Von Sebastian Fischer, Washington
Diese Geschichte ist auf die eine oder die andere Weise zu erzählen. In der realistischen Version geht es um den Ex-Chef einer Pizza-Kette, der Präsident der Vereinigten Staaten werden wollte. Der Außenseiter kämpft sich mit Chuzpe und Rhetorik bis an die Spitze des republikanischen Bewerberfeldes, doch dann werfen ihm vier Frauen sexuelle Belästigung vor; schließlich spricht eine fünfte von einer außerehelichen Affäre. Der Kandidat verneint die Vorwürfe, kann sie aber auch nicht widerlegen.
Weil der Druck immer größer wird, fährt der Mann am Freitag nach Hause in den Staat Georgia, um mit seiner Frau die Zukunft zu beraten. Einen Tag später wirft er hin, steigt aus dem Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur aus. Fertig.
Die andere Version ist eine Geschichte von der Front, vom Guten gegen das Böse. "Wir" gegen "die". Es ist eine Opfer-Story. Genau so erzählt sie der republikanische Präsidentschaftsbewerber Herman Cain an diesem sonnigen Samstagmittag im Südstaaten-Atlanta einer erst jubelnden und dann arg betroffenen Menge.
"In Frieden mit Gott und meiner Frau"
Das Land sei dreigeteilt, sagt Cain. Da gebe es die politische Klasse; dann die Medien; und schließlich "wir, das Volk". Er sei "einer von euch und nicht einer aus dieser politischen Elite". Er habe bewiesen, dass ein "gewöhnlicher Mann" diese Nation führen könnte. Aber dann seien "die falschen und unbewiesenen Vorwürfe" gegen ihn aufgekommen. Die Leute buhen.
Von einer "Hexenjagd" und "Schmutzkampagne" der Medien hat Cain in den vergangenen Wochen immer wieder gesprochen und mitunter auch seine Kontrahenten beschuldigt, darin verwickelt zu sein. In Atlanta nun sucht er die anti-politische Grundstimmung im gegenwärtigen Amerika auszubeuten für seine Demission als Präsidentschaftskandidat. Plötzlich geht es nicht mehr um mögliche private Verfehlungen und Affären - sondern um ein neues Opfer im Kampf der politischen Klasse und der Medien gegen den einfachen Mann. Die hätten "eine Wolke des Zweifels" um ihn geschaffen.
Es ist eine stilsichere Rede, mit der Cain das Ende seiner Präsidentschaftsbewerbung markiert. Sie strebt mit Vehemenz dem Höhepunkt und gleichzeitig dramatischen Wendepunkt entgegen, dem Scheitern des Helden an den Mächten des Bösen - und der möglichen Wiederauferstehung. Denn Letztere hat Cain schon programmiert. Präsident zu werden, sagt er, das sei nur "Plan A" gewesen. "Nach Gebeten und Seelenerkundung setze ich meine Präsidentschaftsbewerbung aus." Wegen all der schmerzhaften Erfahrungen, die er und seine Familie gemacht hätten. Heißt im Klartext: Cain ist raus.
"Das Volk wird entscheiden"
Nun aber "Plan B": Er werde nicht leise sein und auch nicht weglaufen, versichert Cain. Hinter ihm wird ein Plakat enthüllt, das auf seine neue Internetseite verweist: "Die Cain-Lösungen", steht darauf. Und: "Das Volk wird entscheiden." Die Dramaturgie sitzt.
Herman Cain, der gescheiterte Präsidentschaftsbewerber, der von sich gern in der dritten Person und als "Hermanator" spricht, macht jetzt auf APO. Der Mann geht in die außerparlamentarische Opposition. "Ich werde eine Stimme des Volkes sein", ruft er. Er werde den Wandel durch diese "neue Organisation" vorantreiben, meint er mit Blick auf seine Internetseite. Er werde dort auch weiter für seinen "9/9/9-Plan" werben, der das US-Steuersystem radikal umkrempeln und Einkommens-, Unternehmens- sowie Umsatzsteuer auf jeweils neun Prozent festsetzen soll.
"Ich wollte Washington von innen wandeln, das war Plan A; nun werden wir es von draußen machen." Politik sei ein "schmutziges, schmutziges Geschäft", aber es werde der Tag kommen, an dem das amerikanische Volk den Wandel anführe.
Diese Sätze erinnern an die große Schattenfrau dieses republikanischen Wahlkampfes: an Sarah Palin. Die Tea-Party-Ikone, Ex-Gouverneurin von Alaska und Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008 hat über Monate bei öffentlichen Auftritten einen Eintritt ins Rennen der Republikaner erwogen, dann aber erkannt, dass ihre Chancen nicht wirklich gut stehen. Seitdem steht sie wie jeher an der Seitenlinie oder im "Fox"-Fernsehstudio und macht ihre Einwürfe. Neulich sagte sie ein paar positive Sätze über den Kandidaten Rick Santorum. Der versendete die Empfehlung der Schattenfrau prompt als Pressemitteilung.
Eine solche Rolle strebt nun offenbar auch Herman Cain an.
Schon in Atlanta kam die Ankündigung, dass er am Ende dem Volk einen Präsidentschaftskandidaten empfehlen werde. Nun dürfte ein heftiges Werben um die Anhänger Cains beginnen, der zuletzt noch den dritten Platz in den Umfragen hielt. "Ich bin stolz, Herman Cain zu kennen", versicherte etwa Spitzenreiter Newt Gingrich ruckzuck per Twitter, "ich betrachte ihn als Freund und weiß, dass er in den nächsten Jahren eine wichtige Stimme sein wird."
Tatsächlich ist damit zu rechnen, dass Cains Ausscheiden dem gegenwärtigen Spitzenreiter Newt Gingrich im Kampf mit Ex-Massachusetts-Gouverneur Mitt Romney zugute kommt. Denn Romney gilt als Kandidat der Etablierten.
Jener politischen Elite, der Cain sein Scheitern anlastet.
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