Autor von "Kampf der Kulturen" US-Politologe Samuel P. Huntington ist tot

Er gilt als Leitfigur der Politikwissenschaft, sein zentrales Werk "Kampf der Kulturen" wurde als wissenschaftlicher Meilenstein gepriesen - und ist doch höchst umstritten: Samuel Phillips Huntington ist im Alter von 81 Jahren gestorben.


New York - Der bekannte Politikwissenschaftler Samuel Phillips Huntington ist tot. Bereits am 24. Dezember starb der 81-Jährige auf der Insel Martha's Vineyard an der US-Ostküste. Das teilte die Harvard-Universität am Samstag auf ihrer Web-Seite mit - und würdigte den Verstorbenen mit einem langen Artikel. Huntington hatte 58 Jahre an der renommierten Universität gelehrt.

Politologe Huntington (2002): "Die gefährlichsten Bruchlinien sind dort, wo Macht- und Kulturunterschiede sich überlappen"
REUTERS

Politologe Huntington (2002): "Die gefährlichsten Bruchlinien sind dort, wo Macht- und Kulturunterschiede sich überlappen"

Der zerbrechlich wirkende Mann mit den schüchtern blinzelnden Augen hinter der Hornbrille gilt als bedeutender, aber auch umstrittener amerikanischer Politikwissenschaftler. Sein langjähriger Freund, der emeritierte Harvard-Wirtschaftsprofessor Henry Rosovsky, lobte ihn als "einen der einflussreichsten Politikwissenschaftler der vergangenen 50 Jahre". "Überall in der Welt studierten und diskutierten Menschen seine Gedanken."

Die "Welt" nannte Huntington an seinem achtzigsten Geburtstag einen "Stichwortgeber für die Zeitenwende". Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete Huntington 1996 als "wahrscheinlich die größte Figur in jener Politologen-Generation, die in der Nachkriegszeit die neue Disziplin 'Internationale Beziehungen' geprägt hat".

Menschlich soll Huntington ein Mann mit einer gehörigen Portion Rückgrat gewesen sein. "In einer Debatte ist er selbstbewusst und zäh", sagte sein akademische Weggefährte Zbigniew Brzezinski laut "Stuttgarter Zeitung" einmal über ihn. Huntington selbst bekannte: "Wenn ein Gelehrter nichts Neues zu sagen hat, soll er schweigen."

Einen "Nerv in Menschen aller Zivilisationen" treffen

Internationales Aufsehen und eine weltweit geführte, heftige Debatte löste der Harvard-Mann 1993 mit seiner Studie "The Clash of Civilizations?" ("Kampf der Kulturen") aus. Aufbauend auf diesem Artikel, der nach Huntingtons Einschätzung "einen Nerv in Menschen aller Zivilisationen traf", legte er 1996 ein 600 Seiten umfassendes, gleichnamiges Werk vor. Dieses avancierte zum provokativen Bestseller.

Huntington vertritt darin die These, dass nach der Konfrontation der Nationalstaaten im 19. und dem der Ideologien im 20. Jahrhundert im 21. die Zivilisationen aufeinanderprallen werden. Der nächste Weltkrieg, sofern es ihn gibt, werde demnach ein Krieg zwischen diesen Zivilisationen sein. Das wichtigste Merkmal der acht Kulturkreise der Welt, die keine klar umrissenen Grenzen haben, ist nach Huntington die Religion. Die gefährlichsten Bruchlinien seien dort, wo Macht- und Kulturunterschiede sich überlappen.

So hätten beispielsweise das chinesisch-asiatische Wirtschaftswachstum und der muslimische Bevölkerungsdruck laut Huntington in den kommenden Jahrzehnten zutiefst destabilisierende Auswirkungen auf die etablierte, westlich dominierte internationale Ordnung.

Zweifelhafte Bestätigung für seine Theorie bekam Huntington am 11. September 2001 von Al-Qaida-Oberhaupt Osama bin Laden. Der bezeichnete die Anschläge in New York und Washington als ersten Höhenpunkt des "Kampfes der Kulturen" - vermutlich ohne den Amerikaner je gelesen zu haben.

Friedensforscher sehen Huntingtons Zivilisations-Theorie kritisch. Ihrer Meinung nach könnte sie dazu missbraucht werden, Kriegen gegen die islamische Welt zu rechtfertigen. Kritiker werfen dem Harvard-Mann zudem vor, die Begriffe "Kultur" und "Zivilisation" synonym zu benutzen und bei seiner Einteilung der Welt in acht Kulturkreise nicht konsequent zu sein. Mal definiere er Kulturkreise über die vorherrschende Religion in der Region, mal über sprachliche und geografische Gegebenheiten.

Hispanisierung Amerikas

Viel Kritik erntete Huntington auch für sein letztes Buch "Who are we?" In dem 2004 erschienenen Werk warnt der Professor vor einer Hispanisierung der USA, die nur durch eine radikale "Assimilation" der Einwanderer verhindert werden könne. Kritiker werfen Huntington vor, Ressentiments zu rationalisieren.

Huntington wurde am 18. April 1927 als Sohn eines Publizisten und einer Schriftstellerin in New York geboren. Seit September 1957 war er mit Nancy Alice Arkelyan verheiratet. Er hatte zwei Kinder: Timothy Mayo und Nicholas Phillips. Er veröffentlichte als Autor, Co-Autor oder Herausgeber insgesamt 17 Bücher und 90 wissenschaftliche Artikel, unter anderem über US-Politik, Militärstrategie und Entwicklungspolitik.

Seine akademische Laufbahn begann Huntington 1950 mit einer Dozentur an der Harvard University in Cambridge. 1962 erhielt er dort einen Lehrstuhl für Internationale Beziehungen. 1963 wurde er Mitarbeiter am renommierten Centre for International Affairs der Universität und leitete dieses Institut von 1978 bis 1989. Huntington war zudem von 1989 bis 2000 in Harvard Direktor des John M. Olin Institute for Strategic Studies. 1995 übernahm er den "Albert J. Weatherhead III"-Lehrstuhl und 1996 den Vorsitz der Harvard Academy for International and Area Studies.

Neben seinen Lehr- und Forschungsverpflichtungen in Harvard arbeitete Huntington unter anderem am Institute for War and Peace Studies der Columbia University (1958-1959), war als Berater mehrerer US-Regierungen tätig und gehörte von 1977 bis 1978 dem Nationalen Sicherheitsrat als Koordinator an. 1985 wurde er an das Institute for Defense Analysis berufen.

ssu/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.