Proteste in Bangladesch Die Regierung schickt ihre Schlägertrupps

Erst ging es nur um Verkehrssicherheit - inzwischen demonstrieren in Bangladesch Zehntausende auf den Straßen gegen die Regierung. Diese reagiert mit Gewalt, die Polizei schaut zu.

Verletzter Fotoreporter
AFP

Verletzter Fotoreporter

Von


Als vor zehn Tagen zwei Teenager von einem Bus überfahren wurden, gingen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, ein paar hundert Studentinnen und Studenten auf die Straße und forderten von der Regierung mehr Einsatz für Straßenverkehrssicherheit. Ein berechtigtes Anliegen, Bangladesch zählt mit rund 7500 Verkehrstoten im Jahr bei nur 21.000 Kilometern Straßennetz zu den Ländern mit dem gefährlichsten Straßenverkehr der Welt.

Doch anstatt auf die jungen Menschen zu hören, versuchte die Regierung - wie so oft bei Demonstrationen -, die Menge zu vertreiben. Diesmal jedoch ließen sich die Demonstranten das nicht gefallen, sie protestierten weiter. Immer mehr schlossen sich an, Schüler, Arbeiter, junge und alte Menschen. Tausende waren es plötzlich, dann Zehntausende. Inzwischen sind in ganz Bangladesch Menschen auf den Straßen und protestieren längst nicht mehr nur für mehr bessere Straßen und die Einhaltung von Verkehrsregeln, sondern gegen die autoritäre Regierung.

Demonstrierende Studenten in Dhaka
AFP

Demonstrierende Studenten in Dhaka

Diese scheint zu reagieren: Augenzeugen berichten von Männern in ziviler Kleidung, die mit Schlagstöcken auf die Protestierenden einprügeln. Es handele sich dabei um Schlägertrupps der Regierung. Videos belegen, dass Männer mit Gewalt versuchen, Demonstranten zu vertreiben. Die Polizei steht auf den Aufnahmen daneben und schaut zu. Gezielt schlagen die Angreifer auch auf Journalisten ein und zerstören ihre Kameras. Ärzte berichten von massivem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen. Bislang wurden Berichten zufolge mehr als hundert Menschen verletzt.

Die Regierung ließ landesweit Schulen schließen - eine Maßnahme zum Schutz der Bevölkerung, hieß es. "Sie hat auch das mobile Internet lahmgelegt", sagte der Student Mannan dem SPIEGEL am Telefon.

"Die Regierung glaubt, dass wir uns dann nicht mehr zu den Kundgebungen verabreden können. Wahrscheinlich hofft sie auch, dass möglichst viele Menschen ohne Internet nichts von den Protesten erfahren." Dabei sei es doch nur darum gegangen, friedlich zu demonstrieren. "Wir stellten die Regierung anfangs nicht infrage. Wir wollten, dass sie ihre Arbeit macht. Wir signalisierten: Kümmert euch um uns! Aber es war klar, dass sie mit Gewalt antworten würde."

Doch es gibt auch gegensätzliche Berichte: So behaupten Busfahrer in lokalen Medien, Studenten hätten sie angegriffen und Steine geworfen. Berichte, wonach während der Proteste Frauen vergewaltigt worden seien, ließen sich nicht bestätigen. "Das scheint die Regierung zu streuen, um unser Image zu ruinieren", sagt Mannan.

Aktivist festgenommen

Am Sonntagabend wurde der international bekannte Fotograf und Sozialaktivist Shahidul Alam in seinem Haus von unbekannten Männern überwältigt und an einen unbekannten Ort gebracht. Seine Studenten filmten, wie er in einem Auto, das mit Werbung für eine Versicherung beklebt war, abtransportiert wurde.

Alam hatte zuvor im Interview mit dem Sender Al Jazeera die Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina Wajed kritisiert. Die Regierung habe gar kein Mandat zu regieren, sagte er. Die Unzufriedenheit der Menschen dauere schon seit Jahren an. Banken würden geplündert, Journalisten unter Druck gesetzt, es gebe außergerichtliche Tötungen, Menschen würden spurlos verschwinden, Schutzgelderpressungen und Korruption hätten zugenommen. Der Tod zweier Menschen durch einen Busunfall sei bei aller Traurigkeit der Auslöser dafür, dass die Bevölkerung ihrem Ärger Luft mache.

Die Polizei von Dhaka räumte am Montag ein, Alam festgenommen zu haben. Er habe "unterschiedlichen Medien falsche Informationen" gegeben und "provokative Kommentare" gemacht. Im Verhör habe er gesagt, dies seien seine persönlichen Ansichten, teilte die Polizei mit. Freunde Alams berichteten, er sei in Gewahrsam geschlagen worden, seine Kleidung sei blutig.

Zittert die Regierung vor der kommenden Wahl?

Sheikh Hasina war bereits von 1996 bis 2001 Regierungschefin und kam 2009 erneut an die Macht. Ihre von Gewalt begleitete Wiederwahl 2014 war eine Farce - ihre Herausforderin hatte zum Wahlboykott aufgerufen und war daraufhin unter Hausarrest gestellt worden. Nur Sheikh Hasina und ihre Partei, die Awami League, standen auf dem Stimmzettel.

Einer ihrer Minister warf den Demonstranten bei den aktuellen Protesten "Doppelmoral" vor. Sie würden den Konflikt weiter anfachen, anstatt zu einer Lösung beizutragen. Ein anderer Minister wiederum erklärte, man werde sich die Forderungen der Menschen anhören und politisch umsetzen. Dass die Regierung insgesamt jetzt noch harscher auf Kritik reagiert als sonst, mag daran liegen, dass sie um ihre Macht fürchtet: Im Dezember wird in Bangladesch gewählt. Gehe es diesmal gerecht zu, hatte Alam noch im Interview vorhergesagt, würde die Awami League verlieren.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peletua 06.08.2018
1. Schirmherrschaft
Handelt es sich hier nicht um dieselbe Regierung, unter deren 'Schirmherrschaft‘ in Bangladesh u.a. internationale Modemarken zu Hungerlöhnen fertigen lassen dürfen? Bei einer derartigen Interessenlage dürfte es eine faire, demokratische Regierung schwer haben, überhaupt erst an den Start zu kommen...
frankfurtbeat 06.08.2018
2. korrupte ...
korrupte Politiker agieren auf Kosten der Ärmsten und machen sich die Taschen voll. Westliche Konzerne profitieren von den billigen Arbeitskräften welche für Hungerlöhne im Schichtbetrieb Klamotten nähen ...
lawlove 09.08.2018
3. Menschen haben das Recht auf Widerstand
Jedes Gesetz, das keine Strafen enthält, ist kein Gesetz, und eine Verfassung, die Widerstand nicht unterstützt, ist keine Verfassung. Wenn die Handlungen der Regierung verfassungswidrig sind, werden die Menschen alle Rechtsmittel ausschöpfen und das Recht auf Widerstand ausüben. Wenn Diktatur Realität wird, ist Widerstand die Pflicht der Menschen. Einzelheiten finden Sie in der Charta für dauerhaften Frieden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.