Presseecho zur deutschen Exportstärke "Deutschland wäre schön dumm"

Verhindert Deutschlands Exportstärke gerechtes Wachstum in der Euro-Zone? Der Streit treibt Europas Presse um. Deutschland "beutet seine Nachbarn aus", schimpft die "Financial Times". Ein "absurder Vorwurf", findet dagegen "De Tijd" aus Brüssel.

Von Katja Petrovic

Container im Hamburger Hafen: Deutschland "importiert Nachfrage"
DPA

Container im Hamburger Hafen: Deutschland "importiert Nachfrage"


Erst vor kurzem hatte das US-Finanzministerium die deutschen Exportüberschüsse scharf kritisiert. Die unausgeglichene Handelsbilanz führe zu einer "deflationären Verzerrung" innerhalb der Euro-Zone. Mit dieser Kritik hätten "die USA Deutschland einen schweren Schlag versetzt" und "Öl ins Feuer der eh schon durch den Abhörskandal belasteten deutsch-amerikanischen Beziehungen gegossen", meint das niederländische Wirtschaftsblatt "Het Financieele Dagblad".

Das alles sei nichts als ein "verzweifelter Versuch des US-amerikanischen Finanzministers Jack Lew, gegen Deutschland auszuholen und sich so gegen die scharfe Kritik im Rahmen der NSA-Affäre zu wehren", meint der renommierte Ökonom Melvyn Krauss in der belgischen Finanzzeitung "De Tijd". Auch sei es ein "absurder Vorwurf" zu behaupten, dass der deutsche Überschuss Ländern wie Griechenland oder Frankreich das Exportgeschäft erschwert habe:

Deutschland hat seinen Überschuss dank der Herstellung hochwertiger Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen erwirtschaftet. [...] Außerdem ist es nicht so, dass ein Land, das einen Überschuss aufweist, dadurch auch automatisch seine Nachbarn bestiehlt. [...] Deutschland wäre schön dumm, wenn es den Ratschlag [der USA] befolgen und seine Binnennachfrage stärken würde. Dadurch würde es gezwungen sein, die Grundlagen seines Exportsektors zu schwächen und in seinen Branchen die Kosten in die Höhe zu treiben. Darunter würden in erster Linie die Wettbewerbsvorteile leiden, von denen der deutsche Exporthandel derzeit profitiert.
De Tijd, Brüssel, 7. November

Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte beteuert, der durch den Export entstandene Leistungsbilanzüberschuss sei "kein Grund zur Sorge, weder für Deutschland noch für die Euro-Zone und schon gar nicht für die Weltwirtschaft". Ein Regierungssprecher erklärte, dass Deutschland "mit seinen Exporten [...] wesentlich zum globalen Wachstum beitrage". "Eine Erklärung, die gleichermaßen vorhersehbar und falsch ist", ärgert sich die "Financial Times" aus London:

Der Überschuss, der sich laut den Prognosen des IWF dieses Jahr auf 215 Milliarden Dollar beläuft und damit nahezu mit demjenigen von [Exportweltmeister] China vergleichbar ist, stellt sehr wohl ein großes Problem dar. In allererster Linie gefährdet er die Zukunft der Euro-Zone. Exportüberschüsse zeigen nicht nur, wie wettbewerbsfähig ein Land ist, sondern sind auch ein Zeichen für eine im Verhältnis zum Verbrauch überschüssige Produktion. Überschussländer importieren die Nachfrage, die sie intern nicht erzeugen. Gibt es eine globale Nachfrage, ist das nicht unbedingt ein Problem. Jetzt aber, da die Nachfrage überall auf der Welt zurückgeht, ist der Import der Nachfrage durch die Überschussländer eine Ausbeutung der Nachbarn.
Financial Times, London, 5. November

Auch die rumänische Wirtschaftszeitung "Ziarul Financiar" ist überzeugt davon, dass "die Wachstumsstrategie der Euro-Zone an dem wirtschaftlichen Ungleichgewicht, für das Deutschland verantwortlich ist, scheitert." Schuld seien jedoch auch die Länder, die deutsche Produkte kaufen und somit Deutschlands Weg unterstützen, erklärt das Blatt aus Bukarest.

Seit Dienstag kritisiert nun auch die EU die deutsche Exportstärke. Deutschland verschaffe sich durch heimische Niedriglöhne Wettbewerbsvorteile und dränge die Unternehmen anderer Euro-Länder vom Markt, lautet - vereinfacht gesagt - der Vorwurf. Und so ist Deutschland plötzlich "nicht mehr der Musterschüler der EU-Kommission", bemerkt "Le Figaro" und betont, dass die Diskussion um das deutsche Exportmodell jetzt, da Angela Merkel über eine Große Koalition mit den Sozialdemokraten verhandelt, "eine politische Wendung" genommen habe:

Deutschland könnte mehr unternehmen [damit auch andere Länder ihre Vorteile zur Geltung bringen können]. Möglich wären eine weitere Öffnung des Dienstleistungssektors oder eine Lohnentwicklung, die im Einklang mit der Produktivität stehe, erklärte EU-Kommisionspräsident José Manuel Barroso. [...] Diese Ratschläge werden das linke Lager in Frankreich zweifelsohne zufrieden stimmen, denn sie knüpfen an das sozialdemokratische Wahlprogramm der SPD an, das die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns vorsieht. Allerdings ist keinesfalls sicher, ob sie Angela Merkel gefallen werden, denn sie sieht in ihrem Land ein wirtschaftliches Erfolgsmodell für alle anderen EU-Staaten.
"Le Figaro", Paris, 5. November

Die Zeiten, in denen "Deutschland den anderen zeigen sollte, wo es langgeht", seien jedoch vorbei, meint die linke Tageszeitung "L’Unita"aus Rom:

Die Bundesrepublik wird nun von allen Seiten kritisiert und an den Pranger gestellt. Sie soll eine wirtschaftspolitische Kursänderung vornehmen, oder die Euro-Zone wird pleitegehen. [...] Alles deutet darauf hin, dass es in den nächsten Monaten bezüglich dieser Fragen zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb Deutschlands kommen wird. Diese drohende Schlacht überschattet bereits die schwierigen Verhandlungen über eine neue Große Koalition. Viele denken, dass Merkel sich ein wenig von ihrem Sparkurs distanziert hat, weil sie sich mit der SPD auf Verhandlungen einlässt, und [in Zukunft] auch interne Markt-Stimulierungsmaßnahmen wie einen Mindestlohn, Investitionsprogramme und Finanzmarktregulierungen akzeptiert. Sollte sich dies bestätigen, ist aber noch lange nicht sicher, ob ihr das restliche konservative Lager folgen wird.
L'Unità, Rom, 6. November

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Seite 1
sebastian.teichert 08.11.2013
1. optional
Jap. Ich hab was, was niemand sonst hat, was alle kaufen wollen und ich höre auf, weil ich den Leuten das Geld aus der Tasche ziehe... Das macht Sinn^^
happy2010 08.11.2013
2.
Jeder unternehmen versucht mehr zu verkaufen als einzukaufen Deutschland müsste, banal formuliert, die Exportprodukte verteuern (höhere Löhne), damit dann die Konkurrenz mehr, und Deutschland weniger verkauft
spmc-129372683232763 08.11.2013
3. Muß man nicht befürchten,
daß die glühenden Europäer M. u. Sch. genau diese Dummheit planen: Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes,nachdem offensichtlich ist, daß die Nehmerstaaten -trotz aller Hilfs-und Rettungszahlungen und der irgendwann ja auch heißlaufenden EZB-Druckmaschine nicht "auf die Beine" kommen!!?? Denn nicht nur der € sondern auch die V.St.v.E.sind gerade für D. alternativlos!!wie sagte neulich ein Kanadischer Nachbar:"You Germans are crazy"!! Wg. "unserer" Vergangenheit?
localpatriot 08.11.2013
4. Unternehmensberater aus Sueddeutschland anheuern
Zitat von sysopDPAVerhindert Deutschlands Export-Stärke gerechtes Wachstum in der Euro-Zone? Der Streit treibt Europas Presse um. Deutschland "beutet seine Nachbarn aus", schimpft die "Financial Times". Ein "absurder Vorwurf", findet dagegen "De Tijd" aus Brüssel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aussenspiegel-europa-presse-zum-deutschen-export-ueberschuss-a-932483.html
Abgesehen davon dass von der Financial Times von Natur aus eine pro britische und anti deutsche Linie zu erwarten ist, muss man diese Ueberschuesse gruendlich durchleuchten um irgend etwas daraus zu schliessen. Klar ist folgendes: - Wo es Erfolg gibt, ist der Neid nicht weit hinterher - Es gibt in D Bundeslaender welche ohne Laenderzuschuss eher am Hungertuch nagten und denen es ohne diese Hilfe schlechter ging als GR - Exporterfolg kommt laut Adam Smith (ein Brite) daher dass man etwas besser macht als die Anderen. Diese kaufen das was besser und/oder billiger ist - Ein grosser Teil der Exporte entsteht in Firmen im Besitz auslaendischer Eigentuemer. Die Fabriken sind in D weil dort bessere Arbeit geleistet wird und oft schlossen diese Eigentuemer die Fabriken in den eigenen Staaten. Warum kann sich jeder selbst ausdenken. - An niedrigen Loehnen liegt es nicht. Diese steigen zwar nur ganz langsam, aber die Nebenkosten mit viel Urlaub, Krankengeld, Bonus 2 mal im Jahr und Kur in Italien, machen die Lohngesamtkosten ziemlich hoch. Mein Vorschlag: Die internationalen Unternehmensbrater sollten ihr Personal mit Leuten aus erfolgreichen Industrien staerken, damit die anderen, also die selbst nichts herstellen, lernen wie man das macht.
Scriptmaster 08.11.2013
5. Man stelle sich vor ...
..., es wäre umgekehrt und Deutschland würde mit einer solchen Forderung an unsere spähfreudigen "Freunde" herantreten. Das Schenkelklopfen wäre über den Atlantik und den Kanal bis hier zu hören. Ich erinnere mal an den G8-(oder G20??)-Gipfel Anfang 2008, auf dem Deutschland vor den Folgen der Casino-Mentalität an der Wallstreet und der Londoner City gewarnt hat und darauf drängte, hier rechtzeitig einzugreifen. Da wurde der alte Steinmeier ausgelacht. Wir wissen, was noch im selben Jahr begann. Wir wissen auch, dass die USA und die Briten nicht unsere Freunde sind. Nicht politisch, nicht wirtschaftlich. Die Verhaltenstipps aus dieser Richtung sind also sehr mit Vorsicht zu genießen.
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