Bälle zur Amtseinführung Sie flüstern, sie tanzen - dann sind sie weg

Mit einem Blitzauftritt feierten die Obamas mit Zehntausenden Gästen die Amtseinführung des US-Präsidenten. Geladen waren die Repräsentanten des neuen Amerikas: Schwarze, Latinos, Asiaten, Junge, Schwule, Lesben - und alle anderen. Doch eines blieb, wie es war: Tanzen kann Obama immer noch nicht.

Von , Washington


Tanzen kann Barack Obama immer noch nicht. Zwar tritt er der First Lady diesmal nicht noch einmal auf die Schleppe. Trotzdem schlurft er sichtlich unbeholfen über die Tanzfläche, die eigentlich eine runde Bühne ist, und grinst dabei verlegen wie ein Schuljunge. Michelle Obama hält ihn, es ist ziemlich klar, wer hier führt.

Stundenlang hat das Publikum auf den alten und neuen US-Präsidenten gewartet. Mehr als 35.000 Menschen schieben sich durch die Katakomben des Kongresszentrums, die mit Vorhängen und Lichteffekten notdürftig zum "Ballsaal" umfunktioniert wurden. Schwitzend in ihrer knisternden Abendgarderobe lassen sie ein Unterhaltungsprogramm über sich ergehen, das trotz hochkarätiger Namen (Alicia Keys, Stevie Wonder, Jamie Foxx) nur Vorgeplänkel ist.

Die Hauptattraktion ist natürlich das First Couple, das schließlich zu den Fanfarenklängen der Präsidentenhymne erscheint. Sie trägt ein feuerrotes Kleid von Jason Wu, der sie auch für die Bälle 2009 schon eingekleidet hat. Er den obligatorischen Smoking, Designer unbekannt.

Obama reicht ihr die Hand. Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson beginnt zu singen: "Let's Stay Together", den R&B-Oldie, den Obama selbst vor einem Jahr so denkwürdig angestimmt hat, bei einem Wahlkampfkonzert in Harlem. Sie tanzen. Sie flüstern. Sie winken. Und dann sind sie wieder weg. Es dauert kaum fünf Minuten.

Eine magere Ausbeute für das lange Herumstehen, mit Cocktails auf eigene Kasse und Party-Snacks aus der Dose. Doch das Publikum verschlingt alles, die Knabbereien und förmlich auch das Drive-thru-Präsidentenpaar. Abertausende Handykameras recken die Gäste hoch. "Obama! Obama!", skandieren die Leute. Diesen Moment haben sie herbeigesehnt: ihr Mann, ihr Held - und endlich auch einer von ihnen.

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Obamas Amtseinführung: Ballnacht in Washington
Das soll ja überhaupt der Sinn dieses gigantischen Balls im Herzen Washingtons sein: Zum Abschluss der Vereidigungsfeiern für Obama tanzen die Massen mit der Elite in den Morgen, Seite an Seite. Es ist das Abbild eines egalitären Amerikas, wie es Obama in seiner Antrittsrede vor dem Kapitol beschworen hat: "Wir alle sind gleich geschaffen worden!", rief er da in Anspielung auf die Unabhängigkeitserklärung.

Das Motiv "Equality", Gleichheit, durchzog den ganzen Tag. Vom Eröffnungsgebet des Pastors Luis León: "Wir werden sehen, dass wir in Deinem Ebenbild geschaffen sind; ob braun, schwarz oder weiß; männlich oder weiblich; Amerika-Immigrant der ersten Generation oder Tochter der amerikanischen Revolution; homosexuell oder heterosexuell; reich oder arm." Bis zum Gedicht des offiziellen Inaugurationspoeten Richard Blanco, eines schwulen Latinos: "My face, your face, millions of faces… together."

Im feinen Zwirn sehen alle wie Prominente aus

Dieses uramerikanische Ideal will auch der Inaugurationsball vermitteln. Schwarze, Latinos, Asiaten, Junge, Schwule, Lesben: Das Publikum ist ein wilder Querschnitt des "neuen Amerikas", das Obama zur Wiederwahl verhalf - ältere Weiße stellen die Minderheit. Wer hier VIP ist, ist kaum mehr erkennbar - im feinen Zwirn sehen alle wie Prominente aus.

Gab es beim vergangenen Mal noch sechs Bälle im selben Haus, so sind es diesmal nur zwei, die im Prinzip aber einer sind - unten die Zivilisten, oben die Militärs, ohne Beschränkungen. Begründet haben die Veranstalter das mit der klammen Konjunktur und dem Ansinnen, keine künstlichen Barrieren mehr zu schaffen. In Wahrheit aber ist es reine Praktikabilität: Es sind genau so viele Menschen hier wie damals - nur haben sie die Zwischenwände entfernt.

Die Egalität stellt sich auch anders ein. Alle müssen für Getränke blechen (Champagner: neun Dollar; Cocktails: zehn Dollar) sowie für die Garderobe (fünf Dollar). Manchen ist das zu viel, sie schubsen ihre Mäntel verstohlen unter das verhängte Gerüst, auf dem CNN-Talker Piers Morgan thront. Er begleitet das Event von da oben wie ein Football-Kommentator.

Ein Rapper namens Nice (Twitter-Profil: "Deejays for Obama") spielt den Conferencier. Er legt eine wüste Mischung auf - Earth Wind & Fire, Rihanna, eine Prise Madonna - und brüllt: "Wir wollen nicht, dass ihr hier herumsteht!"

Sie stehen aber trotzdem erst mal nur herum. Alicia Keys, rückenfrei am Piano, reißt sie kurz aus der Trance, als sie ihren Hit "Girl On Fire" umtextet in "Obama's on fire". Country-Star Brad Paisley (weißer Cowboyhut, schwarzes Seidensakko) kalauert: "Unsere Demokratie ist die größte der Welt - und deshalb feiern wir jetzt, indem wir uns in einem Kongresszentrum besaufen." Unrecht hat er damit wohl nicht.

Den meisten macht es dennoch Spaß. Der Lobbyist Ezra Friedlander und seine Frau Gabriella feiern hier gleichzeitig ihren Jahrestag: "Wir haben uns vor genau sechs Jahren in Brooklyn kennengelernt", sagt Friedlander. "Und zwar am Martin Luther King Day, wie heute." Der Feiertag zu Ehren der US-Bürgerrechtsikone hat also nicht nur für Obama Bedeutung, der seinen Amtseid auf gleich zwei alten Bibeln schwor, der von Abraham Lincoln und der von MLK.

"Mein erster Ball!", keucht auch die Studentin Alexandra Infanzon. "Ich kann's kaum fassen!" Seit dem Morgengrauen ist sie auf den Beinen, um die Vereidigung, die Parade und schließlich den Massentanz mitzumachen, nunmehr im schimmernden Abendkleid. Für die gebürtige Puertoricanerin ist dies der Inbegriff des politischen Glamours: "Besser geht es nicht."

Vier Waffengattungen für den Achtertanz

Am meisten vergnügen sich aber ganz offensichtlich vier blutjunge Soldaten - zwei Frauen und zwei Männer, die sich von einem Fotografen zum nächsten herumreichen lassen. Bria Nelson, Keesha Dentino, Patrick Figueroa und Timothy Easterling heißen sie: Sie dürfen, als Vertreter der vier Waffengattungen, am Ende des Abends mit den Obamas sowie Vizepräsident Joe Biden und Frau Jill tanzen.

"Wenn ich auf den Stützpunkt zurückkomme", sagt die Air-Force-Medizintechnikerin Nelson begeistert, "habe ich wohl einiges zu erzählen."

Besagter Achtertanz findet oben statt, beim Commander-in-Chief-Ball, wo die Obamas separat auftreten. Den Soldaten, in feinster Gardeuniform, geht es sowieso besser, jedenfalls in dieser Nacht: Sie bekommen statt kalter Snacks ein warmes Buffet (Penne, Tortellini) und obendrein den Latino-Star Marc Anthony. Auch verschwindet der Präsident hier nicht wortlos wieder, sondern spricht zu ihnen.

"Heute erleben wir die Erhabenheit unserer Demokratie", ruft er. "Ein Ritual, das nur in einer Regierungsform möglich ist, die von, durch und für das Volk existiert." Dann lässt er sich per Videoschaltung mit einer Einheit im afghanischen Kandahar verbinden: "Wenn ihr heimkehrt", verspricht er ihnen, "werdet ihr von einer dankbaren Nation begrüßt werden."

Doch zunächst muss er noch mal aufs Parkett. Der Präsident "tanzt" mit Sergeant Nelson, First Lady Michelle tanzt mit Sergeant Easterling, Joe Biden mit Staff Sergeant Dentino und Jill Biden mit Navy Petty Officer 3rd Class Figueroa. Es ist wohl das erste Mal, dass man vier Soldaten auf einmal erröten sieht.

Um 22.12 Uhr, so vermerkt das Protokoll, sind die Obamas wieder im Weißen Haus. Denn an diesem Dienstag geht es weiter, mit einem Gottesdienst und einem weiteren Ball, diesmal für ihren Stab. Auf diesem soll Lady Gaga auftreten. Es sind eben doch nicht alle gleich.

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