Bandenkrieg: Mordserie macht Karatschi zur gefährlichsten Stadt der Welt

Von , Islamabad

Karatschi versinkt in einem Strudel von Gewalt: In Pakistans größter Stadt bekriegen sich die Nachfahren indischer Einwanderer und zugezogene Paschtunen. Seit Jahresbeginn wurden mehr als 800 Menschen ermordet - darunter auch Kinder und Jugendliche. Und täglich liegen neue Leichen in den Straßen.

Mörderische Stadt: Bandenkrieg in Karatschi Fotos
AFP

Vor dem Krankenhaus im Stadtteil Lyari stehen weinende Menschen. Ein Vater mit tiefen, dunklen Augen, eine Mutter, die sich die Hände vors Gesicht hält, eine Schwester, die Journalisten Rede und Antwort steht, eine stille, vom Schock gezeichnete Witwe, viele Kinder.

Es sind die Angehörigen von Shahnawaz, einem 27-jährigen Arbeiter in einem Elektrizitätswerk, der Mitte der Woche verschwunden war. Die Familie hatte verzweifelt nach ihm gesucht, hatte bei der Polizei und bei Paramilitärs um Hilfe gebeten. Am Donnerstag erhielten sie dann die Nachricht: Man habe wieder fünf Leichen gefunden. Die Familie möge ins Krankenhaus kommen und sich die Leichen anschauen.

Derzeit sterben täglich zig Menschen, werden erstochen, totgeschlagen oder, wie in den meisten Fällen, von Todesschützen auf Motorrädern niedergestreckt. Seit Jahresbeginn sind mehr als 850 Menschen umgebracht worden - mehr als 30 alleine am Donnerstag. In keiner anderen Stadt sterben so viele Menschen durch Morde, Karatschi ist auf dem Wege, den Ruf als gefährlichste Stadt der Welt zu bekommen.

In Karatschi wird Politik mit der Kalaschnikow gemacht

Die erneute Gewalt war ausgebrochen, nachdem die fünf von Schüssen übersäten Körper in Säcken auf der Straße gelegen hatten - darunter auch Shahnawaz. Ansar Burney, Aktivist und früherer pakistanischer Menschenrechtsminister, sagte am Freitag, in den Leichenhallen gebe es keinen Platz mehr für weitere Leichen. Kurze Zeit später, am Freitagmittag, wurden erneut 19 Tote gefunden.

In Karatschi wird Politik mit der Kalaschnikow gemacht. Es ist ein seit Jahren schwelender Streit, vor allem zwischen der Urdu-sprachigen Bevölkerung, deren Familien nach der Unabhängigkeit des Subkontinents von der britischen Kolonialherrschaft 1947 von Indien in das neue Pakistan zogen, und den aus Afghanistan und Nordwestpakistan zugezogenen Paschtunen.

Viele Jahre hatten die Einwanderer aus Indien das Sagen in Karatschi, einer Hafenmetropole mit schätzungsweise 18 Millionen Einwohnern. Bis in die sechziger Jahre hinein war Karatschi noch Hauptstadt, und es zog auch immer mehr Paschtunen dorthin, in der Hoffnung auf Arbeit und eine bessere Zukunft. Inzwischen gilt Karatschi als die Stadt mit der weltweit größten paschtunischen Bevölkerung.

Die Partei Muttahida Qaumi Movement (MQM), was Vereinigte Volksbewegung bedeutet, vertritt die Menschen mit Wurzeln in Indien, die Awami National Party (ANP) die Paschtunen. Die MQM sieht ihre Machtbasis bedroht. Beide Parteien beschäftigen Schlägertrupps, die in den Gebieten des politischen Gegners unterwegs sind und dessen Unterstützer einschüchtern. Immer häufiger heuern sie aber auch Killer an. Auf einen Mord folgt Rache, die wiederum gerächt wird - ein tödlicher Kreislauf. Es geht um die Herrschaft über Straßenzüge, Wohnblocks, Stadtteile: Karatschi ist aufgeteilt in MQM- und ANP-Viertel, und werden von Banden geschützt. "Es gibt Gegenden, die wir meiden, wann immer es möglich ist", sagte ein Polizist SPIEGEL ONLINE, der namentlich nicht genannt werden wollte.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. falsche Daten
diwoccs 20.08.2011
Zitat von sysopKaratschi versinkt in einem Strudel von Gewalt: In Pakistans größter Stadt bekriegen sich die Nachfahren indischer Einwanderer und zugezogene Paschtunen. Seit Jahresbeginn wurden mehr als 800 Menschen ermordet - darunter auch Kinder und Jugendliche. Und täglich liegen neue Leichen in den Straßen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781326,00.html
Karachi ist NICHT die gefährlichste Stadt der Welt. Wir haben in CARACAS-Venezuela seit Jahresbeginn bereits Tausende Morde. Jeder Monat mindestens 250 Tote nur in Caracas.
2. aber
andynm 20.08.2011
Zitat von diwoccsKarachi ist NICHT die gefährlichste Stadt der Welt. Wir haben in CARACAS-Venezuela seit Jahresbeginn bereits Tausende Morde. Jeder Monat mindestens 250 Tote nur in Caracas.
Andere Städte wie Rio, Lagos oder Johannesburg dürften auch nicht grad besser sein.
3. Pakistan ist gefaehrlich fuer die Welt...
notty 20.08.2011
Zitat von sysopKaratschi versinkt in einem Strudel von Gewalt: In Pakistans größter Stadt bekriegen sich die Nachfahren indischer Einwanderer und zugezogene Paschtunen. Seit Jahresbeginn wurden mehr als 800 Menschen ermordet - darunter auch Kinder und Jugendliche. Und täglich liegen neue Leichen in den Straßen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781326,00.html
Meiner Meinung nach ist Pakistan das gefaehrlichste Land der Welt. Nicht nur, dass sie sich gegenseitig massakrieren, sondern dort ist der Unterschlupf und die Ausbildungsinfrastruktur des internationalen Terrorismus und islamischen Fundamentalismus. Pakistan ist weitaus gefaehrlicher als Iran.... Pakistan hat die Bombe schon und irgendwann kommt vielleicht der/die Falsche(n) an den Druecker. Hoffentlich geht das dann auch mit dem Nachbarn gut....
4. ...
Rodri 20.08.2011
Der Artikel passt auch auf Acapulco, Ciudad Juárez, Monterrey, Chihuaha, Culiacán, Caracas, Rio de Janeiro, Sao Paulo, Johannesburg etc. etc.
5. ...
rainman_2 20.08.2011
Stichwort: Paschtunen Hab ich doch schon mehrfach in diversen, extrem-religiösen Auswüchsen gehört.
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Fakten über Pakistan
Staatsgründung
Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.


Fotostrecke
Drohnen im Einsatz: Krieg per Mausklick
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Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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