Washington - Mit seinem Auftritt beim White House Correspondents' Dinner dürfte Barack Obama zumindest für Teile seiner Zielgruppe ein bisschen Coolness hinzugewonnen haben. Der Präsident riss Witze auf eigene Kosten, machte sich über seinen Drogenkonsum zu College-Zeiten lustig und über die Misserfolge, die er über die Jahre hinnehmen musste. Aber er teilte auch aus: Republikaner und Medien mussten kräftig einstecken.
Im Publikum im Festsaal des Washington Hilton saßen neben den Washington-Korrespondenten der großen Medien auch diverse Prominente, darunter zwei, die in TV-Produktionen selbst böse Zerrbilder von Washingtoner Politikern geben - Kevin Spacey ("House of Cards") und Julia Louis-Dreyfus ("Veep"). Auch Steven Spielberg und Daniel Day-Lewis waren zugegen. In einem Einspieler behauptete Spielberg mit todernstem Gesicht, er arbeite an einem Obama-Film, "der Kerl ist ohnehin schon eine lahme Ente, also warum warten?". Gespielt werde Obama von Day-Lewis - der in dem Einspieler jedoch wiederum von Obama selbst verkörpert wurde ("Sie können sich nicht vorstellen, wie schwierig es ist, morgens diese Ohren anzulegen - ich weiß nicht, wie er damit klarkommt.")
Gastkomiker des traditionellen Korrespondenten-Dinners war Conan O'Brien. Dass Obama John Kerry und Chuck Hagel in sein Kabinett berufen habe, sei ein "schlauer Schachzug": "Sie haben die beiden einzigen Menschen engagiert, die noch müder aussehen als Sie selbst." Witziger als der Profi war der Präsident selbst.
"Ich warf 22-mal und traf zweimal"
Er müsse ja zugeben, dass er im Amt ein wenig gealtert sei, scherzte Obama mit einem Seitenhieb gegen die absurden Behauptungen, die seine Gegner im Wahlkampf über ihn verbreitet hatten: "Ich bin nicht mehr der stramme junge muslimische Sozialist, der ich einmal war." Zur Illustration erwähnte er diverse Peinlichkeiten der jüngeren Vergangenheit, etwa den Tag, als er die kalifornische Juristin Kamala Harris als "bestaussehende Generalstaatsanwältin des Landes" bezeichnet hatte ("Sie können sich vorstellen, dass das zu Hause Ärger gab.") und seine Basketballblamage bei einem Osterfest im Weißen Haus: "Ich warf 22-mal und traf zweimal."
Die Medienlandschaft wandele sich rasant, so der Präsident später, man könne kaum noch mithalten. Es folgte ein Witz, der auf die Tatsache rekurrierte, dass eine vergangenes Jahr erschienene Biografie Obama als College-Kiffer entlarvt hatte: "Ich erinnere mich noch, als BuzzFeed etwas war, was ich am College gegen zwei Uhr morgens machte." Das Gelächter bahnte sich nur langsam seinen Weg durch den Saal, begleitet von Gemurmel - es dauerte eine Weile, bis jedem klar wurde, was der Präsident da gerade gesagt hatte.
"Bücherverbrennung mit Michele Bachmann"
BuzzFeed ist ein vor allem unter jungen Social-Media-Nutzern derzeit enorm erfolgreiches Internetangebot - das Obamas Witz über nächtlichen Kifferhunger selbstverständlich umgehend aufgriff. Der Präsident und seine Berater verstehen es bekanntlich, mit den Mechanismen der neuen Medienwelt zu spielen. Gleichzeitig konnte sich Obama ein paar Seitenhiebe gegen die alte nicht verkneifen - was er an CNN liebe, sei, "dass sie eine Story wirklich aus jedem Blickwinkel betrachten, nur für den Fall, dass einer davon der richtige ist". Unter anderem hatte CNN Tage zu früh die Verhaftung eines Verdächtigen im Zusammenhang mit den Bostoner Attentaten gemeldet.
Die republikanische Partei, sagte Obama "ist immer noch damit beschäftigt, zu verstehen, was 2012 passiert ist", sei sich aber immerhin darin einig, dass man sich stärker um Minderheiten bemühen müsste. Der wachsende Anteil schwarzer und vor allem lateinamerikanischer Wähler aufgrund des demografischen Wandels stellt die Republikaner vor Probleme. Obama schlug vor, mit ihm selbst anzufangen: "Betrachtet mich doch einfach als Versuchslauf, okay?"
Auch die radikale Tea Party bekam eine Ohrfeige ab - er habe vor, mit einer Charmeoffensive prominente Republikaner zu umgarnen, sagte Obama, "zum Beispiel bei einem Kentucky-Bluegrass-Konzert mit Rand Paul oder einer Bücherverbrennung mit Michele Bachmann".
Gegen Ende der Rede schlug Obama versöhnlichere Töne an. Er erinnerte an die Tragödien von Boston und West im Staat Texas, wo am 17. April bei der Explosion einer Düngemittelfabrik 14 Menschen starben. Er lobte den "Boston Globe" für seine Berichterstattung nach den Bombenanschlägen beim Marathonlauf am 15. April: "Das ist großer Journalismus, und das ist es, was großartige Journalisten tun."
Die freiwilligen und professionellen Helfer, die bei beiden Tragödien sofort gehandelt und ihr Leben riskiert hätten, "sollten uns alle hier inspirieren, unser Leben nach den gleichen Standards zu leben."
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cis
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