Australisches Flüchtlingslager im Pazifik Die Schande von Manus

600 Flüchtlinge harren im geschlossenen Lager auf Manus im Pazifik aus, ohne Wasser, ohne Essen. Zwei Tage noch, dann wollen die Behörden Gewalt einsetzen. Viele Australier schauen weg, der Premier setzt auf Donald Trump.

Matthew Abbott

Von , Sydney


"Wir werden entscheiden, wer in dieses Land kommt und unter welchen Umständen sie kommen."
Australiens damaliger Premierminister John Howard, 2001

Es ist eine Geschichte, in der es nur Verlierer gibt. Sie fängt an bei Hunderten Männern, die aus ihren Heimatländern geflohen und statt in Australien in Lagerhaft auf einer kleinen Pazifikinsel gelandet sind. Sie handelt von Politikern in einer der reichsten Nationen der Welt, die über den richtigen Umgang mit Flüchtlingen streiten und sich dabei schon mal als "Terroristen" beschimpfen. Es geht auch um die Bevölkerung in einem Einwanderungsland, die in großen Teilen zu müde geworden ist, sich mit der strikten Asylpolitik ihrer Regierung auseinanderzusetzen. Und etwas später in der Geschichte, da kommt auch Donald Trump ins Spiel.

Hauptschauplatz ist Manus. Die Insel gehört zu Papua-Neuguinea, etwa 60.000 Menschen leben in der gleichnamigen Provinz, die Insel ist 100 Kilometer lang, bis zu 30 Kilometer breit, es könnte ein Paradies sein: Palmen, Sandstrände, tropischer Regenwald.

Doch für 600 Männer ist Manus die Hölle. Die Regierung in Canberra zahlt seit 2013 Hunderte Millionen Dollar an Papua-Neuguinea, damit es sich um die Flüchtlinge kümmert, die Australien keinesfalls ins Land lässt: die sogenannten boat people.

Wer ohne gültige Einreisepapiere per Boot nach Australien kommt, wird abgefangen, zurückgeschickt oder in Lager auf Manus und auf der noch kleineren Pazifikinsel Nauru gebracht.

Was die Flüchtlinge dort erleben, ist systematische Vernachlässigung, die an Folter grenzt. Hunderte Menschen - in Nauru auch knapp 50 Frauen und noch einmal so viele Kinder - hausen teils seit Jahren in den Lagern, die meisten sind offiziell als Flüchtlinge anerkannt. Der Großteil kommt aus dem Nahen Osten und Südostasien. "Australien ist verantwortlich für die Schäden, die diese Asylsuchenden und Flüchtlinge durch die ungewollte Gefangenschaft erleiden", sagt Uno-Sonderberichterstatter François Crépeau.

  • Im Februar 2014 gab es im Lager auf Manus einen dreitägigen Aufstand. 70 Flüchtlinge wurden verletzt, ein Mann verlor sein rechtes Auge, ein anderer erlitt eine Schussverletzung, ein weiterer eine Schnittwunde am Hals. Der 23-jährige Iraner Reza Barati wurde in dem Camp getötet, ein Gericht verurteilte zwei Inselbewohner später wegen Mordes. Eine offizielle Untersuchung zu dem Vorfall ergab, dass der Gewaltausbruch "deutlich absehbar" gewesen sei und die australische Regierung dabei versagt habe, die Flüchtlinge zu schützen.
  • 2015 begannen Hunderte Männer auf Manus einen Hungerstreik, einige von ihnen nähten sich die Lippen zu, andere schluckten Rasierklingen. Der Streik wurde beendet, indem einige der Wortführer ins Gefängnis gebracht wurden.
  • Im April 2016 stürmten angetrunkene einheimische Soldaten das Lager auf Manus, sie feuerten mehrere Schüsse ab. Einen Monat später zündeten sich auf Nauru binnen weniger Tage zwei Flüchtlinge selbst an, einer starb.
  • Im August 2017 erhängte sich der 28-jährige Iraner Hamed Shamshiripour, der auf Manus untergebracht war. Es war bekannt, dass er unter psychischen Problemen litt und schon einmal versucht hatte, sich umzubringen.
Fotostrecke

14  Bilder
Flüchtlingslager auf Manus: Im "Camp Dead End"

Das oberste Gericht in Papua-Neuguinea erklärte die Lagerhaft der Männer auf Manus im April 2016 für rechtswidrig. Am letzten Oktobertag hat Australien das Camp offiziell geschlossen - und gleichzeitig die Versorgung gestoppt. Es gibt keine Nahrung mehr für die Insassen, kein sauberes Trinkwasser, keinen Strom, keine medizinische Versorgung. Und trotzdem weigern sich 600 Männer, das Lager zu verlassen.

Sie haben Angst. Laut dem offiziellen Plan sollen sie in drei Unterkünfte in der nahe gelegenen Stadt Lorengau umgesiedelt werden. Doch die Bewohner fürchten Angriffe aus der Bevölkerung. "Die Gewalt ist in den vergangenen sechs Monaten eskaliert", sagt die australische Direktorin von Human Rights Watch, Elaine Pearson. "Es ist schlicht nicht sicher, sie umzusiedeln."

"Wir wollen nicht noch einmal wegtransportiert werden wie Müllsäcke. Papua-Neuguinea kann uns keine Sicherheit bieten. Die australische Regierung lässt uns verhungern. Aber solange wir leben, bleiben wir."
Flüchtling Aziz im Gespräch mit dem SPIEGEL

Neun Tage sind seit der offiziellen Schließung des Camps vergangen. Die Straßen rund um das Lager sind abgeriegelt, der Zugang zum Camp verboten. Die Männer haben tiefe Löcher in den Boden gegraben, um an Wasser zu kommen, sie fangen es auch in Mülltonnen auf. Ab und zu kommen Inselbewohner zu ihnen durch, die Essen bei sich haben. Mit einer kleinen Solarbatterie laden sie die Telefone auf.

Am Montag hat der oberste Gerichtshof in Papua-Neuguinea entschieden, dass der Versorgungsstopp rechtens ist. Australien und Papua-Neuguinea schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. An diesem Donnerstag haben die einheimischen Behörden die Camp-Bewohner informiert, dass sie ihnen noch zwei Tage lang Zeit geben, friedlich zu gehen. Danach werde das Lager - falls nötig - mit Gewalt geräumt.

Die Männer sagen, sie werden bleiben.

"Es geht nur darum, den Tag rumzukriegen. Wir versuchen uns abzulenken, damit wir nicht merken, wie groß Hunger und Durst sind. Aber wir haben eine Entscheidung getroffen. Und wir tragen die Konsequenzen."

Flüchtling Aziz im Gespräch mit dem SPIEGEL

Die Flüchtlinge haben neben der Umsiedlung nach Lorengau noch andere Möglichkeiten: Sie könnten auch in das Lager nach Nauru umgesiedelt werden oder nach Kambodscha - mit dem korrupten Regime hat Australien 2015 einen entsprechenden, millionenschweren Deal ausgehandelt. Zudem hat die australische Regierung den Flüchtlingen umgerechnet bis zu 16.500 Euro geboten, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren. Nur wenige Männer gingen darauf ein.

Neuseeland will helfen. Seit 2013 hat die Regierung des Nachbarlandes mehrfach Unterstützung angeboten. Die neue Premierministerin Jacinda Ardern sagte erst kürzlich, ihr Land sei bereit, 150 Männer aufzunehmen. Doch der australische Premier Malcolm Turnbull lehnt das - wie schon in der Vergangenheit - ab. "Wir wissen das Angebot zu schätzen", sagte er. "Aber wir wissen, wie die Folgen aussehen würden: Hunderttausende illegale Einreisen. Und mehr als tausend Männer, Frauen und Kinder, die im Meer ertrinken."

Australien begründet seine strikte Asylpolitik damit, dass sie Flüchtlinge und Schmuggler abschrecke - und dadurch weniger Menschen im Meer ertränken. Es ist unklar, wie viele Menschen trotzdem versuchen, das Land zu erreichen. Offizielle Angaben dazu gibt es nicht.

Nach Turnbulls Willen sollen die 600 Männer von Manus zumindest vorerst dort bleiben. Längerfristig hofft er auf Donald Trump.

Im November 2016, kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen, hatten sich Turnbull und sein damaliger Amtskollege Barack Obama darauf geeinigt, dass die USA bis zu 1250 Flüchtlinge aus Nauru und Manus aufnehmen. Trump nannte das den "schlechtesten Deal aller Zeiten", doch er will sich offenbar an die Vereinbarung halten: Die Flüchtlinge werden derzeit von US-Behörden genau überprüft, rund 50 Männer aus Manus und Nauru sind bereits in die USA gereist. Turnbull hofft, dass es noch Hunderte mehr werden.

"Ich will überall auf der Welt hin, Hauptsache, ich bin frei. Es ist mir egal, ob das in Australien, Kanada oder den USA ist. Aber ich habe keine Hoffnung mehr. Australien hat mir meine Träume gestohlen."

Flüchtling Aziz im Gespräch mit dem SPIEGEL

Abdul Aziz Muhamat, 25, erinnert sich noch daran, mit welcher Hoffnung er einst sein Heimatland verließ. Er kommt aus Darfur, er hatte Ärger mit dem sudanesischen Regime, viel mehr will er dazu nicht sagen. Am 14. Juli 2013 stieg er in Khartum in ein Flugzeug, Yemenia Airways Flug 632, er reiste über Sanaa und Dubai nach Jakarta. Von dort sollte es per Boot weiter nach Australien gehen. Ein erster Versuch scheiterte, Aziz und die rund 50 anderen Menschen an Bord kehrten nach zwölf Stunden um. Fünf Menschen ertranken. Beim zweiten Anlauf griff die australische Marine das Boot und seine Insassen auf. Das war im Oktober 2013.

Die Flüchtlinge wurden erst in ein Lager auf der Weihnachtsinsel gebracht. Dann, so berichtet es Aziz, sagte ihnen ein Mitarbeiter der australischen Einwanderungsbehörde, sie würden nach Manus geflogen, "ein sehr gefährlicher Ort voll ansteckender Krankheiten - desinfiziert euch, wenn ihr einen der Bewohner berührt", soll der Offizielle gesagt haben. Das ist jetzt vier Jahre her.

"Seit ich auf Manus bin, ist es wie im Albtraum. Ich bereue es nicht, geflohen zu sein, ich hatte keine Wahl. Aber ich bereue es, in Australien um Asyl gebeten zu haben. Was uns die Regierung antut, ist kaum auszuhalten."

Flüchtling Aziz im Gespräch mit dem SPIEGEL

Australien - ist ein Land so groß, dass Deutschland fast 22 Mal hineinpasst; es leben hier gerade einmal 24,7 Millionen Menschen. Es mangelt weder an Platz noch an Geld: Australien ist eines der reichsten Länder der Welt, die letzte Rezession liegt 26 Jahre zurück. Zudem ist es ein klassisches Einwanderungsland, rund ein Viertel aller Australier ist im Ausland geboren (der Streit um die doppelte Staatsangehörigkeit hat die Turnbull-Regierung gerade ihre Mehrheit im Parlament gekostet). Nachdem die ersten Weißen 1788 mit Booten an die Küste kamen, nutzten sie Australien als Straflager für britische Kriminelle.

Seit Jahren wird der harte Kurs in der Asylpolitik von beiden großen Parteien im Land unterstützt. Ihnen geht es ums Prinzip, und das heißt: "Stop the boats."

Niemand verkörpert diesen Slogan heute so sehr wie Migrationsminister Peter Dutton von Turnbulls Liberal Party. In Richtung der Männer auf Manus wiederholte er mehrfach: "Sie kommen nicht nach Australien. Da können ihre Vertreter meckern so viel sie wollen." Dass die Flüchtlinge Angst vor Übergriffen aus der Bevölkerung haben, tut Dutton als "Unsinn" und "erbärmliches, trügerisches Märchen" ab.

Einzig die Grünen stellen sich offen gegen den Asyl-Kurs von Liberal und Labour. Der Abgeordnete Adam Bandt sagte nach der Schließung des Lagers auf Manus: "Wenn es die Definition von Terror ist, seine politischen Ziele mit Gewalt und Todesandrohungen durchzusetzen - dann ist Peter Dutton ein Terrorist."

"Ich dachte, Australien sei ein großzügiges Land und würde die Menschenrechte achten. Aber das kümmert niemanden. Sie kümmern sich nur um ihre Politik."

Flüchtling Aziz im Gespräch mit dem SPIEGEL

Immer wieder gibt es Proteste von Aktivisten und Menschenrechtsgruppen, die lautstark fordern, die Flüchtlinge nach Australien zu holen. Aber der harte Kurs der Regierung kommt in großen Teilen der Bevölkerung gut an. In anderen wird er nur noch mit Apathie verfolgt.

Berichte über die Lager gibt es schon seit 2001, seitdem werden die Flüchtlinge pünktlich zu jeder Wahl instrumentalisiert. Hinzu kommt, dass Nauru und Manus mehrere Flugstunden entfernt und auch in den Medien wenig sichtbar sind. Journalisten ist es nur selten gelungen, in die Lager zu kommen und von dort zu berichten. Keine große Redaktion hat derzeit Journalisten vor Ort. "Die Krise um die Flüchtlinge auf Manus verschärft sich", heißt es dann in den Abendnachrichten. Und wie haben die Roosters gestern gespielt?

Die Flüchtlinge im Lager nehmen es also selbst in die Hand, sie twittern, schreiben Artikel oder skypen mit Journalisten. Sie wollen, dass ihre Geschichte gehört wird.

Aziz ist überzeugt, dass seine eigene auf Manus enden wird. "Ich werde hier sterben", sagt er. "Erst wenn ich tot bin, wird Australien mich von der Insel bringen."

REUTERS


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.