Australien: Aborigines feiern das "Sorry" ihres Premiers

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Eine politische Rede, ein Volksfest: Die australischen Ureinwohner bejubelten die offizielle Entschuldigung des Premierministers Kevin Rudd für das Unrecht, das die Weißen in der Vergangenheit begangen haben. Nur der Oppositionschef sorgte für Misstöne.

Der Menschenauflauf erinnerte an das Tennisturnier der Australian Open oder die nationalen Finalspiele im Rugby oder Australian Football: Denn wenn sich Tausende Australier vor Großleinwänden versammeln, um Zeugen eines historischen Moments zu werden, tun sie das normalerweise nicht, um einer Rede ihres Premierministers zu folgen.

Um Punkt 9 Uhr morgens Ortszeit verlas Kevin Rudd, der seit November 2007 im Amt ist, im Parlamentsgebäude von Canberra eine Erklärung, in der er sich offiziell für die unwürdige und erniedrigende Behandlung von Aborigines in Australien entschuldigte. Es war eine simple Geste, die jedoch eine langjährige und erbitterte Diskussion abschließt: Sämtliche Amtsvorgänger von Rudd hatten sich geweigert, die düsteren Kapitel der australischen Geschichte öffentlich anzuerkennen. Rudds Vorgänger John Howard, der zwölf Jahre lang die Geschicke des Landes lenkte, nahm nicht an der heutigen Sitzung teil.

Dreimal sagte Rudd das Wort "Sorry", das für die australischen Ureinwohner eine besonders hohe spirituelle Bedeutung hat. Mit stehenden Ovationen feierten die Zuhörer im Parlament die Rede, einige der etwa 100 geladenen Vertreter der Ureinwohner umarmten sich mit Tränen in den Augen. "Für uns ist das wie der Fall der Berliner Mauer", sagte der Aborigine Darryl Towney. "Das ist der bedeutendste Moment für unser Volk, der in meinem Leben passiert ist."

"Schwarzer Fleck auf der australischen Seele"

Allein vor dem Parlamentsgebäude sahen rund 7000 Bürger die Rede auf Großbildleinwänden und jubelten und schwenkten ihre Schwarz-Rot-Gelben Fahnen. Viele waren extra aus entlegenen Gebieten Australiens hergekommen. Auch in Melbourne, Sydney und Brisbane verfolgten Tausende die Liveübertragung des Fernsehsenders ABC. In abgelegenen Outback-Gemeinden versammelten sich teils ganze Dorfbevölkerungen vor dem Fernseher.

Rudd richtete sich vor allem an die Opfer der "Stolen Generation", die bis zum Jahr 1970 als Kinder von ihren Familien getrennt wurden, um in weißen Haushalten aufzuwachsen. Diese Politik sei ein schwarzer Fleck auf der australischen Seele und werde sich niemals wiederholen, betonte Rudd. "Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der vorangegangenen Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben."

Die emotionale Rede hat für Australien einen symbolischen Stellenwert, der mit Willy Brandts berühmten Kniefall in Warschau im Jahr 1970 vergleichbar ist. Kevin Rudd kündigte außerdem an, in Zusammenarbeit mit Oppositionsführer Brendan Nelson ein Komitee einzuführen, das die Wohnungssituation der Aborigines verbessern soll. Zudem wolle er mehr Mittel für Bildung und Gesundheit in den häufig sehr armen Gemeinden der Ureinwohner bereitstellen.

Nelson allerdings trübte die Freudenfeiern des heutigen "Sorry Day" direkt im Anschluss an Rudds Rede. Zwar bekräftigte er vor dem Parlament zunächst, dass eine staatliche Entschuldigung angemessen sei, doch bei der Behandlung der "Stolen Generations" schränkte er ein: "Unsere Generation ist nicht für diese Taten verantwortlich und sollte sich nicht schuldig fühlen für etwas, das in vielen, wenn auch sicherlich nicht in allen Fällen, mit den besten Absichten getan wurde." Im Parlament erntete er heftige Buhrufe, und draußen wandten Zuschauer den Großleinwänden aus Protest den Rücken zu. Unter Protestbekundungen aus dem Publikum sagte Nelson, einige Aborigines lebten in "existenzieller Ziellosigkeit" und genössen in "verantwortungsloser Weise" die Vorzüge des Wohlfahrtsstaates.

Millionenforderungen sind zu erwarten

Für die australischen Ureinwohner könnte die öffentliche Entschuldigung eine erhöhte Chance bedeuten, Schadenersatzforderungen in mehrstelliger Millionenhöhe gegen den Staat durchzusetzen. Nicht nur für die menschenunwürdige Behandlung der "Stolen Generations", auch für Ländereien könnten die Ureinwohner Kompensation verlangen.

Eine solche Klage basiert auf der sogenannten "Mabo-Entscheidung" aus dem Jahr 1992: Darin erklärte es der oberste Gerichtshof für unrechtmäßig, dass frühe Einwanderer Australien zur "Terra nullius" erklärten, zu einem Land, das niemandem gehört und frei besiedelt werden darf. Auch wenn Rudd und Nelson ankündigten, die Entschuldigung werde keine finanziellen Folgen haben - es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Fälle vor Gericht gehen.

Es sei jedermanns Recht, für ertragenes Unrecht Kompensationszahlungen zu erhalten, sagte Jim Morrison, Dorfältester eines westaustralischen Aborigine-Stammes, der Zeitung "The Age". Er sprach sich dafür aus, den durch die Trennung von ihren Familien traumatisierten Menschen Entschädigungen zu gewähren.

Auch wenn der gute Wille zu erkennen und ein historischer Anfang gemacht ist: Die Regierung Rudd wird es auch in Jahren nicht schaffen, die Untaten der Vergangenheit vergessen zu machen. Zu frisch sind noch viele der Wunden, die Unterdrückung und Diskriminierung hinterlassen haben. Misshandlungen und rätselhafte Todesfälle in Gefängnissen, gewalttätige Polizisten und zweifelhafte Gerichtsurteile - trotz einer gestiegenen Aufmerksamkeit für die Probleme der Ureinwohner liegt eine Gleichbehandlung mit weißen Australiern noch in weiter Ferne. Noch Ende 2007 schickte eine weiße Richterin neun junge Männer aus Queensland, die ein Aborigine-Mädchen vergewaltigt hatten, nicht ins Gefängnis, sondern nach Hause: Das zehnjährige Opfer habe der Tat "wahrscheinlich zugestimmt".

Mit Materialien von AFP, Reuters

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