Brisante Biografie über Obama Barack'n'Roll

In den USA sorgt eine neue, teils schmutzige Biografie über Barack Obama für Aufsehen. Es geht um Sex und Drogen und darum, dass der Ex-Präsident schon früh als Karrierist galt, der Freundinnen nach Aufstiegschancen aussuchte.

The White House / Pete Souza

Von , Washington


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Barack Obama ist wieder zurück in den Schlagzeilen. Am Wochenende hielt der Ex-Präsident eine Rede in Boston, in der er die Amerikaner zu mehr Einmischung aufrief. Auch die Pläne für seine Bibliothek in Chicago hat er inzwischen umrissen. Kurzum: Von Rente kann keine Rede sein. Obama hat auch ohne Amt politisch einiges vor.

Am diesem Dienstag erscheint zudem eine neue Biografie über den 55-Jährigen, und man würde eigentlich vermuten, ein solches Buch hätte es schwer am Markt. So ganz unbekannt ist der Herr ja nicht, etliche Werke widmen sich bereits Leben und Amtszeit Obamas. Aber die Biografie "Rising Star" ist keine ganz gewöhnliche. Neun Jahre lang hat der Autor, der Historiker David J. Garrow, an dem Werk gearbeitet. Er hat mehr als tausend Zeitzeugen für sein Werk interviewt, Briefwechsel ausgewertet, unveröffentlichte Manuskripte verarbeitet und, natürlich, mit Obama selbst gesprochen.

Seit Tagen sorgt das Buch mit seinen 1460 Seiten für Diskussionen, was vor allem daran liegt, dass Garrow pikante Details aus Obamas Jugend und Studentenzeit beschreibt. Der Demokrat soll vor seiner Ehe mit Michelle ein ausschweifendes Sexleben geführt haben.

Sehr zur Freude großer Boulevardblätter beschreibt Garrow mit Zitaten damaliger Liebhaberinnen einzelne Nächte sowie die Vorlieben und Beischlafqualitäten des Demokraten. Teilweise sei es beim Sex derart laut geworden, dass Nachbarn fliehen mussten, um "überhaupt reden zu können", heißt es. Andere Frauen beschreiben ihn als im Bett "nicht sehr kreativ". Seitensprüngen soll Obama ebenso wenig abgeneigt gewesen sein wie dem Drogenkonsum. Letzteres wusste man schon.

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Der junge Barack Obama: Yes he can!

Obama nervte Kommilitonen

Reizvoll ist das Buch aber in Wahrheit deshalb, weil es mal eine kritische Erzählung von Obamas Aufstieg vorlegt und den Ex-Präsidenten weniger als netten Graswurzelaktivisten porträtiert, der sich von Geburt an dem Gemeinwohl verpflichtet sah, denn als berechnenden Karrieristen, der nur auf sei Fortkommen bedacht war, sein Umfeld mit seinem Ego mitunter schwer nervte und seine Biografie für seinen beruflichen Erfolg schon mal ein Stück weit färbte.

Garrow, der 1987 für eine Biografie über Martin Luther King den Pulitzer-Preis gewann, beschreibt, wie Obamas Kommilitonen in Harvard einen "Obamameter" einführten, um die Extravaganz von Redebeiträgen zu bewerten. Er findet Freunde, die erzählen, welch geringe Rolle seine Mutter in seiner Kindheit spielte - anders als Obama das häufig beschreibt. Er zitiert eine Ex-Freundin mit den Worten, Obama habe schon im Studium ungeheure Angst gehabt, "den Status zu verlieren und seinen Ruf zu beschädigen". Und er zeigt auf, wie der Demokrat plötzlich die Bibel entdeckte, als er für den Senat kandidierte.

Kern des Buches ist die umstrittene These, Obama habe berufliche Stationen sowie Partnerschaften danach ausgesucht, wie sehr sie ihm politisch nutzten. Die Präsidentschaft, so Garrow, habe Obama als regelrechte "Berufung" empfunden. Die Schlüsselperson, auf die er diese Erzählung stützt, ist die Anthropologin Sheila Jager, eine von Obamas ersten Freundinnen in Chicago. Die Beziehung der beiden war bislang nicht bekannt, Garrow stieß im Rahmen seiner Recherchen auf Jager, die heute an einer Uni in Ohio ostasiatische Geschichte lehrt. Der Autor interviewte sie ausführlich für das Buch.

Jager, die dänische und japanische Wurzeln hat, beschreibt Obama als Mann, der "tief in sich die Sehnsucht trägt, geliebt und bewundert zu werden". Zwei Mal habe Obama in den Achtzigerjahren um ihre Hand angehalten, zwei Mal habe sie abgelehnt. Die Beziehung sei deshalb zu Bruch gegangen, weil sich Obama zu Beginn des Jahres 1987 stark verändert habe. "Er wurde plötzlich sehr ambitioniert", so Jager. Sie erinnere sich genau daran, dass er schon damals offen "mit der Präsidentschaft liebäugelte".

Das an sich ist wenig überraschend, schon andere Präsidenten haben teils sehr früh vom Weißen Haus geträumt. Aber Jager legt nahe, dass der damalige Jurastudent sich aus Kalkül heraus von ihr gelöst haben könnte. Obama habe in dieser Zeit seine schwarze Identität als Treibkraft seines politischen Aufstiegs entdeckt. Die Frage von "Rasse und Identität" sei entscheidend gewesen für seinen Entschluss, eine politische Laufbahn anzustreben.

Trennung aus Kalkül?

Auch Autor Garrow glaubt, dass der damalige Jurastudent die Beziehung gezielt opferte, weil er vermutete, eine Partnerschaft zu einer weißen Frau könne in Chicago ein Hindernis darstellen. "Wenn ich mit einer weißen Frau zusammen bin, habe ich hier kein Ansehen", soll Obama einem Freund des Pärchens zufolge in der Zeit rund um die Trennung gesagt haben. Obama habe sich mit Jager wohlgefühlt, schreibt Garrow, "aber er fühlte sich auch gefangen zwischen der Frau, die er liebt und der Berufung, die er für sich sah". Einen Skandal sieht Garrow darin nicht. Andere schwarze Politiker in Illinois seien in ähnlichen Konflikten gewesen wie Obama, schreibt Garrow. Er erwähnt das Beispiel der Senatorin Carol Moseley Braun, die einst betont habe, dass die Ehe mit einem Weißen "die politischen Optionen beschränken" könne.

All das scheint nicht so recht zum gängigen Saubermann-Image des Ex-Präsidenten zu passen. Garrows Schilderungen von Obamas Super-Ego mögen stellenweise überzeichnet und die Details ein wenig arg schmutzig sein, und es ist kaum überraschend, dass das Buch auf seinen 1460 Seiten gewaltige Längen hat. Einige Kritiker, wie die prominente Literaturexpertin der "New York Times" Michiko Kakutani, glauben, Jager habe sich aus enttäuschter Liebe von Garrow instrumentalisieren lassen.

Aber ohne Frage handelt es sich bei "Rising Star" um eine beachtliche Rechercheleistung. Und in einer Zeit, in der sich die kollektive Erinnerung an Obama und seine Präsidentschaft erst noch formt, gibt das Buch den interessanten Anreiz, noch einmal genau zu schauen, was an Obama echt war - und was Inszenierung.


Zusammengefasst: Am Dienstag erscheint eine neue Biografie über Barack Obama, schon vorab sorgt sie für Schlagzeilen. Sie handelt von pikanten Details aus seiner Jugend und Studentenzeit - wie etwa ein ausschweifendes Sexleben und Drogenkonsum - sowie seinem großen Ego. Im Kern geht es jedoch darum, wie Obama Partnerschaften angeblich danach aussuchte, wie sie im politisch nützlich sein würden. Das Werk ist umstritten, zumindest sorgt es dafür, dass das Saubermann-Image des 44. US-Präsidenten hinterfragt wird.

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
tmhamacher1 09.05.2017
1. Wie soll man sonst Präsident werden?
Eine ganz überraschende Erkenntnis des Buches: Wer US-Präsident werden will, muss beizeiten seine Karriere planen! Wer hätte das gedacht!
pr8kerl 09.05.2017
2. Obama kann nichts anhaben
Ich war gestern in Mailand und habe die Obama-Fahrzeugkolonne vor dem Dom gesehen. Hunderte Zuschauer drängten sich, um einen Blick auf Obama zu erhaschen. Dieser Mann hat Charme wie einst Bill Clinton. Der musste nur Saxophon spielen und man hat ihm alles verziehen. Bei Obama scheint es genauso zu sein. Und wenn man den Chaoten und Trumpel im Weißen Haus so anschaut weiß man, dass Obama nichts anhaben kann. Er wird immer noch als Popstar vergöttert werden, trotz vieler Fehler.
vossikow 09.05.2017
3. Er hat also
Zwei Mal um ihre Hand angehalten. Sie lehnte ab. Dass er sie dann verließ, soll aber nur an Karrieregeilheit liegen? Eine weiße Frau als Hindernis? Wie soll das mit den zwei Anträgen zusammen passen?
spontanistin 09.05.2017
4.
Was anderes als Defizite im Selbstbewusstsein treiben jemanden dazu, aus primär innerem Antrieb die "Führerschaft" anzustreben? Bei religiösen Zeitgenossen kann allenfalls eine göttliche Offenbarung diesen Ausspruch getriggert haben. Beides aus psychologischer Sicht bezeichnend. Sollte nicht jemand eher von denen, die seine Kompetenzen kennen, zur Leadership gedrängt werden? Aber leider werden immer wieder mit den medial verstärkten Manipulationstechniken psychisch defizitäre Menschen zum Heilsbringer/Messias hochgepuscht.
UlrichLamprecht 09.05.2017
5. Inszenierung?
Was betreibt Trump? Bei Herrn Obama hatte man zumindest gelegentlich den Eindruck, dass Herzblut sein Handeln steuert. Ob unsere zukünftigen Politgrößen heute Ihre Sexualität so recht unter Kontrolle haben und damit rechnen dass sie in einem Buch geschildert werden wird?
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