Baggeranschlag in Jerusalem Wenn der Gastarbeiter zum Terroristen wird

Der zweite Baggeranschlag in nur drei Wochen stellt Israels Terrorabwehr vor ein immenses Problem: Zu Zehntausenden kommen Jerusalemer Palästinenser täglich in den jüdischen Teil der Stadt, um dort zu arbeiten. Wenn einer von ihnen zum Attentäter werden will, ist er kaum aufzuhalten.

Aus Jerusalem berichtet


Es ist kurz vor 14 Uhr an diesem Dienstag, als eine Kakophonie von Sirenen den Himmel über Jerusalem zerreißt. Trotz brütender Hitze rennen die Menschen weg von der King-David-Straße im Herzen des jüdischen Jerusalems. "Pigua, Pigua!", schallen ihre Rufe über das Sirenengeheul hinweg - es ist das hebräische Wort für Terroranschlag.

Auch in Richtung Tatort sind Dutzende Menschen im Laufschritt unterwegs, orthodoxe Juden. Sie streifen sich neonfarbene Signalwesten über die Gebetshemden. Dass sie da sind, heißt, dass es ernst ist: Die religiösen Männer kümmern sich darum, dass jedes Leichenteil jüdischer Toter aufgesammelt wird - um bestattet zu werden, wie die Religion es vorschreibt.

Am Tatort ein Bild der Zerstörung: Ein zerquetschter weißer Kleinwagen und eine graue Limousine liegen quer über der Fahrbahn auf dem Dach. Der Bagger, mit dem der Täter seine Opfer - Passanten und Autofahrer - angegriffen hat, ist an einem Baum zum Stehen gekommen. Der Fahrer, erschossen von einem bewaffneten Zivilisten und einer schnell herbeigeeilten Polizeistreife, liegt zurückgelehnt hinterm Steuer. Er trägt abgeschnittene Jeans. Die Windschutzscheibe vor ihm ist von Einschusslöchern zersplittert.

Die gute Nachricht: keine Todesopfer

Schnell stellt sich heraus, dass die orthodoxen Ersthelfer glücklicherweise umsonst zum Tatort in Jerusalems Hoteldistrikt gekommen sind. Keine Todesopfer außer dem Attentäter, aber 24 Verwundete - das ist die Bilanz des zweiten Anschlags mit einer Baumaschine in drei Wochen. Dass der Vorfall sich nur 200 Meter vom King-David-Hotel entfernt ereignete, scheint Zufall gewesen zu sein. Ein Bezug zum Besuch des US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama, der am Abend im King David einchecken sollte, ist nicht ersichtlich.

Bis heute ist unklar, ob es sich bei einem ersten ähnlichen Vorfall Anfang Juli um einen Amoklauf oder einen geplanten Terrorakt handelte. Damals hatte ein junger Palästinenser ebenfalls mit einem Bagger mehrere Autos und einen voll besetzten Bus umgefahren und versucht, Passanten zu überrollen. Drei Menschen starben, mindestens 45 wurden verletzt. Es dauerte 20 Minuten, bis ein Soldat außer Dienst auf das Fahrzeug springen konnte und den Mann am Steuer aus unmittelbarer Nähe erschoss. Diesmal reagierten Zivilisten und Polizei schneller: Keine zwei Minuten, nachdem er das erste Auto attackiert hatte, war Rassan Abu-Tir tot.

Dass der Name und die Identität des heutigen Attentäters noch am Tatort bekanntgegeben wurden, entspricht den israelischen Gepflogenheiten. Der Mann hatte seine Papiere dabei, als er seinen Bagger von der Baustelle weglenkte, auf der er angestellt war. Abu-Tir soll aus dem Ost-Jerusalemer Stadtteil Umm Tuba stammen. Israelische Medien gaben unter Berufung auf palästinensische Quellen an, der 22-Jährige sei mit dem in Israel in Haft gehaltenen Hamas-Parlamentarier Mohammed Abu-Tir verwandt.

Die Bilder der ersten Baumaschinenattacke gingen um die Welt, auch Abu-Tir wird sie gesehen haben: wie das gelbe Gefährt Autos rammt, über Verkehrsinseln holpert, wie Schüsse fallen und Blut von innen gegen die Windschutzscheibe spritzt. Abu-Tir muss gewusst haben, dass er nicht auf Gnade hoffen kann. Seine Tat muss wohl als Selbstmordanschlag gewertet werden.

Bis zum Abend hatte sich keine Terrorgruppe zu dem Anschlag bekannt. Doch auch wenn es sich bei Abu-Tir um einen Einzeltäter gehandelt haben sollte: Klar ist, dass sich an diesem Dienstag ein Muster wiederholt hat, das Israels Sicherheitsdienste mit höchster Sorge beobachten.

Die "Feinde von innen" machen Sorgen

Abu-Tir gehört zu einer Gattung Attentäter, den die Terrorabwehrspezialisten als "Feind von innen" beschreiben. Er war Inhaber einer "Blauen Karte", hatte also eine Aufenthaltsgenehmigung für die 1967 von Israel eroberten östlichen Stadtgebiete. Mit diesem Papier dürfen Palästinenser im ganzen Staatsgebiet Israels arbeiten. Allein in Jerusalem pendeln morgens Zehntausende von ihnen in den Westen, wo sie meist in Handwerksberufen oder als Tagelöhner ihr Geld verdienen - als Kollegen und Angestellte von jüdischen Israelis.

Es ist die große Sorge der israelischen Terrorabwehr, dass sich Palästinenser, die sich frei und unauffällig in Israel bewegen können, dem Terror zuwenden. Seit dem Bau der Sperranlage - teils Zaun, teils Mauer - zwischen Israel und dem Westjordanland ist die Zahl der Terroranschläge in Israel drastisch zurückgegangen. Wenn sich nun Palästinenser, die unter und mit jüdischen Israelis leben, dem Terror zuwenden, hebelt das den Sinn der Mauer aus.

Terror, der von innen kommt, kann man nicht draußen halten - so sieht es auch der Jerusalemer Bürgermeister Uri Lupolianski: "Man schmeißt die Terroristen durch die Tür hinaus, und sie klettern mit allen möglichen Mitteln und Ideen bewaffnet durchs Fenster wieder hinein", sagte er am Dienstag. "Jedes Arbeitsgerät kann so ein Werkzeug des Terrors werden." Man müsse nun darüber nachdenken, wie man jene Palästinenser auswähle, die in den jüdischen Teilen Jerusalems arbeiten sollen.

Attentate mit Baumaschinen mögen weniger Menschen töten oder verwunden als Selbstmordattentäter. Doch die Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen macht sehr effektiv jedes Gefühl von Sicherheit zunichte, sät Furcht und Misstrauen. Schon jetzt ist in den jüdischen Vierteln Jerusalems immens viel Polizei präsent - und verstärkt durch ihre bloße Anwesenheit das Gefühl der Bedrohung. Nach dem Zwischenfall vom Dienstag will die Jerusalemer Polizei ihre Aufstellung noch einmal überdenken, sagte ihr Kommandeur Dudi Cohen.

Beruhigende Worte der Vernunft sprach Avi Dichter, Minister für Innere Sicherheit und ehemaliger Chef des Inlandsgeheimdienstes Shabak. Leider sei dies das dritte Mal in einem Jahr gewesen, dass ein einzelner Terrorist Israelis angreife, bloß weil sie Juden seien. Grund zum Hass zwischen den verschiedenen Jerusalemer Volksgruppen gebe es jedoch keinen: "Ich habe keinen Zweifel, dass weder dieser Mann noch seine Vorgänger die Menschen von Ost-Jerusalem darstellen."



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