Baby-Baustelle Norwegen Europas Familienmusterland

Nirgendwo auf der Welt sind Mütter glücklicher, nirgendwo ist es einfacher, Familie und Job zu vereinbaren als in Norwegen. Das sagen alle Statistiken.  Aber auch im Musterland hakt es mitunter - der Effekt der staatlichen Fürsorge ist begrenzt.

Von


Berlin - Auch wer nur kurz eintaucht in das norwegische Leben, wer durch den Vigeland-Park oder das In-Viertel Grünerløkka in Oslo streift, in die Berge der Nordmarka fährt, der sieht: viele Familien. Eltern, Großeltern, Töchter und Söhne auf Hüttentouren am Wochenende. Junge Paare mit mehreren Kindern, die auf Skiern stehen, kaum dass sie laufen können. Es gibt Kitas, mitten in der Hauptstadt, durch deren riesige Fenster Licht flutet, modern, mit viel Platz. Wer sich umhört, der hört von Vätern in Chefetagen, die ihre Bürotür um 16 Uhr schließen, wichtige Meetings absagen, um noch mit den Kindern auf den Spielplatz gehen zu können.

Gleichberechtigt, reich, heil, liberal, mit viel unberührter Natur und viel Zeit - "Bullerbü-Syndrom" nennen Kommentatoren diese Sicht auf die Wohlfahrtsländer in Skandinavien. Aber es ist nicht nur ein Klischee. Zahlen stützen das Bild von der schönen Welt. Gerade hat die Uno festgestellt, dass die norwegischen Mütter weltweit am glücklichsten sind. Nirgendwo ist der Lebensstandard höher. Mit dem Resultat, dass die Norwegerin 1,95 Kinder durchschnittlich bekommt. In Oslo wurden im vergangenen Jahr doppelt so viele Babys geboren wie noch vor 30 Jahren.

Mitten in diesem Vorzeigefamilienland leben Ola, 35, und Louise Prestgard, 38, mit ihren Kindern, der vierjährigen Hedda und dem ein Jahr alten Iver. Die Familie wohnt am Stadtrand außerhalb von Oslo, er ist Manager bei einer Einzelhandelskette, sie hat eine 80-Prozent-Stelle als Lehrerin. Vater Ola hat bei beiden Kindern jeweils drei Monate Elternzeit genommen, seine Frau den Rest.

"Wenn es hier stressig wird, Kinder zu haben, ist es unser eigener Fehler"

Hedda und Iver gehen in den Kindergarten, seitdem sie ein Jahr alt sind, wie fast 80 Prozent der Unter-Dreijährigen. Als ihre Tochter geboren wurde, lebten die Prestgards noch in Oslo und mussten erleben, dass es auch in Norwegen mit der Kinderbetreuung manchmal klemmt. "Einen Kita-Platz zu bekommen, war dort schwierig, auch wenn es einen Rechtsanspruch darauf gibt", sagt Vater Ola. Auch deshalb tauschte die Familie die Wohnung in der Hauptstadt gegen das Häuschen im Ort Bekkestua. Mit der neuen Kita sind die Eltern glücklich, die Betreuer seien liebevoll, die Quote liege bei fünf Kindern auf einen Erzieher, das sei okay. 4700 Kronen - umgerechnet 600 Euro zahlen sie dafür im Monat für beide Kinder. "Besonders toll, finde ich, dass es dort viele männliche Erzieher gibt", sagt Ola Prestgard.

Von etwa acht bis 16 Uhr sind Hedda und Iver im Kindergarten - bis vor kurzem war es Vater Ola, der morgens die Kinder brachte und nachmittags wieder abholte. Er wollte teilhaben an ihrem Leben und erledigte deshalb spätabends von zu Hause den Rest der Schreibtischarbeit. Dann wechselte er den Job. Jetzt muss er bis abends im Büro sein.

Mutter Louise verbringt die Nachmittage alleine mit den Kindern, am Freitagvormittag hat sie frei. "An diesem Tag frühstücke ich gemütlich mit den Kindern, habe sie bei mir. Erst nachmittags gehen sie für ein paar Stunden in den Kindergarten, dann kann ich die Hausarbeit erledigen, die liegen geblieben ist", sagt Louise. Vater Ola sagt: "Wenn es in Norwegen stressig wird, Kinder zu haben, ist es unser eigener Fehler. Das passiert eigentlich nur, wenn uns die Karriere zu wichtig ist, wenn wir Angst haben, nicht aufzusteigen. Wenn wir mehr Geld machen wollen. Die Regierung unterstützt uns sonst, wo es nur geht."

80 Prozent der Mütter arbeiten, die Hälfte Teilzeit

Tatsächlich bietet die norwegische Politik Familien und Eltern seit Jahrzehnten solide Unterstützung. Heute bekommen Eltern elf Monate nach der Geburt vollen Lohnausgleich oder 13 Monate 80 Prozent ihres Gehalts. Seit 1993 müssen Väter mehrere Wochen der Elternzeit nehmen - sonst verfällt der Anspruch auf das Geld. Mit Erfolg: 2008 verließen 90 Prozent der Väter ihr Büro für mehrere Wochen, um Windeln zu wechseln und Brei zu füttern.

Die Vereinbarung von Familie und Job funktioniert im Vergleich zu anderen Ländern gut. 80 Prozent aller Frauen mit kleinen Kindern sind berufstätig. Zwischen Männern und Frauen gibt es dennoch große Unterschiede - trotz Frauenquote in den Top-Unternehmen, trotz guter Kinderbetreuung. Zwei Vollzeitjobs und Kinder, das ist auch norwegischen Eltern oft zu stressig. Und meistens sind es die Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren. Beinahe 50 Prozent aller norwegischen Mütter arbeiten Teilzeit, bei den Männern sind es nur 14 Prozent. Besorgt fragen Forscher und Kommentatoren, ob Frauen denn freiwillig Teilzeit arbeiten?

Louise Prestgard jedenfalls fühlt sich wohl mit ihrer Entscheidung. "Und es ist toll, weil es hier akzeptiert ist, dass man nicht voll arbeitet", sagt sie. Wenn Frauen mit kleinen Kindern arbeiten wollen, müssen sie sich dafür nicht rechtfertigen.

Dennoch: Kinder und Beruf bedeuten auch in Norwegen mitunter Hektik, Improvisation, Anstrengung - davor kann auch die staatliche Fürsorge nicht schützen. "Es ist viel zu tun von dem Moment an, wenn man morgens aufwacht bis man abends wieder ins Bett kann, aber so war es schon immer und so ist es überall. Und ich finde, das ist es wert", sagt Louise.

Einfaches Rezept gegen den Alltagsfrust

Das Wochenendmagazin der Zeitung "Dagbladet" veröffentlichte vor kurzem einen Text mit der Überschrift "Lykkeknuserne" - Glückszerstörer. Der Artikel weist nach, dass es entgegen aller Beteuerungen nicht stimmt, dass Kinder glücklicher machen. Das Institut für Volksgesundheit hat dazu 67.000 Mütter von der Schwangerschaft an fünf Jahre lang immer wieder befragt: Wie geht es Ihnen? Wie zufrieden sind sie in ihrer Partnerschaft? Das Ergebnis: Bis das Baby sechs Monate als ist, steigt das Glücksniveau der Mütter. Dann setzt der Alltag ein, die Zufriedenheit mit dem Leben sinkt rasant auf den vorläufigen Tiefpunkt, wenn das Kind drei Jahre alt ist. Ein Frustloch auch im Familienland Norwegen.

Die Prestgards haben ein einfaches Rezept gegen den Alltagsfrust. Von Ostern bis in den Herbst fahren sie am Wochenende auf ihre Hütte in den Bergen. "Wir machen da nicht viel, außer uns auszuruhen, zu baden, in der Natur zu sein", sagt Louise. "Hier ist es sehr einfach Mutter zu sein."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 14.08.2011
1. Ja die Familie
gehört hier auch besser unterstützt. Mit mehr Elterngeld kann man politisch keine fehlenden Kita-Plätze wegkaufen. Und Firmen sich auch mal einer (OMG) sozialen Verantwortung besinnen und mehr Vorortbetreuung anbieten. Aber das behindert den CashFlow und verärgert Aktionäre, die ja mehrheitlich eh schon alle im Ausland sitzen. Das darf man von der Politik nicht versuchen mit Geld zu erkaufen. Das landet eh in den falschen Börsen. Aber ein Anreiz wäre es Firmen zu bevorzugen die eine familienfreundliche Politik betreiben. Und diese Firmen regelmässig zu erwähnen. Image ist alles. Wo ich allerdings geschluckt habe bei dem Artikel. 600Euro für zwei Kinderplätze in der Kita sind ganz schön happig. Und eine Hütte in den Bergen kostet auch. Sicher sind die Löhne in Skandinavien wohl etwas höher. Aber interessant wäre schon mal zu wissen was so ein "Vorzeige-Ehepaar" denn verdient.
Irene56 14.08.2011
2. Frustration
Wenn selbst unter den im Artikel geschilderten Verhältnissen in Norwegen bei einigen Müttern nach einer gewissen Zeit Frustration sich einstellt, dann sollten diese Frauen ganz auf Kinder verzichten. Wieviel mehr soll ein Staat noch tun? Soll der Staat die gesamte Verantwortung übernehmen? Kinder sind eben nicht nur eine Anschaffung, die gerade im Trend liegt, die einem nach gewisser Zeit langweilt und dadurch Frust erzeugt. Gratulation an Norwegen, dort hat man eine Basis für glückliche Familien und glückliche Kinder geschaffen. Es liegt an den Menschen selbst, diese Chance zu nutzen.
Irene56 14.08.2011
3. 600 €
Zitat von felisconcolorgehört hier auch besser unterstützt. Mit mehr Elterngeld kann man politisch keine fehlenden Kita-Plätze wegkaufen. Und Firmen sich auch mal einer (OMG) sozialen Verantwortung besinnen und mehr Vorortbetreuung anbieten. Aber das behindert den CashFlow und verärgert Aktionäre, die ja mehrheitlich eh schon alle im Ausland sitzen. Das darf man von der Politik nicht versuchen mit Geld zu erkaufen. Das landet eh in den falschen Börsen. Aber ein Anreiz wäre es Firmen zu bevorzugen die eine familienfreundliche Politik betreiben. Und diese Firmen regelmässig zu erwähnen. Image ist alles. Wo ich allerdings geschluckt habe bei dem Artikel. 600Euro für zwei Kinderplätze in der Kita sind ganz schön happig. Und eine Hütte in den Bergen kostet auch. Sicher sind die Löhne in Skandinavien wohl etwas höher. Aber interessant wäre schon mal zu wissen was so ein "Vorzeige-Ehepaar" denn verdient.
Das muss nicht unbedingt eine Vorzeigefamilie sein. Im Artikel steht ja, beide sind berufstätig. Er als Manager einer Handelskette, sie als Lehrerin. Sein Gehalt dürfte nicht unter 2800 - 3000 € Netto liegen, eher höher, ihres kann ich nicht gut schätzen, vllt. 2000 € oder etwas darunter, kommt jetzt noch Kindergeld hinzu. Da erscheinen mir 600 € für ZWEI Kinder in der Kita nicht happig, sondern realistisch. Die Kinder werden betreut und verpflegt, beide Eltern können einem Job nachgehen. P.S. Der Begriff Manager im Artikel lässt meiner Meinung nach nicht auf Manager in einem großen Konzern schließen, ist wohl eher eine in Norwegen übliche Berufsbezeichnung.
Nanthan 14.08.2011
4. Typisch.
Ich glaube, der SPIEGEL wäre nicht der SPIEGEL, wenn er es nicht fertigbringen würde, an allem und jedem noch ein Fitzelchen auszusetzen.
thopilot 14.08.2011
5. Verdienst
Zitat von felisconcolorgehört hier auch besser unterstützt. Mit mehr Elterngeld kann man politisch keine fehlenden Kita-Plätze wegkaufen. Und Firmen sich auch mal einer (OMG) sozialen Verantwortung besinnen und mehr Vorortbetreuung anbieten. Aber das behindert den CashFlow und verärgert Aktionäre, die ja mehrheitlich eh schon alle im Ausland sitzen. Das darf man von der Politik nicht versuchen mit Geld zu erkaufen. Das landet eh in den falschen Börsen. Aber ein Anreiz wäre es Firmen zu bevorzugen die eine familienfreundliche Politik betreiben. Und diese Firmen regelmässig zu erwähnen. Image ist alles. Wo ich allerdings geschluckt habe bei dem Artikel. 600Euro für zwei Kinderplätze in der Kita sind ganz schön happig. Und eine Hütte in den Bergen kostet auch. Sicher sind die Löhne in Skandinavien wohl etwas höher. Aber interessant wäre schon mal zu wissen was so ein "Vorzeige-Ehepaar" denn verdient.
Zusammen haben beide rund 700 000. NOK Quelle: skatteliste vg
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.