Auszeichnung "Time" kürt Putin zum Mann des Jahres

Für viele Russen kommt die Auszeichnung nicht überraschend: Ihr Präsident Wladimir Putin ist für das US-Magazin "Time" die Person des Jahres. Außerhalb seines Landes ist der scheidende Präsident und Bald-Regierungschef allerdings umstritten.


Washington - Al Gore ließ er hinter sich, genauso wie die britische Autorin J. K. Rowling: Russlands Präsident Wladimir Putin ist für das US-Nachrichtenmagazin "Time" die "Person des Jahres" 2007. "A Tsar is Born" (frei übersetzt: Es kommt ein neuer Zar) heißt die heute erschienene Titelgeschichte unter Anspielung auf den Film "A Star is Born" (Ein Stern geht auf) mit Barbra Streisand aus dem Jahr 1976.

Putin habe eine außerordentliche Führungsleistung vollbracht, indem er ein Land im Chaos übernommen und ihm Stabilität gebracht habe, erklärte der amtierende "Time"-Chefredakteur Richard Stengel. Putin habe ein Land wieder auf Vordermann gebracht, "das von der Landkarte in unseren Köpfen verschwunden war", sagte Stengel. "Er ist der neue Zar von Russland, und er ist gefährlich in dem Sinn, dass er sich nicht um bürgerliche Freiheiten schert, sich nicht um freie Rede schert." Putin sei in Russland populär. Viele dort glaubten, dass es weitgehend ihm zu verdanken sei, dass das Land an Stabilität gewonnen habe. "Er ist kein Demokrat in dem Sinne, wie der Westen den Begriff definiert", heißt es in der Titelstory. Ob sich Putin in Richtung eines neuen Stalin, oder in Richtung eines Peters des Großen entwickele, ob als Reformer oder als Autokrat, der Russland erneut unterdrückt, das werde sich erst in den kommenden zehn Jahren zeigen.

Die Zeitschrift reagiert mit ihrer Entscheidung auf eine neue russische Politik, die in der Weltpolitik wieder einen Großmachtanspruch geltend macht. Das reicht von Aussetzung des KSE-Vertrags über die Lieferung von Atombrennstoff nach Iran bis hin zur Weigerung, sich von den westlichen Staaten von einer Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo überzeugen zu lassen.

Der ehemalige Geheimdienstmann Putin ist seit 2000 Präsident Russlands. In dieser Zeit hat er das Land in der Tat stabilisiert - nach Meinung vieler ausländischer Experten geschah dies allerdings nicht im Einklang mit demokratischen Reformen. Da Putin bei den Präsidentschaftswahlen Anfang 2008 nicht wieder antreten darf, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit Premierminister.

Der Artikel über Putin erinnert daran, dass der Titel "Person des Jahres" nicht als Ehre zu verstehen sei, nicht als Bestätigung für jemanden. Es handele sich nicht um einen Popularitätswettbewerb. Es handele sich bei dem Titel um eine Bestandsaufnahme der Welt und ihrer mächtigsten Individuen.

Die Zeitschrift vergibt die Auszeichnung "Person of the Year" (bis 2000 'Man of the Year') seit 1927. Erster Preisträger war Charles Lindbergh. Im vergangenen Jahr hatte "Time" keine Person ausgezeichnet, sondern alle Nutzer des Internets. Zuvor waren unter anderem U2-Sänger Bono, US-Präsident George W. Bush und Amazon-Chef Jeff Bezos, aber auch Adolf Hitler und Josef Stalin ausgezeichnet worden. Weitere Preisträger der vergangenen 80 Jahre: Mohandas Karamchand Gandhi, Winston Churchill, Königin Elisabeth II., Konrad Adenauer, Martin Luther King, Jr., Willy Brandt, Ajatollah Chomeini, Michail Gorbatschow und Rudolph Giuliani.

ler/Reuters/AFP



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