Syrien-Rückkehrer Dschihadisten-Alarm auf dem Balkan

Europol warnt vor Terrorcamps auf dem Balkan, der illegale Waffenhandel floriert. Südosteuropa wird zum Rückzugsraum für Islamisten aus Syrien.

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Festnahme in Pristina (Archiv): 700 Dschihadisten in Südosteuropa
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Festnahme in Pristina (Archiv): 700 Dschihadisten in Südosteuropa


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Schwerbewaffnete Polizisten und Soldaten stoppten den Wagen am späten Abend direkt vor dem Eingang zum Kloster. Mit gezogenen Pistolen zwangen sie die vier Männer auszusteigen und führten sie ab. Im Kofferraum des Wagens fanden sie ein Maschinengewehr, eine Pistole und reichlich Munition. Am nächsten Tag bedankten sich der Abt und die Mönche des Klosters für den Einsatz der Polizei - sie hatten anscheinend einen islamistischen Anschlag verhindert.

Das serbisch-orthodoxe Kloster Visoki Decani im Osten des Kosovo am vorletzten Wochenende: Bei den Verhafteten hatten kosovarische Polizisten und Soldaten der internationalen Schutztruppe Kfor offenbar auch islamistisches Propagandamaterial gefunden. Die vier Männer sollen schon zuvor Anschläge auf Serben im Kosovo verübt haben. Einer von ihnen soll laut kosovarischen Presseberichten in Syrien für den "Islamischen Staat" (IS) gekämpft haben.

Es war nicht das erste Mal, dass im Kosovo mutmaßliche dschihadistische Terroristen verhaftet wurden. Im Juli vergangenen Jahres verhinderte die kosovarische Polizei nach eigenen Angaben durch die Festnahme von fünf Verdächtigen einen Giftanschlag auf die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt Pristina. Im November wurden drei Dschihadisten an der kosovarisch-mazedonischen Grenze verhaftet. In einer Ansprache vor dem Parlament warnte die scheidende kosovarische Präsidentin Atifete Jahjaga kürzlich vor der Gefahr des dschihadistischen Terrors für ihr Land.

Ausbildungslager in der EU und auf dem Balkan

Kosovo ist in Südosteuropa am meisten betroffen. Von den rund 700 Dschihadisten aus der Region, die in Syrien gekämpft haben oder noch kämpfen, sollen mehr als die Hälfte Kosovaren sein. Die Behörden gehen davon aus, dass rund 120 zurückgekehrt sind. Aber auch andere Länder sind mit dem Problem des Dschihadismus konfrontiert: In Bosnien verübten islamistische Einzeltäter letztes Jahr zwei Anschläge, quer durch Südosteuropa wurden in den letzten Monaten Dutzende Dschihadisten festgenommen.

"Die Gefahr existiert, und sie wird größer, vor allem, je mehr Kämpfer aus Syrien zurückkehren", sagt der Politikanalyst Naim Rashiti von der kosovarischen "Balkans Policy Research Group". Auch Dunja Larise, Expertin für politischen Islam am "Vienna Institute for Advanced Studies", sagt, westliche Medien berichteten zu wenig über das Problem. "Südosteuropa gilt für die Medien leider immer noch als Randgebiet Europas, und daher ist die fehlende Berichterstattung wenig verwunderlich."

Dabei warnen auch europäische Sicherheitsbehörden seit Langem vor dem wachsenden Problem des Dschihadismus in Südosteuropa, vor allem in Westbalkanländern. Die europäische Polizeibehörde Europol schrieb Mitte Januar in einer Analyse über neue IS-Terrorstrategien, dass Dschihadisten in Ausbildungslagern "in der EU und auf dem Balkan" für Terrorakte in Europa geschult würden. Auf dem Programm stünden Schießtrainging, Tötungstechniken und Resistenz gegen Verhörmethoden. Konkrete Angaben macht Europol nicht, allerdings soll es ein solches Trainingscamp nach Recherchen der österreichischen Zeitung "Presse" in der Nähe der slowenischen Hauptstadt Ljubljana gegeben haben.

Tatsächlich sind Westbalkanländer für Dschihadisten nicht nur als Ort von Anschlägen, sondern gerade auch als Rückzugs- und Rekrutierungsgebiet interessant. Die Autorität von Staat und Ordnungskräften ist vor allem in Albanien, Bosnien und Kosovo schwach, Polizei und Sicherheitsbehörden sind häufig personell und technisch schlecht ausgestattet und kooperieren erst in jüngster Zeit zunehmend untereinander oder europaweit.

Zugleich trägt die chronische wirtschaftliche und soziale Misere in Westbalkanländern zum Erstarken von Islamismus und Dschihadismus bei. "Die Region hat einige der höchsten Werte für Jugendarbeitslosigkeit weltweit", sagt der Politologe Vedran Dzihic von der Universität Wien. "Das macht die Jugend auch zu einer besonderen Zielgruppe für Radikalisierung und gewalttätigen Extremismus."

Hinzu kommt, dass in Westbalkanländern seit dem Zerfall Jugoslawiens und den Plünderungen albanischer Militärdepots 1997 ein riesiges Arsenal nicht registrierter Waffen zirkuliert - von Pistolen und Handgranaten bis zu kleinen Minen, Maschinengewehren und Panzerfäusten. Mehr als eine Millionen illegaler Kleinwaffen soll es nach Expertenschätzungen in der Region geben, und sie sind leicht und billig zu erwerben. Eine Kalaschnikow etwa soll auf Schwarzmärkten der Region 300 bis 500 Euro kosten.

"Der Westbalkan ignoriert den illegalen Waffenhandel"

Einige der Waffen, die die Attentäter der Pariser Anschläge vom 13. November verwendeten, stammen vom Balkan. Der Fall des kurz nach den Anschlägen in Bayern verhafteten Montenegriners Vlatko V., in dessen Auto Maschinengewehre, Pistolen, Handgranaten und Sprengstoff versteckt waren, zeigte, wie leicht nicht registrierte Waffen vom Balkan nach Westeuropa geschmuggelt werden können.

Zwar gibt es unter dem Namen SEESAC seit 2002 eine eigene internationale Behörde mit Sitz in Belgrad, unter deren Koordination das Problem der illegalen Waffen in Südosteuropa beseitigt werden soll. Wirklich nennenswerte Erfolge gab es dabei jedoch bisher nicht. Auch das SEESAC-Programm zur Waffenhandelskontrolle funktioniert nur eingeschränkt: So gelangten in den vergangenen Jahren große Mengen an Maschinengewehren, Pistolen, Granaten und Sprengstoff aus bulgarischer und serbischer Produktion über verschiedene Exportwege in den Irak oder nach Syrien und in die Hände des IS.

"Die meisten Staaten auf dem Westbalkan ignorieren das Problem des illegalen Waffenhandels", sagt Naim Rashiti. "Heute gehen Menschen und Waffen aus der Region vor allem nach Syrien. Darüber sollten wir ebenso besorgt sein wie über die Zeit, an dem sich dieser Weg umkehren wird."


Zusammengefasst: In Südosteuropa, besonders in den Westbalkanländern, nimmt das Problem des Dschihadismus zu. Hunderte Menschen sollen in Syrien kämpfen, immer wieder werden Dschihadisten verhaftet, Europol warnt vor Terrorcamps auf dem Balkan. Auch der illegale Waffenhandel und das Problem Hunderttausender nicht registrierter Kleinwaffen spielen Terroristen in die Hände.

Zum Autor
  • privat
    Keno Verseck, Jahrgang 1967, seit 1991 freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Mittel- und Südosteuropa.

    www.keno-verseck.de



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
frank2013 10.02.2016
1. bestätigt Befürchtungen, Sofortmaßnahmen erforderlich
Die Balkanroute muss abgeriegelt werden, auch unter erheblichem Aufwand. Die Schengengrenze muss sowieso nach Norden verlegt werden. Ohne das Asylrecht aushebeln zu wollen, darf kein Zustrom über die Balkanroute mit all den bisherigen inhumanen Folgen mehr geduldet werden. Durch internationale Verkündung sollte jede Annahme von Asylanträgen dort verweigert werden, auch im Transit, mit allen Konsequenzen. Statt dessen sollte Deutschland, die EU in Zusammenarbeit mit der UN, UNHCR, der Türkei und Libanon durch schnelle Verlegung von zu Asyl-/Flüchtlingsbüros umfunktionierte, gecharterte Passagierschiffe, bewacht mit UN-Mandat und Sicherheitsschleusen und Einrichtung von "Warte"-Zeltlagern die Menschen vor Ort mit Passagierschiffen und per Luftbrücke abholen. Vorteil: kein Ertrinken, keine Schlepperindustrie, vom UNHCR ausgesuchte Familien, weniger junge Männer und Wirtschaftsflüchtlinge, Kontingentierung in der EU und auch anderer Staaten, keine Destabilisierung des Balkans, Entlastung der Anrainerstaaten, mehr Sicherheit durch bessere Registrierung. Wenn die Flüchtenden erstmal begriffen haben, dass sie keine Chance haben, anerkannt zu werden (reines Verfahrensrecht), wenn sie über die Balkanroute kommen, werden sie nicht mehr aufbrechen, das Leben ihrer Kinder und ihr Vermögen riskieren. Deutschland sollte dies den EU-Partnern ankündigen und notfalls unter vorläufiger Anpassung der nationalen Rechtslage in Abstimmung mit der EU-Kommission zusammen mit UN, Türkei und Libanon vorangehen. Die EU-Kommission sollte diesmal gleich eingebunden werden.
foren+spon 10.02.2016
2.
"Auch Dunja Larise, Expertin für politischen Islam am "Vienna Institute for Advanced Studies", sagt, westliche Medien berichteten zu wenig über das Problem." Finde ich auch, berichtet mal mehr darüber. Die kürzlich ausgestrahlte Weltspiegel-Reportage war zwar schon verstörend, aber auch nur sehr allgemein gehalten: http://www.tagesschau.de/ausland/weltspiegel-3273.html Es gab vor einem gefühlt halben Jahr schon sehr viel konkreteres und beunruhigenderes zu lesen, aber leider nicht hier im Mainstream.
Leser1000 10.02.2016
3. Keine Überraschung
Bereits im Bosnienkrieg kämpften wenn ich es richtig sehe Islamisten unterstützt von Golfstaaten. Einige sind geblieben Gute Voraussetzungen um in schwachen Staaten wie BiH Fuß zu fassen. M.E ist die EU jetzt gefragt und nicht erst wenn es zu spät ist.
j.f. Sebastian 10.02.2016
4. Überraschung...
...das Problem besteht bereits seit Ende des Balkankrieges, an dem tausende Islamistensöldner aus dem Ausland, gegen Serbien, teilnahmen. Jene Mudjahedin haben sich, gut finanziert mit Golfstaaten-Dollar, inzwischen seit einigen Jahren festgesetzt und bauen mit Petrodollarunterstützung islamistische Strukturen systematisch aus. Der Balkan gilt den Islamisten seit jeher als Brücke nach Europa, weshalb man ordentlich in die Etablierung salafistisch/wahabitischer Netzwerke und Infrastruktur investiert. Viele bosnische Muslime beklagen schon seit Jahren eine Verschärfung religöser Reglements und Schariaheinführungen. Die Serben haben in den letzten Jahren immer wieder islamistische Trainingslager ausgehoben. Richtig interessiert hat sich hier jahrelang niemand dafür, Warnrufer wurden als "islamophob" denunziert. Viele Ignoranten begreifen auch heute noch nicht, was da über die Jahre herangewachsen ist und was das für die Sicherheit Europas in den nächsten 10 Jahren bedeuten wird. Der Balkan ist nur eine von vielen Facetten europäischer Sicherheitsherausforderungen der nächsten Dekade.
Zehetmaieropfer 10.02.2016
5. Grenzschliessung zwingend erforderlich
Um noch größeres Unheil zu vermeiden ist die von der österreichischen Regierung betriebene Schließung der mazedonischen Grenze uneingeschränkt zu unterstützen. Ausserdem sollte die Bundesregierung den Empfehlungen des Verfassungsrechtlers Di Fabio Folge leisten. Dies würde die in vielen Teilen außer Kontrolle geratene Situation in Mittel- und Südosteuropa mittelfristig wieder beherrschbar machen.
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