BAP-Sänger Niedecken "Wir sollten nicht kneifen, wir müssen im Kongo eingreifen"

Massen sind auf der Flucht, es wird geplündert, vergewaltigt und gemordet. BAP-Sänger und Afrika-Helfer Wolfgang Niedecken vergleicht die Situation im Ostkongo mit der Lage vor dem Völkermord in Ruanda. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beklagt er: "Afrika ist ein Wegzapp-Thema".


SPIEGEL ONLINE: Herr Niedecken, im Osten des Kongo sind heftige Kämpfe zwischen Armee, Tutsi- und Hutu-Milizen ausgebrochen. Hunderttausende Zivilisten sind auf der Flucht. Die Blauhelme der Monuc schauen hilflos zu. Etliche Experten warnen, es bahne sich ein Völkermord an ...

Mädchen im Ostkongo: "Als ob sie durch mich hindurchschauten - und ich habe selbst zwei Töchter"
REUTERS

Mädchen im Ostkongo: "Als ob sie durch mich hindurchschauten - und ich habe selbst zwei Töchter"

Niedecken: ... und die reichen Industrieländer spielen Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren?

Niedecken: Wir sollten nicht wieder kneifen und uns dringend an einer Eingreiftruppe beteiligen. Ich erinnere an den Völkermord im Nachbarland Ruanda und empfehle die Lektüre von Romeo Dallaires Buch "Handschlag mit dem Teufel" - dann weiß man, was man zu tun hat. Sonntagsreden, die mit "nie wieder" enden, müssen im Ernstfall auch Taten folgen.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Horst Köhler will europäische Truppen schicken. Die Mehrzahl der deutschen Politiker lehnt seinen Vorschlag ab: SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose spricht wohl für viele: Mit zusätzlichen 3000 Mann lasse sich die Region nicht befrieden.

Niedecken: In einer globalisierten Welt, in der man sich aus wirtschaftlichen Interessen zusammentut, um die Piraterie am Horn von Afrika in den Griff zu kriegen, muss auch der Ostkongo alle etwas angehen. Experten wie Dallaire sagen, 1994 hätte eine kleine, entschlossene Uno-Truppe mit einem robusten Mandat den Völkermord in Ruanda verhindern können. Daher hat das einen faden Beigeschmack, wenn man jetzt sagt: Wir tun lieber gar nichts, als etwas, was womöglich zu wenig ist. Die Situation im Ostkongo ist prekär, sie ähnelt sehr der in Ruanda damals. Das wichtigste ist, dass endlich möglichst große und gut ausgerüstete Uno-Truppen mit robustem Mandat eingreifen.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre das Zweitwichtigste?

Niedecken: Die Zertifizierung abgebauter Rohstoffe in afrikanischen Ländern, vor allem Coltan und Öl. Doch offenbar sind die reichen Länder des Nordens gar nicht an der Herkunft und den Wegen dieser Rohstoffe interessiert, und welche Clique daran verdient. Vor der Küste Nigerias liegen dicke Tanker, in die das Öl schwarz fließt - und Halliburton hat Spaß daran. In Uganda gibt's kein Gold, doch das Land ist einer der größten Goldexporteure der Welt. Wächst das da auf den Bäumen? Wer handelt mit dem Coltan, das im Ostkongo abgebaut wird und in unseren Handys landet?

SPIEGEL ONLINE: Die Industrienationen haben so lange kein Interesse an Afrika, solange sie selbst die Profiteure sind?

Niedecken: Der Verdacht ist mehr als drückend.

SPIEGEL ONLINE: Und etliche afrikanische Herrscher spielen eifrig mit und verdienen sich eine goldene Nase, während die Bevölkerung mit Krieg überzogen wird.

Niedecken: Ich war mit Köhler gerade in Nigeria. Ich habe mir erlaubt, von den bei der Konferenz anwesenden Staatschefs und anderen weisen afrikanischen Männern, wissen zu wollen, was sie von uns erwarten: Sollen wir uns einmischen oder raushalten? Der Präsident von Nigeria, Umaru Yar'Adua, sagte ganz klar, dass auf Dauer eine stand-by-force der Afrikanischen Union bereitgestellt werden müsse, damit Afrika seine Konflikte selbst löst.

SPIEGEL ONLINE: Die Afrikanische Union hat noch nie etwas gelöst in Afrika, weder in Darfur noch sonst wo. Die Einheiten sind schlecht ausgerüstet, weil sich die Despoten nicht gegenseitig ins Gehege kommen wollen.

Niedecken: Um keine Zeit auf Kosten der schutzlosen ostkongolesischen Bevölkerung zu verlieren, muss die Weltgemeinschaft jetzt mit einem robusten Mandat in den Kongo. Langfristig jedoch muss die Afrikanische Union solche Konflikte selbst lösen. Und ich bin mir sicher, dass ihnen das eines Tages auch gelingen wird.

SPIEGEL ONLINE: Und die Staatschefs und weisen afrikanischen Männer, von denen Sie reden, vermitteln eher den Eindruck, als ob ihnen die Probleme ihres Kontinents völlig egal sind.

Niedecken: Bei manchen habe ich auch den Eindruck, aber wenn wir mit unseren Maßstäben von Demokratie an Afrika herangehen, kommen wir keinen Meter weiter. Und so lange funktioniert das mit der Demokratie bei uns ja auch noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Kommt man denn mit afrikanischen Maßstäben weiter?

Niedecken: Deshalb muss man den guten Leuten dort, den entschlossenen Demokraten, die es überall gibt, den Rücken stärken. Das versucht der Bundespräsident. Freilich kann man Länder, in denen Korruption zur gesellschaftlichen Normalität gehört, nicht so leicht ausmisten. Das fällt mitunter nicht einmal uns zu Hause leicht, wenn ich an den Fall Siemens denke. Das Korruptionsproblem ist leider von gut meinenden Afrika-Sympathisanten zu lange unter den Teppich gekehrt worden. Aber es gibt ja auch durchaus hoffnungsvolle Entwicklungen: Viele junge Afrikaner partizipieren via Internet an der globalisierten Welt, die sitzen nicht alle in irgendeiner Basthütte.

SPIEGEL ONLINE: Von der Globalisierung profitieren doch vor allem die entwickelten Staaten, Afrika hat technologisch und wirtschaftlich den Anschluss längst verloren.

Niedecken: Da müssen sich die reichen Industrieländer an die Nase fassen: Zu viele Kräfte sind daran interessiert, dass Afrika immer weiter abgehängt und lediglich ausgebeutet wird.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man dagegen tun? Auf G-8-Gipfeln wird regelmäßig ein Schuldenerlass gefordert.

Niedecken: Geld darf nicht das Hauptthema sein. Ich bin da mit den Kollegen Geldof und Bono nicht immer einer Meinung. Afrika ist viel komplizierter. Am wichtigsten ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist keineswegs so, dass Entwicklungsgelder immer nur in die Taschen korrupter Kleptokraten fließen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst oft in Afrika. Dort sind Millionen Kinder unterwegs, die kein Zuhause haben und keine Chance auf Bildung. Wie viel Elend halten Sie aus?

Niedecken: Das bitterste, was ich jemals sah, war 2004 in einem Auffanglager für ehemalige Kindersoldaten im Bürgerkriegsland von Norduganda. Das hat mich wirklich umgehauen. Ich stand vor 14-, 15-jährigen Mädchen, die vor zwei Tagen aus dem Busch gekommen waren, die zwei HIV-infizierte Kinder haben von Männern, die sie vergewaltigt hatten. Sie waren auch körperlich verletzt. Ihr Blick war, als ob sie durch mich hindurchschauten. Ich habe selbst zwei Töchter. Da hört's auf! Und wenn man sieht, dass manche Familien ihre Kinder nicht mehr zurücknehmen, weil sie geschändet sind, oder weil zwangsrekrutierte Jungen und Mädchen gezwungen wurden, jemanden aus dem Clan zu ermorden, da ist man der Verzweiflung nahe. Doch als Erwachsener muss man auch damit umgehen können, dass es Probleme gibt.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal bricht sich jedoch auch bei Ihnen der Frust Bahn. Während eines Afrikabesuchs sprachen sie laut der Wochenzeitung "Die Zeit" von "bescheuerten Medien", die zu wenig von Afrika berichteten, und von Politikern, die "gleichgültige Arschlöcher" seien.

Niedecken: Da war ich ziemlich erstaunt. Das ist eigentlich nicht meine Wortwahl, wenn ich ein Interview gebe. Die entsprechende Journalistin war wohl ein wenig zu "embedded".

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie es denn formulieren wollen?

Niedecken: Leider sind die Medien von Einschaltquoten bestimmt. Ob in der Zeitung oder im Fernsehen - Afrika ist ein Wegzapp-Thema. Und von einer generellen Politikerschelte halte ich auch nichts. Das ist Stammtischquatsch. Ich habe über sämtliche Parteigrenzen hinweg Politiker kennengelernt, die wirklich was für Afrika tun wollen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist wohl eine Minderheit - und die anderen sind "gleichgültige Arschlöcher"?

Niedecken: Das ist auch nicht mein Wort.

SPIEGEL ONLINE: Was dann?

Niedecken: Es sind Opportunisten. Mit dem Thema Afrika macht sich kein Politiker in seinem Wahlkreis beliebt. Warum etwas für Ruanda tun, wenn man zu Hause mit einer neuen Mehrzweckhalle punkten kann? Andererseits habe ich in Afrika sogar CDU-Bürgermeister aus rheinland-pfälzischen Kleinstädten gesehen, die dort mit überschwänglicher Freude empfangen wurden, weil sie sich nicht drücken - auch auf die Gefahr hin, sich bei ihrer eigenen Klientel zu Hause unbeliebt zu machen.

Das Gespräch führte Alexander Schwabe

insgesamt 395 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Klaus.G 19.11.2008
1. Selbstverständlich!
Die Bundeswehr sollte solidarisch mit den Streitkräften die dort eingesetzt werden zum Einsatz kommen. Das erwartet die Uno und unsere Verbündeten von uns und dem können wir uns nicht entziehen ohne unser Ansehen zu beschädigen. Es kann nicht sein, dass alle anderen die Drecksarbeit machen und wir schauen nur zu. Nein, wir haben eine hervorragende Armee die hervorragendes leistet auf die wir stolz sein können. Die Zeiten haben sich geändert und dass sollten wir uns auch langsam mal klar machen...
kleiner-moritz 19.11.2008
2.
Zitat von sysopDie Lage in den Bürgerkriegsgebieten des Kongo wird immer dramatischer. Inzwischen sind mehr als 250.000 Menschen auf der Flucht. Frankreich will im Uno-Sicherheitsrat eine Aufstockung der dortigen Uno-Truppen beantragen. Was meinen Sie, soll Deutschland sich daran beteiligen?
Ganz klar: Nein! Besser wäre ein totales Embargo und drastische Strafen für dessen Bruch, analog zu Kriegsverbrechen!
Marquis d`Anjou, 19.11.2008
3. Hoechste Zeit !
Es ist wahrlich hoechste Zeit: die internationale Gemeinschaft ist gefragt - und wo bleiben die moralischen Vorreiter aus den USA ? Sie haben verdammt viel gutzumachen seitdem sie mit dem Fall Lumumba sehr viel mitzuverantworten haben an den tragichen Zustaenden der Gegenwart. Offen gestanden: für alle die Kongo lieben, und für die, die Kongo vom Ausland aus unterstützen: dem Schicksal des kongolesischen Volkes wird in Bezug auf das Rentabilitäts-Kalkül nicht Rechnung getragen. Uran und Coltan, das versteht sich von selbst, produzieren den Mehrwert. Was bedeuten also einige Millionen Tote im Vergleich dazu? Zynismus ? In dieser Region Afrikas konzentriert sich seit mehreren Jahrzehnten eine beträchtliche Zahl von Filous der ganzen Welt, offizielle und offiziöse. Das Zerstückeln und die Runde der Geier sind also nichts Neues. Diese Herren mit gutem Benehmen haben als Prinzip nur ihr Kapital. Humanistisches Handeln ist gefragt, ohne jedoch dabei gierig auf kuenftige Gewinne zu schielen.
Panslawist 19.11.2008
4.
Zitat von Marquis d`AnjouEs ist wahrlich hoechste Zeit: die internationale Gemeinschaft ist gefragt - und wo bleiben die moralischen Vorreiter aus den USA ? Sie haben verdammt viel gutzumachen seitdem sie mit dem Fall Lumumba sehr viel mitzuverantworten haben an den tragichen Zustaenden der Gegenwart. Offen gestanden: für alle die Kongo lieben, und für die, die Kongo vom Ausland aus unterstützen: dem Schicksal des kongolesischen Volkes wird in Bezug auf das Rentabilitäts-Kalkül nicht Rechnung getragen. Uran und Coltan, das versteht sich von selbst, produzieren den Mehrwert. Was bedeuten also einige Millionen Tote im Vergleich dazu? Zynismus ? In dieser Region Afrikas konzentriert sich seit mehreren Jahrzehnten eine beträchtliche Zahl von Filous der ganzen Welt, offizielle und offiziöse. Das Zerstückeln und die Runde der Geier sind also nichts Neues. Diese Herren mit gutem Benehmen haben als Prinzip nur ihr Kapital. Humanistisches Handeln ist gefragt, ohne jedoch dabei gierig auf kuenftige Gewinne zu schielen.
Die Unterstützung der Zivilbevölkerung, hat doch den Machterhalt Kabilas zum Ziel. Da schliesst das Eine das Andere nicht aus. Würde die Bundesregierung einmal ehrlich zu ihrem Volk sein, und es darüber aufklären, dass man da unten gegen die USA kämpft, dann würde die Zustimmung für den Einsatz steigen.
C. Weingart 19.11.2008
5.
Zitat von Klaus.GDie Bundeswehr sollte solidarisch mit den Streitkräften die dort eingesetzt werden zum Einsatz kommen. Das erwartet die Uno und unsere Verbündeten von uns und dem können wir uns nicht entziehen ohne unser Ansehen zu beschädigen. Es kann nicht sein, dass alle anderen die Drecksarbeit machen und wir schauen nur zu. Nein, wir haben eine hervorragende Armee die hervorragendes leistet auf die wir stolz sein können. Die Zeiten haben sich geändert und dass sollten wir uns auch langsam mal klar machen...
Das deutsche "Ansehen" in der Welt ist m.E. ein etwas dürftiger Gesichtspunkt, um Kriegseinsätze der Bundeswehr zu rechtfertigen. Die Bundeswehr ist bereits mit ihren aktuellen Einsätzen überlastet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.