Ausstieg aus US-Wahlkampf: Herman Cain sucht Plan B

Von , Washington

Vorwürfe sexueller Belästigung und Berichte über ein außereheliches Verhältnis: Herman Cain geriet zuletzt immer mehr in Erklärungsnot. Jetzt wirft der Republikaner hin, steigt aus dem Rennen um die US-Präsidentschaft aus. Wie es weitergehen könnte, schaut er sich bei Sarah Palin ab.

AP

Diese Geschichte ist auf die eine oder die andere Weise zu erzählen. In der realistischen Version geht es um den Ex-Chef einer Pizza-Kette, der Präsident der Vereinigten Staaten werden wollte. Der Außenseiter kämpft sich mit Chuzpe und Rhetorik bis an die Spitze des republikanischen Bewerberfeldes, doch dann werfen ihm vier Frauen sexuelle Belästigung vor; schließlich spricht eine fünfte von einer außerehelichen Affäre. Der Kandidat verneint die Vorwürfe, kann sie aber auch nicht widerlegen.

Weil der Druck immer größer wird, fährt der Mann am Freitag nach Hause in den Staat Georgia, um mit seiner Frau die Zukunft zu beraten. Einen Tag später wirft er hin, steigt aus dem Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur aus. Fertig.

Die andere Version ist eine Geschichte von der Front, vom Guten gegen das Böse. "Wir" gegen "die". Es ist eine Opfer-Story. Genau so erzählt sie der republikanische Präsidentschaftsbewerber Herman Cain an diesem sonnigen Samstagmittag im Südstaaten-Atlanta einer erst jubelnden und dann arg betroffenen Menge.

"In Frieden mit Gott und meiner Frau"

Das Land sei dreigeteilt, sagt Cain. Da gebe es die politische Klasse; dann die Medien; und schließlich "wir, das Volk". Er sei "einer von euch und nicht einer aus dieser politischen Elite". Er habe bewiesen, dass ein "gewöhnlicher Mann" diese Nation führen könnte. Aber dann seien "die falschen und unbewiesenen Vorwürfe" gegen ihn aufgekommen. Die Leute buhen.

Von einer "Hexenjagd" und "Schmutzkampagne" der Medien hat Cain in den vergangenen Wochen immer wieder gesprochen und mitunter auch seine Kontrahenten beschuldigt, darin verwickelt zu sein. In Atlanta nun sucht er die anti-politische Grundstimmung im gegenwärtigen Amerika auszubeuten für seine Demission als Präsidentschaftskandidat. Plötzlich geht es nicht mehr um mögliche private Verfehlungen und Affären - sondern um ein neues Opfer im Kampf der politischen Klasse und der Medien gegen den einfachen Mann. Die hätten "eine Wolke des Zweifels" um ihn geschaffen.

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Herman Cain: Eine verpatzte Kampagne
Es ist eine perfide Inszenierung, die Cain da gibt. Aber sie kommt an. "Herman, Herman, Herman", skandieren die Leute auf dem Platz. "Ich lebe in Frieden mit Gott, ich lebe in Frieden mit meiner Frau, und sie lebt in Frieden mit mir", ruft Cain. "Gloria, Gloria, Gloria", skandieren sie jetzt den Vornamen von Cains Gattin, die währenddessen direkt hinter ihrem Mann auf der Bühne steht.

Es ist eine stilsichere Rede, mit der Cain das Ende seiner Präsidentschaftsbewerbung markiert. Sie strebt mit Vehemenz dem Höhepunkt und gleichzeitig dramatischen Wendepunkt entgegen, dem Scheitern des Helden an den Mächten des Bösen - und der möglichen Wiederauferstehung. Denn Letztere hat Cain schon programmiert. Präsident zu werden, sagt er, das sei nur "Plan A" gewesen. "Nach Gebeten und Seelenerkundung setze ich meine Präsidentschaftsbewerbung aus." Wegen all der schmerzhaften Erfahrungen, die er und seine Familie gemacht hätten. Heißt im Klartext: Cain ist raus.

"Das Volk wird entscheiden"

Nun aber "Plan B": Er werde nicht leise sein und auch nicht weglaufen, versichert Cain. Hinter ihm wird ein Plakat enthüllt, das auf seine neue Internetseite verweist: "Die Cain-Lösungen", steht darauf. Und: "Das Volk wird entscheiden." Die Dramaturgie sitzt.

Herman Cain, der gescheiterte Präsidentschaftsbewerber, der von sich gern in der dritten Person und als "Hermanator" spricht, macht jetzt auf APO. Der Mann geht in die außerparlamentarische Opposition. "Ich werde eine Stimme des Volkes sein", ruft er. Er werde den Wandel durch diese "neue Organisation" vorantreiben, meint er mit Blick auf seine Internetseite. Er werde dort auch weiter für seinen "9/9/9-Plan" werben, der das US-Steuersystem radikal umkrempeln und Einkommens-, Unternehmens- sowie Umsatzsteuer auf jeweils neun Prozent festsetzen soll.

"Ich wollte Washington von innen wandeln, das war Plan A; nun werden wir es von draußen machen." Politik sei ein "schmutziges, schmutziges Geschäft", aber es werde der Tag kommen, an dem das amerikanische Volk den Wandel anführe.

Diese Sätze erinnern an die große Schattenfrau dieses republikanischen Wahlkampfes: an Sarah Palin. Die Tea-Party-Ikone, Ex-Gouverneurin von Alaska und Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008 hat über Monate bei öffentlichen Auftritten einen Eintritt ins Rennen der Republikaner erwogen, dann aber erkannt, dass ihre Chancen nicht wirklich gut stehen. Seitdem steht sie wie jeher an der Seitenlinie oder im "Fox"-Fernsehstudio und macht ihre Einwürfe. Neulich sagte sie ein paar positive Sätze über den Kandidaten Rick Santorum. Der versendete die Empfehlung der Schattenfrau prompt als Pressemitteilung.

Eine solche Rolle strebt nun offenbar auch Herman Cain an.

Schon in Atlanta kam die Ankündigung, dass er am Ende dem Volk einen Präsidentschaftskandidaten empfehlen werde. Nun dürfte ein heftiges Werben um die Anhänger Cains beginnen, der zuletzt noch den dritten Platz in den Umfragen hielt. "Ich bin stolz, Herman Cain zu kennen", versicherte etwa Spitzenreiter Newt Gingrich ruckzuck per Twitter, "ich betrachte ihn als Freund und weiß, dass er in den nächsten Jahren eine wichtige Stimme sein wird."

Tatsächlich ist damit zu rechnen, dass Cains Ausscheiden dem gegenwärtigen Spitzenreiter Newt Gingrich im Kampf mit Ex-Massachusetts-Gouverneur Mitt Romney zugute kommt. Denn Romney gilt als Kandidat der Etablierten.

Jener politischen Elite, der Cain sein Scheitern anlastet.

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1. Plan B war immer Plan A.
skepti 04.12.2011
Wenn man sich den Vorwahlzirkus genauer betrachtet, ist noch eine andere Erklärung wahrscheinlich. Herman Cain (und vielleicht auch andere Kandidaten) hatte nie wirklich vor gegen Obama anzutreten, sondern hat die Vorwahl als Bühne für das Selbstmarketing benutzt. Cain war an seiner eigenen Kampagne reichlich uninteressiert: - Zur Außen- und Sicherheitpolitik hat er überhaupt nicht Stellung bezogen, obwohl dies eine der wichtigsten Aufgaben der Bundesregierung ist. - ER hatte in wichtigen Vorwahlstaaten keine Stäbe eingerichtet, wie die anderen Kandidaten. - Der 999-Plan stammt aus dem Computerspiel Sim-City. - Nach mehreren kontroversen Äußerungen hat er rumgerudert und mehrere Tage später gemeint, dies seien Scherze gewesen. Möglicherweise hat er es stetes darauf angelegt eine Art politischer Medienstar ohne politische Pflichten zu werden, wie Sarah Palin, Ann Coulter oder Michael Moore. Als sojemand kann er Bücher verkaufen, TV-Sendungen moderieren und bezahlte Reden halten und damit wesentlich mehr Geld verdienen, als es ein Senator oder gar der Präsident tut.
2. Cain -> Gingrich
heinz234 04.12.2011
Das "Social Media"- Stimmungsbild ist soweit klar, keiner zweifelt daran, dass Cain Gingrichs Kandidatur unterstützen wird. Obwohl es irgendwie komisch ist, dass jemand, der sich von den Medien wegen einer angeblichen Affäre gestürzt sieht, zu jemandem ins Boot steigt, dem die meisten Medien bestätigte Affären und jede Menge Flip- Flops dieser Tage nicht übel nehmen. Auch die Wähler scheinen sehr vergesslich zu sein, eigentlich unvorstellbar, dass jemand, der vor 14 Jahren solche Presse hatte, nun die Polls anführt: http://www.washingtonpost.com/wp-srv/politics/govt/leadership/stories/012297.htm Interessant finde ich ja, wie sich der Administrator vom Herman Cain Forum entschieden hat, nachdem sein Kandidat das Handtuch geworfen hat: http://www.hermancainforums.com/index.php?PHPSESSID=43fbbfc2bd7046a48735e8d648e4dd39&topic=1824.0
3. Tja, Herman
joe49 04.12.2011
Ganz richtig erkannt, Politik ist ein schmutziges Geschaeft. Wenn er auch nicht derjemige war, der den meisten Schmutz geworfen hat, war er aber einer derjenigen, die mit der Schutzkampagne losgelegt hat und diesen Wahlkampf wohl zu einem der Schmutzigsten werden laesst, denn die USA jemahls gesehen haben. Er ist ja nicht der Erste, der ueber wirkliche oder angebliche angeblichen Sex-Affaeren gestolpert ist. McCain kann da ja auch ein Lied von singen, da war es George W., der ihn mit einer angeblichen Affaere zu Fall gebracht hat. Jetzt ist wieder einer raus und das Einzige was einem zu ueberlegen bleibt ist wer ist wohl der/die naechste. Chancen hatte Cain nicht wirklich denn mit 9/9/9 als einzigem Thema geht nicht viel.
4. Obama macht es richtig...
methusa 04.12.2011
...er wartet, bis die republikanischen Dummköpfe sich selbst demontiert haben. Und das verstehen sie meisterlich.
5. Quod licet Jovi...
tailspin 04.12.2011
Zitat von sysopVorwürfe sexueller Belästigung und Berichte über ein außereheliches Verhältnis: Herman Cain geriet zuletzt immer mehr in Erklärungsnot. Jetzt wirft der Republikaner hin, steigt aus dem Rennen um die US-Präsidentschaft aus. Wie es weitergehen könnte, schaut er sich bei Sarah Palin ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801565,00.html
Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem Kennedy, einem Clinton oder einem Cain? Warum wurden in einer Periode hoechster Pruederie JFK aussereheliche Beziehungen "Happy Birthday, Mr. President..." nachgesehen, und in der heutigen aufgeklaerten Zeit dem Clinton oder Cain eben nicht? Liegt es vielleicht an der Klasse der betroffenen Frauen?
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