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Außenspiegel: "Europas fünfter Selbstmord"

Von Carolin Lohrenz

Angela Merkel mag in Sachen EZB und Euro-Bonds hart bleiben - ihre Haltung wird quer durch die europäische Presse angefeindet. "Unsolidarisch", schimpft "La Repubblica" und die britische "Times" sieht Deutschland gar "im Krieg mit Europa".

Demonstrant mit selbstgemaltem Plakat in Madrid: "Nein zum 4. Reich der Merkel" Zur Großansicht
AFP

Demonstrant mit selbstgemaltem Plakat in Madrid: "Nein zum 4. Reich der Merkel"

Wie nah die Wörter "Krieg" und "Euro-Krise" beieinander liegen, lernt der Leser schnell, wenn er sich die Kommentare dieser Woche zu Europas Dauerkrise zu Gemüte führt. Selbst in der ehrwürdigen Londoner "Times" greift ein frustrierter europhiler Anatole Kaletsky zur rhetorischen Waffe und eröffnet seinen Kommentar mit:

"Wenn Clausewitz Recht hat und Krieg die Weiterführung von Politik mit anderen Mitteln ist, so ist Deutschland wieder im Krieg mit Europa - wenigstens in dem Sinne, als deutsche Politik in Europa charakteristische Kriegsziele zu erreichen versucht - die Verschiebung internationaler Grenzen und die Unterwerfung fremder Völker."
"The Times", London, 23. November

Solch schweres Geschütz wird aber nicht nur auf der Insel aufgefahren. In Paris zieht der Ökonom, Mitterrand- und Sarkozy-Berater Jacques Attali, ebenfalls die ganz große Bilanz - und läuft dafür in Verdun los: nach 1914, 1919, 1933 und 1936 drohe 2011: "Europas 5. Selbstmord".

"Deutschland und Frankreich waren, einer nach dem anderen, im letzten Jahrhundert vier Mal in der Situation, wo sie durch absurde oder beschämende Entscheidungen Europa in ein Ruinenfeld verwandeln konnten. Und sie taten es. […] Heute ist es wieder an Deutschland, in seiner Hand die Waffe zum kollektiven Selbstmord des fortschrittlichsten Kontinents der Welt zu halten. Wenn es sich weigert, den engen Weg zu beschreiten, der zwischen den Stützungskäufen der EZB, der Ausgabe von Euro-Bonds und einer Vertragsänderung im Sinne einer leichteren Sanktionierung der Laxheit der einen und dem Egoismus der anderen verläuft, dann kommt die Katastrophe."
"Slate", Paris, 22. November

Besagten Weg wünscht man sich auch in Italien. Berlin sei unsolidarisch, schreibt die Tochter von EU-Gründungsvater Altiero Spinelli, die Kommentatorin Barbara Spinelli, in all dem vom Vater geerbten Europafieber:

"Die Art und Weise, wie Deutschland die EU lenkt, wird immer absonderlicher. [...] Das Verwirrende an der Strategie der Merkel-Regierung ist eine Idee, die sich in der Krise eingenistet hat. Es handelt sich eher um eine Ideologie, die ihre Wurzeln tief in der nationalen Wirtschaftskultur hat und auf die Zeit zwischen den Weltkriegen zurückgeht. Es ist die sogenannte "Haus in Ordnung"-Doktrin, laut der ein Staat erst vor seiner eigenen Tür kehren muss, bevor er auf internationale Kooperation und Solidarität zählen kann. In den Augen der dogmatischsten Verfechter dieser Doktrin dienen internationale Instanzen wird die supranationale EU nicht dazu, gemeinsame Politik zu beschließen: Eher kontrolliert man sich dort gegenseitig, dass jeder auch seine Hausaufgaben gemacht hat."
"La Repubblica", Mailand, 24. November

Dem hält in Dublin die "Irish Times" entgegen, der deutsche Widerstand in der EZB-Frage habe nichts mit bloßem Moralisieren zu tun, sondern mit dem Bedürfnis, die Grundlage der Einheitswährung zu verteidigen.

"Berliner Hinterstraßen sind voll von Trödelläden, die unter dem Gewicht schwerer Eichenmöbel knarzen. Zwischen Kleiderschränken und Tischen findet sich oft ein Döschen mit Familienfotos und vergilbten Banknoten der Deutschen Reichsbank mit Nennwerten von 50 oder 100 Millionen Mark. Für einen Außenstehenden sind diese Geldscheine Retro-Monopoly-Geld; für Deutsche sind sie der papierene Beweis dafür, wie die Hyperinflation zwei Mal im letzten Jahrhundert durch ihre Wirtschaft wütete, Wohlstand auslöschte und Leben zerstörte. [...] Deutscher Widerstand dagegen, dass die EZB in ihrem Keller Stapelweise wertlose Staatsanleihen hortet, kommt von der realen Angst, dass die Euro-Zone in einem Berliner Ramschladen enden wird, als ein Döschen, vollgestopft mit 50-Millionen-Euro-Scheinen."
"Irish Times", Dublin, 24. November

In London überlegt der "Guardian", ob Deutschlands enttäuschende Anlagenausgabe diese Woche wohl Angela Merkels Widerstand in der EZB-Frage brechen wird.

"Es ist denkbar, dass Merkel ihre Skrupel runterschluckt und der EZB erlaubt als Gläubiger der letzten Chance freigelassen zu werden. Aber es könnte auch sein, dass die deutsche Politik eher zu dem Rückschluss tendiert, dass die Krise jetzt so ernst ist, dass die Kosten für die Euro-Rettung zu happig sind. Erwarten Sie keine schnelle Antwort, dass ist nicht Merkels Stil. Kein Wunder, dass der Euro auf den Finanzmärkten ordentlich einen übergezogen kriegt."
"The Guardian", London, 23. November

Angesichts von Merkels mäßigen Tempo fühlt sich "El País" an die eben abgewählte Zapatero-Regierung erinnert, als diese die Existenz einer Krise in Spanien schlicht geleugnet habe.

"Berlins argloser Tonfall ist dem der sozialistischen Regierung 2008/2009 gefährlich nahe. Die zu Verzweiflung bringende deutsche Langsamkeit, mit der es bei der Suche nach einer angemessenen Krisenlösung vorangeht, hat viel, viel zu viel, mit einer doppelten Leugnung zu tun: [Die Deutschen] leugnen das Ausmaß der Probleme ihres eigenen Bankensektors und sie leugnen die gemeinen Folgen ihrer tugendhaften Konsum-, und Außenhandelsüberschusspolitik innerhalb der europäischen Währungsunion."
"El País", Madrid, 22. November

Um Berlin in die Verantwortung zu bitten, schickt die portugiesische EU-Abgeordnete Ana Gomes über "Público" ihre Nachricht:

"Liebe deutsche Freunde, Europa wurde geschaffen, um den Krieg auszutreiben und Deutschland in ein gemeinsames, solidarisches Projekt für Fortschritt und Demokratie einzubinden. Wenn der Euro zusammenbricht, wird auch die EU zusammenbrechen. Eure Gans, die goldene Eier legt, stirbt - ohne den Binnenmarkt und den Euro würde Deutschland Einfluss verlieren, Märkte und gute Nachbarschaft. Die Verantwortung dafür würdet hauptsächlich ihr tragen. Weil ihr nicht die Pflicht der stärksten und reichsten europäischen Macht erfüllt."
"Público", Lissabon, 23. November

Im Euro-freien Polen steht die Zusammenarbeit mit Deutschland dagegen in einem anderen Licht. Die Wochenzeitung "Uwaam Rze" analysiert ganz ohne Gänsehaut die Ausbreitung deutscher "Softpower" Richtung Osten.

"Die weiten Gebiete östlich von Oder und Neiße sind für wirtschaftliche und politische Expansion geöffnet worden, von ganz friedlichen Deutschen in Designeranzügen. Sie holen hochqualifizierte Experten, die in Universitäten und großen Labors an der Macht und dem Ruhm deutscher Technologie arbeiten. [...] Alle haben was davon.

In der Politikwissenschaft wird das 20. Jahrhundert manchmal als die Zeit der 'Pax Americana' bezeichnete, was heißt, dass die Beziehungen und die Normen der Friedenspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern arrangiert wurden. Wird das 21. Jahrhundert das der 'Pax Germanica' für Mittel- und Osteuropa sein? Wenn dem so ist, dann haben wir einen klassischen Fall von Ironie der Geschichte."
"Uwaam Rze", Warschau, 21. November

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1. Frage
Il.Barbarossa, 25.11.2011
Wo war die Solidarität, als wir die DDR wieder aufbauen mussten? Oder als Deutschland als "kranker Mann Europas" tituliert wurde. Jetzt, wo Deutschland sich endlich einmal wieder halbwegs erholt hat, soll der Dt. Michel bitteschön wieder sofort die Geldbörse aufmachen. Alles andere wäre schließlich "unsolidarisch".
2. Alterntiven
doc 123 25.11.2011
Zitat von sysopAngela Merkel mag in Sachen EZB und Euro-Bonds hart bleiben - ihre Haltung wird quer durch die europäische Presse angefeindet. "Unsolidarisch", schimpft "La Repubblica" und*die britische "Times" sieht Deutschland gar "im Krieg mit Europa". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799868,00.html
Es gibt doch letztlich NUR zwei Alternativen: Entweder Merkel knickt bei den Eurobonds und dem Gelddrucken durch die EZB ein, um die ganzen Pleiteländern gegen die zunehmenden Finanz-Spekulanten zu stabilisieren oder sie plant, dass Deutschland sich nachhaltig von den Pleiteländern absetzt, um nicht zusammen mit diesen in den Abwärtsstrudel gezogen zu werden, und das gelingt jedenfalls ausschließlich mit dem Austritt aus dem Euro und einer eigenen Währung.
3. Die fünf Füchse und der Hase
abumachuf 25.11.2011
Fünf Füchse und ein Hase gingen durch den Wald. Da bekamen die Füchse Hunger und beschlossen den Hasen aufzuessen. Der wollte nicht. Wie bist Du doch unsolidarisch, Hase, riefen sie, siehst Du nicht, dass wir Hunger haben? Doch der Hase hatte kein Sinn für das allgemeine Wohl und rannte davon.
4. Ha, Ha, Ha,...
antizins 25.11.2011
Zitat von sysopAngela Merkel mag in Sachen EZB und Euro-Bonds hart bleiben - ihre Haltung wird quer durch die europäische Presse angefeindet. "Unsolidarisch", schimpft "La Repubblica" und*die britische "Times" sieht Deutschland gar "im Krieg mit Europa". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799868,00.html
...wenn die doofen Deutschen nicht die Schulden der Zocker uebernehmen, dann ist man wieder unsolidarisch, oder sogar gleich im Krieg. Ganz langsam ist mir nicht nur der (T)Euro egal, bald ist mir auch noch Europa egal. Und gerade die Briten sollten hier mal ruhig sein, die sind nicht mal im Euro und ausserdem haben wir die ganze Kriese eh' nur den Ami's und den Briten bzw. Denen ihren Ungezuegelten Zockerbanken zu verdanken...wer glaubt die Krise aus 2008 ist vorbei, der irrt sich gewaltig...
5. Legendenbildung
ak-73 25.11.2011
"Die Verantwortung dafür würdet hauptsächlich ihr tragen. Weil ihr nicht die Pflicht der stärksten und reichsten europäischen Macht erfüllt." Wie bitte??? Ist ein großer Tsunami über Griechenland und Spanien gekommen und wir versagen den armen Opfern die benötigte Hilfe??? Haben wir irgendetwas verpasst? Oder ist es nicht so, dass die Südländer mit Geld um sich geworfen haben, dann wollen, dass wir sie rausboxen und falls wir uns weigern, wird der Euro scheitern und wir sind die Schuldigen??? Was für ein Hohn! Hier wird im EU-Ausland an Legenden gestrickt. Nach unserer eigenen Dolchstoßlegende ist es ja mal schön zu sehen, dass auch das europäische Umland nicht von absurder Verblendung (man möchte auch sagen: dreisten öffentlichen Lügen) gefeit ist. Alex
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