Terror in Bangladesch Regierung spricht von "extrem abscheulicher Tat"

Bangladeschs Regierung hat das Attentat in Dhaka aufs schärfste verurteilt. Islamisten töteten 20 Zivilisten - darunter viele Ausländer.

Armee in Dhaka
REUTERS

Armee in Dhaka


Die Attentäter schlagen gegen 21.20 Uhr zu, als sich die Menschen nach Sonnenuntergang in den Restaurants von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka versammeln, um gemeinsam zu essen. Es ist Ramadan.

Sieben bewaffnete Extremisten mit Pistolen, automatischen Gewehren und Granaten stürmen das Café Holey Artisan Bakery. Das Restaurant liegt im Diplomatenviertel Gulshan, es ist bei Ausländern beliebt. Sie rufen "Allahu Akbar" ("Gott ist groß"), zünden Sprengsätze und nehmen bis zu 40 Geiseln.

13 Stunden später sind 20 Menschen tot, es sind überwiegend ausländische Zivilisten. Neun Italiener - fünf Frauen und vier Männer - seien ums Leben gekommen, teilt das Außenministerium in Rom mit. Ein Vertreter der Regierung in Tokio bestätigt den Tod von sieben Japanern, die Regierung in Neu Delhi zudem den Tod einer 19-jährigen Studentin aus Indien. Das Weiße Haus gibt bekannt, dass auch ein US-Staatsbürger ums Leben kam. Die meisten Geiseln sind mit Macheten und Messern hingerichtet worden. Sie seien "kaltblütig getötet worden", sagt Brigadegeneral Naim Asraf Chowdhury.

Italiens Fußballnationalmannschaft spielt im EM-Viertelfinale gegen Deutschland am Samstagabend in Bordeaux mit Trauerflor. Damit solle der italienischen Opfer gedacht werden, teilt Italiens Fußballverband mit.

Angehörige von Überlebenden erzählen, die Angreifer in Dhaka hätten die Geiseln in In- und Ausländer getrennt. Die Ausländer seien in den ersten Stock des Cafés gebracht worden, die Bangladescher seien um einen Tisch herum festgehalten worden.

Die bangladeschische Zeitung "Daily Star" berichtet von grausamen Szenen. Das Blatt beruft sich auf Überlebende und deren Angehörige. So berichtet der Vater eines Mannes, der mit seiner Familie in dem Restaurant den Geburtstag seiner Tochter feierte, dass die Attentäter die Geiseln aufgefordert hätten, den Koran zu rezitieren. "Diejenigen, die einen oder zwei Verse aufsagen konnten, wurden verschont. Die anderen wurden gefoltert." Bangladeschische Geiseln hätten sogar zu Essen bekommen.

Am Samstagmorgen beendeten mehr als hundert Sicherheitskräfte die Geiselnahme. Zwei Polizisten sind da bereits in den stundenlangen Gefechten mit den Attentätern gestorben, mehrere verletzt worden. Das Sondereinsatzkommando kann nur 13 der Geiseln retten. Sechs der sieben Attentäter wurden von den Sicherheitskräften erschossen. Insgesamt sterben 28 Menschen.

Sumon Reza, einer der Leiter des Cafés, kann sich - wie eine der italienischen Geiseln - selbst in Sicherheit bringen. Er sei über das Dach geflohen, berichtet er später. "Das ganze Gebäude zitterte, als die Attentäter den Sprengstoff zündeten." Immer wieder sei geschossen worden, berichten andere Augenzeugen. Die Extremisten hätten sich erbitterte Gefechte mit den Sicherheitskräften geliefert.

Seit drei Jahren leidet Bangladesch unter islamistischem Terror. Opfer der Anschläge sind Islamkritiker, Intellektuelle und Angehörige religiöser Minderheiten. Die Attacken laufen meist nach ähnlichem Muster ab: Eine Gruppe vermummter Männer schlägt und sticht mit Messern und Macheten auf ihre Opfer ein und flieht unerkannt, meist auf Motorrädern. Erst am Freitagmorgen töteten mutmaßlich islamistische Attentäter einen Mitarbeiter eines Hindu-Tempels im Jhenaidah-Distrikt.

Der Anschlag in Dhaka zeigt eine neue Qualität. Er scheint gut koordiniert - und vor allem symbolisch wohl gewählt zu sein. Die Extremisten schlugen am letzten Wochenende vor Eid al-Fitr, dem Fest des Fastenbrechens, zu.

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Bangladesch: Geiselnahme im Diplomatenviertel von Dhaka

Der US-Terrorbeobachtungsstelle Site zufolge hat der IS die Verantwortung für die Geiselnahme übernommen. Die Extremisten stellten Fotos ins Internet, Leichen getöteter Ausländer wurden gezeigt. Ob die Bilder tatsächlich aus dem Lokal in Dhaka stammen, ist unklar. Sechs der Terroristen sind tot, einer wurde lebend festgenommen.

Die bangladeschische Regierung bestreitet seit Jahren, dass der "Islamischer Staat" (IS) und al-Qaida in dem 160-Millionen-Einwohner-Land aktiv sind. Die Regierung macht stattdessen örtliche Extremistengruppen und die Opposition für Attentate verantwortlich. Erst im Juni wurden 12.000 Menschen bei einer Verhaftungswelle gegen Islamisten festgenommen. NGOs fordern, dass Bangladesch stärker gegen die Extremisten vorgeht und monieren die Wahllosigkeit solcher Razzien, zumal auch Oppositionelle verhaftet wurden. Kritiker werfen der Regierung vor, auch durch die Verfolgung der größten islamistischen Partei Jamaat-e-Islami zur Eskalation beigetragen zu haben.

Premierministerin Sheikh Hasina wendet sich nach der Geiselnahme in einer TV-Rede an ihr Land. Sie spricht von einer "extrem abscheulichen Tat". "Was für Muslime sind diese Leute? Sie haben keine Religion." Ihre Regierung sei "entschlossen, den Terrorismus und die Militanz in Bangladesch auszurotten".

Den Namen der Terrororganisation IS nennt sie auch dieses Mal nicht.

heb/dpa/AFP

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