Von Carolin Lohrenz
Berlin wird schwelgen. Gedenkfeiern, Jubiläumsempfänge und Beglückwünschungen. Ein Ministerrat auf Deutsch und Französisch, staatstragende Ansprachen und dann die Philharmoniker. Deutschland und Frankreich zelebrieren ihre goldene Hochzeit. Eingedenk diverser Streits und Spannungen, mit denen Europas Kommentatoren die letzten Monate verbrachten, zieht die Feierlaune aber nicht bis in die Presse.
"Nieder mit dem 50. Geburtstag! Es lebe die deutsch-französische Zusammenarbeit!", titelt auf "Slate.fr" Daniel Vernet, der nach jahrzehntelanger Berichterstattung über die "besondere Beziehung" Feierlichkeiten jeglicher Art nicht mehr erträgt:
Bei diesen Festivitäten findet eine Art historische Hochstapelei statt. Es wird uns erzählt, die deutsch-französische Versöhnung habe mit diesem Vertrag angefangen, der am 22. Januar 1963 von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet wurde. Dieser Mythos ist hartnäckig, aber schlichtweg falsch. Schon ab 1945 setzten sich Politiker und Intellektuelle für eine Politik ein, die Schluss machte mit dem nach dem Ersten Weltkrieg vorherrschenden Grundsatz, laut welchem Deutschland zahlen musste. De Gaulle war der Meinung, der Vertrag, der heute mit Pauken und Trompeten gefeiert wird, sei eine "Totgeburt". Das war übertrieben. Er hatte glückliche Folgen.
"Slate", Paris, 21. Januar
Doch jenseits von Deutsch-Französischem Jugendwerk und Arte blieben wichtige Vorkehrungen unbeachtet, und die Zusammenarbeit prallte unentwegt an eine Grenze. Die größte davon im Osten, schrieb in Warschau "Rzeczpospolita".
Viele Jahre lang war das deutsch-französische Tandem der Antrieb der europäischen Integration. Mit der Osterweiterung der EU, die in Berlin viel stärker begrüßt wurde als in Paris, änderte sich plötzlich alles. Seitdem wird es stiller um das einst so gut eingespielte Zweierteam, nicht nur wegen der Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Hauptstädten, sondern auch, weil die beiden Länder in der EU mit 27 Mitgliedsstaaten an Gewicht verloren haben.
"Rzeczpospolita", Warschau, 16. Januar
Da waren Flops wie die misslungene Fusion von EADS und BAE Systems oder handfeste militärische Nicht-Kooperation in Libyen und Mali. Die "NZZ" beklagt: Vor allem wie Europas ökonomische Malaise zu behandeln sei, bleibe der Spaltpilz des Paars:
Die Krise des Euro hat die Unterschiede der Wirtschaftskraft beider Länder augenfällig und gefährlich gemacht. Frankreichs Präsident Hollande liebäugelt mit der Rolle als Anführer der schwachen Südländer gegen das starke Deutschland. Ein gefährliches Spiel. Denn die politisch einigermaßen friedliche Zukunft der EU und das Überleben des Euro sind nicht garantiert.
"NZZ", Zürich, 21. Januar
Und doch werden Kanzlerin und Präsident so tun müssen, als möge man sich, giftet Arnaud Leparmentier in "Le Monde". Die ganze diplomatische Gesellschaft bereite jetzt in Berlin einen "prachtvollen Ball der Scheinheiligen" vor.
Die Medienresonanz wird ein Verlangen nach Deutsch-Französischem offenbaren, doch die beiden Regierungschefs haben keinerlei nennenswerte politische Initiativen vorgesehen. Im Gegenteil, beiderseits des Rheins schluckt man seinen Unmut mühsam herunter: Die Deutschen blicken verächtlich auf diese Franzosen, die in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr mithalten können; die Franzosen bezichtigen die Deutschen des Machtwillens. Die Deutschen werden beschuldigt, Peugeot einstampfen und die französische Überlegenheit in Raumfahrt und Meteorologie nicht anerkennen zu wollen usw. Angela Merkel gibt sich kaiserlich, Deutschland etwas imperialistisch, und Frankreich ist auf dem beunruhigenden Weg zum Deutschenhass.
"Le Monde", Paris, 10. Januar
Dass die Bundesbank kurz vor dem Jubiläum des Vertrags ankündigte, sie werde ihr Gold von der Banque de France zurückführen, sei ein schneidendes Symbol gewesen", weiß die "Financial Times".
Doch auch wenn das gemeinsame Glück unmöglich geworden ist, so ist die Scheidung dennoch unwahrscheinlich, und zwar aus den banalsten Gründen. Eine Aufspaltung wäre kostspielig und wird um der "Kinder" willen wohl besser vermieden. Die Exklusivität der Beziehung aufzugeben, würde jeden der Partner dazu zwingen, in einem unangenehmen, EU-weiten Kontext wirtschaftlicher Rezession und politischer Verbitterung Gelegenheitskoalitionen für jede Initiative aufzubauen. Beide Länder würden einen enorm hohen Preis zahlen, sollten der Euro und die EU zusammenbrechen - und ohne eine deutsch-französische Konvergenz würde eine derartige Implosion wahrscheinlicher.
"Financial Times", London, 20. Januar
So werde das 50-jährige Jubiläum des Elysée-Vertrags ohne Enthusiasmus und Leidenschaft gefeiert, gibt "Le Figaro" dazu. Und selbst wenn es nie ein goldenes Zeitalter gegeben habe, trage die Lage in Europa heute Kanzlerin und Präsident historische Verantwortung an.
Das Verhältnis zwischen den Staaten - und den Bürgern - beruht auf Vertrauen. Letzteres ist allerdings nicht mehr vorhanden. Weder das Vertrauen zwischen den Bürgern (die Griechen oder Portugiesen gegen die Deutschen), das zwischen den Regierten und den Regierenden, zwischen den Europäern und Europa (von der Syriza bis zu den Wahren Finnen) noch das Vertrauen zwischen den Regierungen. Und das ist wohl die bitterste Feststellung dieses 50. Jubiläums: Das Vertrauen zwischen Berlin und Paris ist im Laufe der Jahre bzw. Jahrzehnte erodiert. Die größte Herausforderung für beide wird wohl sein, es wiederherzustellen.
"Le Figaro", Paris, 16. Januar
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