die US-amerikanische Rating-Agentur Moody's Anfang der Woche die Kreditwürdigkeit Portugals erneut gesenkt hat, hagelt es in den europäischen Zeitungen deutliche Kritik gegen die Allmacht der Agenturen und deren desaströse Folgen für den Haushalt einzelner Staaten sowie für die Stabilität des Euros. Während sich die Schulden-Staaten um die Sanierung ihrer Finanzen bemühen, förderten die Agenturen mit zweifelhaften Klassifizierungen die Spekulationen auf Staatspleiten. In der portugiesischen Zeitung "Público" wird die allgemeine Empörung gegen das Vorgehen von Moody's begrüßt:

"Europa lehnt sich (endlich) gegen die Ratingagenturen auf. [...] Das Oligopol der drei nordamerikanischen Agenturen - mit denen so viele Interessen vernetzt sind, dass es berechtige Zweifel an der Objektivität ihres Diktats aufwirft - muss beendet werden. [...] Das Handeln der Agenturen ähnelt einer Art Nekrophilie. Wie Geier kreisen sie über die geschwächte Gemeinschaftswährung. Europa weiß ihnen nichts entgegenzusetzen, jeder Tag beweist einmal mehr das allgegenwärtige Durcheinander. Europa regiert erst, wenn es angezählt ist." " Público", Lissabon, 7. Juli 2011

Während "Público" am Einfluss der Agenturen und an der europäischen Untätigkeit verzweifelt, fordert die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" eine internationale Rating-Agentur, die dem schädlich Treiben von Moody's in Europa ein Ende setzt:

"Moody's verbreitet Terror. [...] Wenn Portugal nicht in der Lage ist, sein Haushaltsdefizit zu reduzieren, wird es wie Griechenland eine neue Finanzinfusion des IWF und der EU benötigen. [...] Es muss also dringend eine internationale Ratingagentur eingerichtet werden, die der EU untersteht. Sonst sind wir gezwungen, weiter Institutionen zu glauben, die uns so oft vor der Krise gewarnt und nach ihrem Ausbruch die Dinge nur verschlimmert haben" "Gazeta Wyborcza", Warschau, 7. Juli 2011

Während die Rating-Agenturen im Fokus der Kritik stehen, wird die Rolle Deutschlands im Kampf gegen die Euro-Krise und gerade die scharfe Kritik, die der deutsch Finanzminister an den Rating-Agenturen übte, wohlwollend kommentiert. Die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" spricht gar davon, dass "die tugendhaften Deutschen keine Schuld" treffe. Der Vorwurf, Deutschland habe mit seinem Handelsbilanzüberschuss zum Export-Minus der übrigen Länder des Euroraums beigetragen, während seine Unnachgiebigkeit gegenüber Griechenland zur Eskalation der Krise geführt habe, sei unbegründet:

"Deutschland sorgte für die Glaubwürdigkeit, dank derer die Zinsen für alle gesunken sind. Wenn Länder wie Griechenland und Portugal davon profitiert haben, um sich im Ausland zu verschulden, so ist das doch sicher nicht die Schuld der Deutschen. [...] Die Wirtschaft floriert und dennoch verbucht die CDU eine Wahlniederlage nach der anderen. Weshalb wohl? Weil die Deutschen es satt haben, sich um die Probleme Anderer zu kümmern, sein es die von Griechenland oder die weiterer von der Ansteckung bedrohter Länder." "Corriere della Sera", Mailand, 6. Juli 2011

"El Pais" aus Spanien spart zwar ebenfalls mit direkter Kritik am deutschen Krisenmanagement, betont aber, dass den Deutschen sehr wohl bewusst sei, dass die Einführung des Euros die beste Erfindung für die deutsche Exportwirtschaft sowie den EU-Binnenhandel war. Der ernst gemeinte Einsatz Merkels und Schäubles zur Stabilisierung des Euros geschehe vor allem aufgrund nationaler Interessen gegenüber den Ländern,

"die statt von der eigenen Arbeit von Krediten aus dem Ausland leben. [...]Um die nationalen Interessen [...] zu verteidigen und die Stimmen der Regierungskoalition zu behalten, startete Kanzlerin Merkel eine oft unverstandene Politik, die die Empörung einiger Partner hervorrief[....], während Berlin nur den EU-Institutionen misstraut, die nichts Unnormales in Griechenland entdeckt haben wollten und nun die Darlehen kontrollieren." " El Pais", Madrid, 6. Juli 2011

Auch der britische "Guardian" bezieht sich bei der Suche nach einer Lösung der Euro-Krise auf Deutschland. So wie Deutschland und Europa ab 1947 enorm vom Marshall-Plan der USA profitiert hätten, müssten jetzt die starken Staaten Europas einspringen, um die Stabilität der europäischen Wirtschaft und Währung auf Dauer zu sichern. Die wegen zusätzlichen Rettungspaketen unzufriedene Öffentlichkeit im wohlhabenden Norden sei dabei nicht die größte Hürde:

"Ein viel ernsthafteres Problem [...] ist der heutige Einfluss des Banken- und Finanzsektors. Es stellt sich die Frage, wie General Marshall vorgegangen wäre, wenn er sich hätte sorgen müssen, wie Standard & Poor's sein Programm für Europa bewertet. [Dabei] könnten Europas Führungskräfte theoretisch all die Maßnahmen zur Regulierung von Privatbanken, Hedgefonds und anderen Finanzinstituten ergreifen, die sie wollen. [...]Was momentan gebraucht wird? Eine langfristige politische Vision und die Bereitschaft, für die Vorteile einer Umverteilung auf dem ganzen Kontinent einzutreten. [Unterdessen] reagieren Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Jean-Claude Trichet [...] bisher nicht wirklich."

Ein Hoffnungsschimmer liegt für den "Guardian" in der polnischen EU-Ratspräsidentschaft,

"die dem bisher zukunftsunfähigen Prozess neue Energie und einen neuen Sinn für Geschichte verleihen könnte." " Guardian", London, 6. Juli 2011



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AlbertGeorg 08.07.2011
1. S.P.O.N. und Co.
Lasst das den Augstein nicht lesen!
meisterraro 08.07.2011
2. Für die meisten Krisen auch im Westen gilt heute:
Born in the USA! In Europa ist das so, das sich einbildet, in USA einen "starken" Verbündeten zu haben. Dieser Verbündete ist aber in der ganzen Welt unbeliebt und lässt Europa über die Nato an allen seinen Feindschaften teilhaben. Wir führen Kriege gegen Länder, deren Einwohner keinen Deutschen je auch nur bedroht hätten. Und warum? Aus Bündnistreue die in der USA-geführten Nato gilt. Sie sagen: "Wir brauchen die Nato zur Verteidigung". Mal im Ernst, wer bedroht Europa heute denn? Alle "Bedrohungen" resultieren aus unseren Beziehungen zu USA. Und das ist tatsächlich so. Wären wir nicht in der Nato, würden wir unsere Beziehungen in die muslimische Welt massiv ausweiten können. Und sie wären unsere Freunde. Davon würden dann alle profitiern, nur USA nicht. Regierungen Europas, wacht endlich auf! USA ist ein false friend!
qlcasa 08.07.2011
3. There you go!
Zitat von meisterraroBorn in the USA! In Europa ist das so, das sich einbildet, in USA einen "starken" Verbündeten zu haben. Dieser Verbündete ist aber in der ganzen Welt unbeliebt und lässt Europa über die Nato an allen seinen Feindschaften teilhaben. Wir führen Kriege gegen Länder, deren Einwohner keinen Deutschen je auch nur bedroht hätten. Und warum? Aus Bündnistreue die in der USA-geführten Nato gilt. Sie sagen: "Wir brauchen die Nato zur Verteidigung". Mal im Ernst, wer bedroht Europa heute denn? Alle "Bedrohungen" resultieren aus unseren Beziehungen zu USA. Und das ist tatsächlich so. Wären wir nicht in der Nato, würden wir unsere Beziehungen in die muslimische Welt massiv ausweiten können. Und sie wären unsere Freunde. Davon würden dann alle profitiern, nur USA nicht. Regierungen Europas, wacht endlich auf! USA ist ein false friend!
US bashing at its best!
BurnOut_Generation 08.07.2011
4. 21
Zitat von meisterraroBorn in the USA! In Europa ist das so, das sich einbildet, in USA einen "starken" Verbündeten zu haben. Dieser Verbündete ist aber in der ganzen Welt unbeliebt und lässt Europa über die Nato an allen seinen Feindschaften teilhaben. Wir führen Kriege gegen Länder, deren Einwohner keinen Deutschen je auch nur bedroht hätten. Und warum? Aus Bündnistreue die in der USA-geführten Nato gilt. Sie sagen: "Wir brauchen die Nato zur Verteidigung". Mal im Ernst, wer bedroht Europa heute denn? Alle "Bedrohungen" resultieren aus unseren Beziehungen zu USA. Und das ist tatsächlich so. Wären wir nicht in der Nato, würden wir unsere Beziehungen in die muslimische Welt massiv ausweiten können. Und sie wären unsere Freunde. Davon würden dann alle profitiern, nur USA nicht. Regierungen Europas, wacht endlich auf! USA ist ein false friend!
Sie sprechen Tatsachen aus. Politik der Angst aus der Zeit des kalten Krieges ist bzw muss beendet werden. Wir nehmen an Kriegen teil,die einfach nicht sein müssen. Während China und Russland sich darauf konzentrieren wirtschaftlich zu wachsen und überall auf der Welt investieren,führen wir unnötige Kriege,als dank an die USA. Uns bleibt nichts anderes übrig,als diese Länder wegen "Menschenrechten" zu verurteilen...dabei gehen wir mit bestem Beispiel voran,in Form von Guantanoma und Folter in Irak. Das wissen ja auch die Chinesen und Russen...es sind keine Sklaven, abgeschnitten von der Aussenwelt...es sind Nationen die Stolz auf eigene Kultur und Tradition sind..ihre Wirtschaft bummt und immer mehr Menschen profitieren dafon... Zu uns kommen ja auch nicht die Russen und fordern von uns so zu leben,wie sie. Sie bieten uns Gas an aber wir scheuen uns noch es ganz anzunehmen...China steht schon bereit.
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