Bagdad Koreanische Geisel im Irak enthauptet

Islamistische Terroristen im Irak haben ihre Drohung wahr gemacht: Sie haben den entführten Südkoreaner Kim Sun-il enthauptet. Zuvor hatte es über Stunden so ausgesehen, als könne diese Entführung noch glimpflich ausgehen.


Entführervideo: Kim Sun-il wurde vermutlich vergangenen Donnerstag entführt
AP

Entführervideo: Kim Sun-il wurde vermutlich vergangenen Donnerstag entführt

Kairo - Der TV-Sender berichtete, er habe eine Videokassette erhalten. Der Film zeige eine Erklärung, dass Kim enthauptet worden sei. Auf dem Video, dass der Sender ausstrahlte, waren fünf maskierte, bewaffnete Männer zu sehen. Auf dem Boden vor ihnen kniete mit verbundenen Augen die Geisel. Die Enthauptung des Mannes, der auf einem früheren Video verzweifelt um sein Leben gefleht hatte, zeigte al-Dschasira nicht.

Kurz darauf bestätigte das südkoreanische Außenministerium die Angaben. Die Leiche des Dolmetschers sei etwa 35 Kilometer außerhalb Bagdads gefunden worden, sagte ein Sprecher in Seoul.

Bei den Tätern handle es sich um Mitglieder der Gruppe Dschamaat al-Tawhid und Dschihad. Als Führer dieser Organisation gilt der Jordanier Abu Mussab el Sarkawi, der mit dem Terrornetzwerk al-Qaida in Verbindung stehen soll.

In einer ersten Reaktion auf die Bluttat sagte US-Präsident Bush in Washington: "Sie wollen, dass wir angesichts ihrer brutalen Morde in Deckung gehen. Aber die USA lassen sich nicht erpressen, denn wir glauben fest an die Freiheit." Bundesaußenminister Joschka Fischer verurteilte Tötung und sprach von einem "grausamen und verabscheuungswürdigen Mord".

Die Geiselnehmer hatten seit gestern mit der Ermordung des 33-jährigen Kim innerhalb der nächsten 24 Stunden gedroht. Sie hatten die Regierung Südkoreas aufgefordert, ihren Beschluss zur Stationierung von 3000 Soldaten im Irak rückgängig zu machen - und hatten ein in der vergangenen Nacht abgelaufenes Ultimatum gestellt. Die südkoreanische Regierung hatte einen Rückzug ausgeschlossen.

Kim wurde wahrscheinlich am 17. Juni entführt. Die Geiselnehmer veröffentlichten ein Video, auf dem zu sehen war, wie er um sein Leben flehte.

Kurz vor der Nachricht über die Ermordung des Mannes hatte es noch nach einer möglicherweise friedlichen Lösung ausgesehen. Eine Internetseite hatte berichtet, die Entführer bestünden nicht mehr auf dem Abzug der südkoreanischen Truppen aus dem Irak. Von ihrer Forderung seien sie inzwischen abgerückt, hatte Choi Seung Gap, der Chef einer im Irak tätigen südkoreanischen Sicherheitsfirma laut der Internetseite der Zeitung "JoongAng Ilbo" gesagt. Andere Forderungen der Geiselnehmer seien akzeptabel, fügte er hinzu. Choi habe keine Einzelheiten genannt, um die Verhandlungen nicht zu gefährden, hieß es weiter. Er bezog seine Informationen eigenen Angaben zufolge von einem Mitarbeiter im Irak, der in Verhandlungen mit den Kidnappern über die Freilassung der Geisel stand. Zur Regierung in Seoul habe aber kein Kontakt bestanden.

Die Gruppe hatte im Mai die US-Geisel Nick Berg vor laufender Kamera enthauptet. Auch in Saudi-Arabien war vor wenigen Tagen ein Amerikaner von der al-Qaida Osama bin Ladens geköpft worden.

Südkorea hat bislang 670 Lazarett-Mitarbeiter und Pioniere im Irak, die den Wiederaufbau des Landes unterstützen sollen. Es plant, nach der Machtübergabe am 30. Juni 3000 Soldaten für eine multinationale Truppe unter Führung der USA zu stellen. Sie sollen im kurdischen Norden des Irak bei Erbil stationiert werden. Damit hätte Südkorea nach den USA und Großbritannien das drittgrößte Truppenkontingent im Irak.

Das Handelsministerium in Seoul kündigte an, alle südkoreanischen Geschäftsleute sollten aus Irak evakuiert werden. Es seien noch 22 Geschäftsleute dort, sagte Minister Lee Hee Beom. Bei den meisten handele es sich um Angestellte südkoreanischer Unternehmen, die mit den US-Streitkräften zusammenarbeiteten. Sie sollten spätestens Anfang Juli das Land verlassen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.