Australiens neue Regierungschefin Gillard: Rote Rebellin mit schwerem Erbe
Die Opposition sieht eine "Mogelpackung", Zeitungen die "Traumerfüllung für Feministinnen": Julia Gillard regiert als erste Frau Australien. Kinderlos und unverheiratet mit ihrem Partner zusammenlebend gilt sie als Zielscheibe der Konservativen - und kämpft um ihre politische Glaubwürdigkeit.
Ihre erste Erklärung als Regierungschefin klingt, als hätte sie schon eine Weile vor dem Spiegel geübt. "Es wird Tage geben, an denen ich Sie enttäusche, und Tage, an denen ich Sie begeistere", sagt Australiens neue Ministerpräsidentin Julia Gillard mit fest in die Kamera gerichtetem Blick. "Aber ich verspreche Ihnen: Ich werde an jedem Tag hart arbeiten." Sie sei "tief bewegt, nun das Land zu führen, das ich liebe", fügt sie hinzu. Die 49-Jährige, optisch eine Mischung aus Jodie Foster und "Akte X"-Darstellerin Gillian Anderson, ist ein Profi in Sprache und Auftritt.
Offenbar auch in ihrer Taktik. Julia Gillard hat den bisherigen Partei- und Regierungschef Kevin Rudd in einer parteiinternen Revolte gestürzt. Der Führungswechsel verblüffte Öffentlichkeit und Kommentatoren gleichermaßen. Mit Gillard ist erstmals eine Frau im Amt des Premiers - selbst wenn sie, wie sie selbst sagt, "nicht vom australischen Volk gewählt" wurde.
Rudd, noch zu Amtsantritt vor drei Jahren gefeiert als "Labor-Wunder", legte den Parteivorsitz nieder, als sich abzeichnete, dass er eine bevorstehende Abstimmung über die Machtfrage in der Partei verlieren würde - zu viele Abgeordnete hatten Rudd zuletzt die Gefolgschaft verweigert. Am Donnerstagmorgen, zwölf Stunden nachdem sich seine Stellvertreterin Gillard überraschend zur Gegenkandidatin aufstellen ließ, trat Rudd dann gar nicht mehr zur Neuwahl des Parteichefs an.
Gillard wurde anschließend auf einem Sonderparteitag zur neuen Vorsitzenden gewählt - und kurz darauf als Ministerpräsidentin vereidigt. Den Eid legte Gillard im schwarzen Nadelstreifenanzug ab, unterschrieb noch am Vormittag die Papiere im Regierungshaus in Canberra. Als erste Frau im Amt regiert Gillard nun das sechsgrößte Land der Erde - und macht Rudd zum am kürzesten amtierenden Regierungschef Australiens seit 1972.
Abschied mit bebender Unterlippe und Tränen
Der gefallene Premier verabschiedete sich ungewohnt emotional mit bebender Unterlippe und Tränen. Sekundenlang brachte er kein Wort hervor, blickte immer wieder zu Boden, bevor er sich bei seinen Weggefährten, Mitarbeitern und dem Wahlvolk bedankte. "Lots to be proud of, darling", flüsterte ihm seine Ehefrau über die Schulter, als Rudd selbst die Stimme versagte. "Du kannst auf so vieles stolz sein, Schatz." Die Mikrofone der Journalisten fingen es ein.
In den vergangenen Monaten hatte Rudd mit drastisch sinkenden Umfragewerten zu kämpfen. Die "Supersteuer" auf Gewinne der Bergbaubranche, mit der Australiens Regierung ein Stück der boomenden Rohstoffbranche abbekommen wollte, war dabei die jüngste Zerreißprobe. Sie hatte die Chancen auf einen Labor-Sieg bei den kommenden Wahlen im Herbst deutlich geschmälert. Mit der Sonderabgabe sollten Haushaltslöcher gestopft werden - doch mit den Plänen zur 40-Prozent-"Supertax" brachte Rudd nicht nur australische Firmenbesitzer und Investoren aus Übersee gegen sich auf. Er verprellte auch Zehntausende Minenarbeiter des Landes, die um Arbeitsplätze und Löhne fürchten.
Für die Opposition ist der Parteiputsch eine Steilvorlage, der politische Gegner ergeht sich in genüsslichen Attacken. Liberalen-Führer Tony Abbott spricht von einer "politischen Exekution" des Premiers und von einer "Mogelpackung". "Sie haben vielleicht den Verkäufer ausgetauscht, aber nicht das Produkt", ätzt Abbott.
In der Tat plant Gillard zunächst keine bahnbrechenden Änderungen der Rudd-Politik. Am Tag nach dem Putsch gab sie sich betont ausgleichend.
- Gillard bekannte sich ausdrücklich zur umstrittenen Minensteuer, kündigte aber als erste Amtshandlung den Stopp einer 38 Millionen Dollar teuren Anzeigenkampagne an, die bei den Wählern für Verständnis für die Supersteuer werben sollte. Gillard versprach "neue Verhandlungen" mit den Rohstoffkonzernen, und ein "Ende der Unsicherheit".
- In der Klimapolitik kündigte Gillard neue Offensiven an. "Ich will mich weiter für Emissionshandel einsetzen", sagte Gillard in der ersten Fragestunde in ihrem neuen Amt. Sie sucht nach einem "Konsensmodell". Rudd hatte als Premier eines Kontinents, der mit Überflutungen, Hitzewellen und kritischen Ozonwerten zu kämpfen hat, als erste Amtshandlung das Kyoto-Protokoll unterschrieben. Dann passierte allerdings lange nichts. Seine Gesetzesvorlagen scheiterten dreimal im Parlament, zuletzt gab er sich öffentlich geschlagen und legte die Pläne offiziell auf Eis - was ihm den Spottnamen "gutless leader" (zu Deutsch etwa: Anführer ohne Rückgrat) einbrachte.
Die Zeitung "The Australian" feiert Gillards Wahl bereits als "Traumerfüllung aller Feministinnen". Dass eine unverheiratete Frau, die "in Sünde lebt" mit ihrem Lebensgefährten Tim Mathieson, "der auch noch ein Friseur ist", und ihre Zweitwohnung in Melbournes heruntergekommenem Arbeiterviertel Altona unterhält, sei ein "gutes Zeichen".
"Ja, ich bin die erste Frau an der Spitze Australiens, und wahrscheinlich auch die erste Person mit roten Haaren", kommentierte Gillard selbst im australischen Fernsehsender ABC. Abheben werde sie trotz ihres rasanten Karrieresprungs aber nicht, versprach sie.
- 1. Teil: Rote Rebellin mit schwerem Erbe
- 2. Teil: Warum Julia Gillard heftige Attacken gelassen nimmt
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- Freitag, 25.06.2010 – 05:22 Uhr
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