Obama in Saudi-Arabien Frostiger Empfang im Wüstenland

US-Präsident Obama muss beim Besuch in Riad den saudischen Herrscher Salman besänftigen. Das Verhältnis der alten Verbündeten ist schwierig geworden: Das Königshaus fühlt sich im Stich gelassen.

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Eine Geste der Versöhnung soll es sein oder zumindest ein Beschwichtigungsversuch: Barack Obama besucht heute, wohl zum letzten Mal als amtierender US-Präsident, das Königreich Saudi-Arabien . Offiziell will er mit König Salman über den Kampf gegen den Terror beraten, über den "Islamischen Staat" und das Erstarken von al-Qaida im Jemen . Es ist der Auftakt einer sechstägigen Reise, die den US-Präsidenten auch nach London führen wird, wo ein Lunch mit der Queen auf dem Programm steht, und nach Hannover zu einem Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin.

Aber nun kommt erst der unangenehme Teil der Reise - der US-Präsident besucht einen wichtigen Verbündeten, zu dem das Verhältnis spürbar angespannt ist. Einen Tag vor der Reise hatte Obama sich zum großen Ärger Riads dafür ausgesprochen, bisher geheime Dokumente zu veröffentlichen, in denen es um mögliche saudische Verstrickungen bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geht. Auf die Frage, ob die Saudi-Araber "Freunde" seien, hatte Obama in einem Interview mit dem US-Magazin "The Atlantic" neulich geantwortet: "Es ist kompliziert."

Wie sehr Obama die Saudi-Araber verärgert hat, wurde heute deutlich. Er wurde bei seiner Ankunft ausgesprochen kühl empfangen. König Salman erwartete den US-Präsidenten entgegen der Gepflogenheiten nicht am Flughafen, zur Begrüßung erschien nur der Gouverneur von Riad mit einer kleinen Delegation. Im staatlichen Fernsehen wurden keine Livebilder von der Landung gezeigt.

Dabei ist Obamas kritische Haltung zu Saudi-Arabien nicht neu. Schon 2002, in einer Rede in Chicago, verriet er, wie er über das Königreich am Golf denkt. Gerade mal ein Jahr war damals seit den Terroranschlägen von 9/11 vergangen, die Invasion der Amerikaner im Irak stand noch bevor. Obama, damals ein aufstrebender Lokalpolitiker im Senat von Illinois, war gegen diesen Krieg, er bezeichnete ihn als "dumm": "Sie wollen einen Kampf, Präsident Bush ?", rief er. "Lassen Sie uns dafür kämpfen, dass unsere sogenannten Verbündeten im Nahen Osten - die Saudis und die Ägypter - damit aufhören, ihr eigenes Volk zu unterdrücken, abweichende Meinungen zu verhindern und Korruption und Ungleichheit zu tolerieren."

Mit welchen Gefühlen die autokratischen Herrscher Saudi-Arabiens daraufhin den Triumphzug des jungen Senators bis ins Weiße Haus verfolgten, kann man sich ausmalen. Und ihre Befürchtungen haben sich zu einem großen Teil bewahrheitet: Unter Präsident Obama haben sich die USA von ihrem traditionell wichtigsten arabischen Verbündeten distanziert.

Das Nuklearabkommen mit Iran , das Obama zu seinen wichtigsten außenpolitischen Erfolgen zählt, verleiht ausgerechnet Saudi-Arabiens Erzfeind in der Region neuen Auftrieb. Obamas ansonsten aber zaghafte Politik in einem von blutigen Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten zerrütteten Nahen Osten, etwa in Syrien, lässt die Saudis um ihre eigene Sicherheit fürchten. Sie sehen ihre Vorherrschaft in der Region von einem aggressiv expandierenden Iran bedroht.

Washingtons und Riads gemeinsame strategische Interessen

Der historische Pakt zwischen den beiden Staaten scheint für Obama nicht mehr uneingeschränkt zu gelten. Besiegelt hatten ihn, am Valentinstag des Jahres 1945, US-Präsident Franklin D. Roosevelt und Abd al-Aziz ibn Saud, der Gründer des Königreichs. Der Deal ging so: Die USA unterstützen Saudi-Arabien mit militärischen Mitteln - dafür erhalten sie reichlich Öl.

Doch die Entfremdung zwischen den beiden Staaten liegt nur zum Teil an Obamas kritischem Blick auf den langjährigen Verbündeten. Eine Rolle spielt auch, dass die USA nicht mehr im gleichen Maß auf das Öl der Saudis angewiesen sind - weil sie in den vergangenen Jahren einen Öl- und Gasboom im eigenen Land erlebt haben.

Hinzu kommt: Mit dem Verfall des Ölpreises kollabiert das saudi-arabische Geschäftsmodell. Allzu lange hat man sich dort auf sprudelnde Gewinne aus sprudelnden Ölquellen verlassen. Nun schrumpfen die Einnahmen, und das Königreich sieht sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten gezwungen, Schulden zu machen. Auch deshalb, weil es militärisch aufrüstet und neuerdings auf eigene Faust eine aggressive Außenpolitik verfolgt, etwa mit dem Krieg im Jemen - der hat bisher hohe Kosten und viele zivile Opfer verursacht. Die USA waren über den Alleingang der Regierung in Riad verärgert. Das erklärte Ziel, die schiitischen Huthi-Rebellen zu besiegen, haben die saudischen Truppen aber nicht erreicht.

Trotz allem: Saudi-Arabien und die USA werden sich auf absehbare Zeit "nicht scheiden lassen", so formulierte es kürzlich der amerikanische Nahostexperte Bruce Riedel , der als Sicherheitsberater für vier US-Präsidenten arbeitete. Denn Washington und Riad haben immer noch gemeinsame strategische Interessen. Und sie sind nach wie vor aufeinander angewiesen. Das lässt sich am besten mit einer schlichten Zahl illustrieren: Unter Barack Obama, der so zweifelnd und zaudernd auf den Nahen Osten blickt, verkauften die USA den Saudis Waffen im Wert von 95 Milliarden Dollar.


Zusammengefasst: US-Präsident Barack Obama hat sich in seiner Amtszeit deutlich von Amerikas traditionellem Verbündeten Saudi-Arabien distanziert - in Riad wurde er deshalb heute betont kühl empfangen. Trotz der Differenzen sind die beiden Staaten weiterhin aufeinander angewiesen.



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