Regierungskrise in Australien Der Premier, sein Stellvertreter, dessen Geliebte und ihr Baby

Australiens Vizepremier inszenierte sich stets als Familienmensch vom Lande. Dann schwängerte er seine Geliebte. Die Privatsache entwickelt sich zur Regierungskrise: Barnaby Joyce klammert sich an die Macht.

Von , Sydney


Der Skandal hat einen Namen: #barnababy. Seit zehn Tagen in Folge widmet ihm die australische Zeitung "Daily Telegraph" ihre Titelseite. Los ging es mit dem Foto einer offensichtlich schwangeren Frau. An diesem Freitag lautet die Schlagzeile: "Premierminister verbietet Sex."

Auslöser ist Barnaby Joyce, der australische Vize-Premierminister. Joyce führt die konservative National Party an. Er sieht sich als Vertreter ländlicher Wähler, er selbst wuchs auf einer Farm auf, noch heute trägt er bei öffentlichen Auftritten oft einen der landestypischen Akubra-Hüte mit breiter Krempe zum Anzug, auf dem Foto seines offiziellen Twitteraccounts lehnt er lächelnd an einem Weidezaun.

Fotostrecke

6  Bilder
Barnaby Joyce: Vom Lande

Joyce ist 50 Jahre alt, groß und kräftig. Er heiratete 1993 und hat vier Töchter. Familienwerte sind ihm wichtig, das hat er im Laufe seiner Karriere immer wieder betont. Als die Australier jüngst über die Ehe für alle diskutierten, lehnte Joyce das Vorhaben ab: Es würde Familien zerstören.

Dann allerdings wurde bekannt, dass Joyce eine Geliebte hat. Vikki Campion ist seine ehemalige Medienberaterin. Und sie erwartet ein Kind von Joyce. Nachdem vergangene Woche ein Foto der hochschwangeren Campion auf der Zeitungstitelseite erschien, bat der Vizepremier öffentlich um Entschuldigung: bei seiner Ehefrau, bei den Töchtern und der Partei. Er bestritt aber, gegen Verhaltensregeln verstoßen zu haben.

Sie fühle sich "betrogen und verletzt", sagte Joyces Ehefrau vor Journalisten. Sie und der Vizepremierminister trennten sich bereits Ende vergangenen Jahres. Da war von einer Geliebten allerdings noch keine Rede.

An diesem Donnerstag äußerte sich Premierminister Malcolm Turnbull zu der Affäre, und zwar ungewohnt deutlich.

Während einer Sitzung des Parlaments kam er auf seinen Stellvertreter zu sprechen. Der habe seiner Frau und seinen Kindern "schrecklich wehgetan". Politiker sollten Vorbilder sein, sagte Turnbull. Deshalb habe er den Verhaltenskodex der Regierung dahin gehend geändert, "dass Minister, ganz gleich, ob sie verheiratet oder Single sind, keine sexuelle Beziehung mit Mitarbeitern eingehen dürfen". Das "Sex-Verbot" sorgte für Titelseite Nummer zehn.

In der kommenden Woche - wenn Turnbull selbst in den USA ist - wird Joyce ihn nicht als Regierungschef vertreten. Das wäre normalerweise üblich. Stattdessen kündigte Turnbull an, Joyce werde vom Montag bis Sonntag kommender Woche eine Auszeit nehmen, um nachzudenken, um seine Familie um Vergebung zu bitten "und um ein neues Heim für seine Partnerin und ihr Baby" zu schaffen.

Den lauter werdenden Rücktrittsforderungen schloss sich Turnbull zwar nicht ausdrücklich an. Es fehlte allerdings nicht viel.

Am Freitag nun polterte Joyce zurück: Er werde keinesfalls zurücktreten, sagte er vor Journalisten. Die Äußerungen Turnbulls über ihn seien in vielen Fällen "unangebracht" und "unnötig" gewesen. Sie hätten weiteren Schaden verursacht. "Es handelt sich um eine persönliche Angelegenheit, die in die Öffentlichkeit gezerrt wurde", sagte Joyce. Und niemand, egal in welchem Job, sollte wegen persönlicher Angelegenheiten zurücktreten.

Doch die Affäre reicht längst auch ins Politische. In australischen Medien werden seit Tagen unter anderem die folgenden Vorgänge diskutiert:

  • Im vergangenen Jahr wollte sich Joyce den Berichten zufolge die Reisekosten für 50 Tage erstatten lassen, die er in der Hauptstadt Canberra verbracht hatte - während einer Zeit, in der das Parlament allerdings gar nicht tagte. Der Verdacht liegt nahe, dass er die Tage womöglich mit seiner Geliebten verbrachte.
  • Im vergangenen April beendete Vikki Campion ihre Arbeit im Büro von Joyce und bekam einen Job bei dessen Parteikollegen, Senator Matt Canavan. Es gibt Berichte, wonach Turnbull die Versetzung abgesegnet hat, um räumliche Distanz zwischen Joyce und Campion zu bringen. Bestätigt ist das nicht. Es ist auch unklar, ob der Jobwechsel etwas mit der Affäre zu tun hatte.
  • Joyce und Campion teilten sich eine gemeinsame Wohnung, für die sie laut "New York Times" allerdings keine Miete bezahlten: Sie gehört demnach einem wohlhabenden Unterstützer des Vize-Premierministers.

"Diese Regierung steckt in einer Krise", sagt der Chef der größten Oppositionspartei Labor, Bill Shorten. "Der Premierminister und der Vize-Premierminister bekriegen sich." Turnbull müsse Joyce entlassen.

Das könnte Turnbull theoretisch tun. Das anschließende Chaos wäre allerdings programmiert. Diesen Schritt wird sich der Premier gut überlegen. Denn die Koalition aus seiner Partei und der von Joyce hat im Parlament bloß die Mehrheit von einer Stimme. Die hatte Joyce übrigens im vergangenen Jahr schon einmal gefährdet: als er mitteilte, dass er rechtswidrig auch die neuseeländische Staatsbürgerschaft besitzt.

insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pelegrino 16.02.2018
1. In unserem kleinen Pseudo-Paradies...
...hier leben hunderte Australier - was sich auch darin zeigt, dass wir ueber ein richtiges Konsulat verfuegen. Wenn ich mir meine Nachbarn von "Down Under" so anschaue, habe ich nicht den Eindruck dass sie in irgendeiner Art moralisch hoeherstehend waeren. Im Gegenteil kenne ich durchaus den einen oder anderen der Australien auf der Flucht vor Unterhaltszahlungen verlassen hat - ganz ohne damit nun zu einer kleinen Minderheit zu gehoeren. Insofern wundert mich dieser Sturm im Wasserglas - und auch wieder nicht. Die Scheinmoral auf dem fuenften Kontinent erzeugt Trugbilder auf denen die Auslassung dominiert. Im Prinzip folgt man damit einer australischen Tradition besser als andere zu sein. Wer weiss denn schon dass die Aussies Partei im Vietnamkrieg waren...?
thequickeningishappening 16.02.2018
2. Vor Dem Urteil kommt Die Analyse
Druck sucht Ventil - dann kommt Die Klatschtpresse! Herr Joyce hat Einiges durchgemacht: doppelte Staatsbürgerschaft? Nachwahl(kampf)! Druck von allen Seiten! Dann Ein gefundenes Fressen für Die Presse! Der Mann hat mein volles Verständnis!
Immanuel K. 16.02.2018
3. Grundsätzlich...
...hat Herr Joyce ja recht, wenn er sagt: "Es handelt sich um eine persönliche Angelegenheit, die in die Öffentlichkeit gezerrt wurde"... ...Und niemand, egal in welchem Job, sollte wegen persönlicher Angelegenheiten zurücktreten... Allerdings kommen diese Aussagen sehr oft von Herrschaften erst nach eigenen Verfehlungen, die ansonsten gegenüber Anderen ständig die große moralische Keule schwingen.
egoneiermann 16.02.2018
4.
Zitat von thequickeningishappeningDruck sucht Ventil - dann kommt Die Klatschtpresse! Herr Joyce hat Einiges durchgemacht: doppelte Staatsbürgerschaft? Nachwahl(kampf)! Druck von allen Seiten! Dann Ein gefundenes Fressen für Die Presse! Der Mann hat mein volles Verständnis!
Weswegen? Weil er Wahlkamf mit einem verlogenen Familienbild gemacht hat, das ihm nun um die Ohren fliegt? Das wäre genauso, wenn der neue Grünen-Chef heimlich einen SUV fahren würde. Wer eine bestimmte Moral predigt, wird an dieser bewertet. Ansonten geht niemand das Liebesleben der Politiker an.
cindy2009 16.02.2018
5. @thequ...
"---- thequickeningishappening heute, 12:19 Uhr 2. Vor Dem Urteil kommt Die Analyse Druck sucht Ventil - dann kommt Die Klatschtpresse! Herr Joyce hat Einiges durchgemacht: doppelte Staatsbürgerschaft? Nachwahl(kampf)! Druck von allen Seiten! Dann Ein gefundenes Fressen für Die Presse! Der Mann hat mein volles Verständnis----" Haben Sie auch Verständnis für seine Familie? Das Problem ist doch, dass hier moralisch eine Grenze überschritten wurde. Und das bei jemandem, der seine Bürger vertreten möchte. Er hatte die Wahl, aber hat sie nicht genutzt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.