Von Sebastian Fischer, Washington
Barack Obama steht wieder vor dem Stuhl, auf dem er vor einem Jahr saß und von dem er auf die beiden Flachbildschirme an der Wand gegenüber starrte. Hier, im sogenannten Situation Room im Westflügel des Weißen Hauses, verfolgte er am Nachmittag des 1. Mai 2011 mit seinen wichtigsten Ministern und Sicherheitsberatern per Satellitenverbindung das letzte Kapitel der Jagd auf Osama Bin Laden: die Erschießung des amerikanischen Erzfeindes.
Es sei der "wichtigste Tag" seiner Präsidentschaft gewesen, sagt Obama. Und die Zeit, die das US-Spezialkommando brauchte, um Bin Laden in dem Haus im pakistanischen Abbottabad aufzuspüren und zu töten, "das waren die längsten 40 Minuten meines Lebens".
Als Obama den toten Bin Laden sah
Es ist ein besonderes Interview mit Einblicken in die Geschehnisse eines besonderen Tages, das da am Mittwochabend in Amerika ausgestrahlt worden ist. Erstmals ist dem Kamerateam eines TV-Senders Zugang zum Situation Room gegeben worden, dem mit modernster Technik geschützten Lagezentrum der Regierungszentrale in Washington. John F. Kennedy hat ihn 1961 einrichten lassen, damit dort alle relevanten Informationen für den Präsidenten zusammenfließen. Weichen musste dafür die von Vorgänger Harry S. Truman installierte Bowlingbahn.
Obama nun führt NBC-Mann Brian Williams in die knapp 500 Quadratmeter große, vor wenigen Jahren komplett renovierte Geheimwelt. Und lässt die Ereignisse jener Mai-Nacht vor einem Jahr Revue passieren.
Was er gedacht habe, als die Navy Seals die ersten Bilder des toten, in den Kopf geschossenen Top-Terroristen übermittelten? Triumph? Obama zögert lange mit seiner Antwort. Sicherlich falsch sei die Vorstellung, dass man sich im Situation Room gegenseitig abgeklatscht habe, sagt er dann. "Du hast da das Bild eines leblosen Körpers - und unabhängig davon, wer das ist: Es geht um einen Toten, da bist du besonnen." Aber fürs Land und das amerikanische Volk, für die Familien der Anschlagsopfer vom 11. September, sagt Obama, sei dieser Moment sicherlich eine Genugtuung gewesen.
Außer Obama befragt Reporter Williams auch all jene, die damals mitentschieden. Darunter Außenministerin Hillary Clinton, Vizepräsident Joe Biden, der damalige CIA-Chef und heutige Verteidigungsminister Leon Panetta oder Ex-Generalstabschef Mike Mullen.
Clinton erinnert sich an die live aus Abbottabad übertragenen Bilder: "Wir konnten sehen, wie unsere Leute vorwärts gehen." Das sei "ein intensives Erlebnis für uns alle" gewesen, weil es in Echtzeit geschah - "bis wir die Video-Verbindung verloren, als sie in das Haus gingen." Man habe gewartet, sagt Obama, auf das Codewort "Geronimo". Das stand für Osama Bin Laden. "Dann hörten wir 'Geronimo KIA'", erinnert sich der Präsident. KIA - das steht für "killed in action", im Kampf getötet. Nach mehr als zehn Jahren Suche hatten sie Bin Laden tatsächlich gefunden.
"Da muss man Politik beiseite lassen"
Es war ja keineswegs sicher, dass der Qaida-Chef sich in Abbottabad aufhielt. "Unsere Schätzung war fifty-fifty", sagt Obama. Sein Sicherheitsteam war deshalb gespalten: Sollte man jetzt zuschlagen? Oder lieber noch warten? Luftschlag oder Spezialkommando? Oder doch ein Drohnenangriff?
Vizepräsident Biden war fürs Warten. Heute applaudiert er Obama für dessen einsame Entscheidung, doch zuzuschlagen: "Es ist einer dieser seltenen Momente, wenn du einen Menschen beobachtest, der alles wagt", so Biden im NBC-Interview mit Blick auf Obama: "Er riskierte alles. Nicht nur die Leben dieser unglaublichen Navy Seals. Er wusste auch, dass er einen sehr, sehr hohen Preis hätte zahlen müssen, wenn er sich in Sachen Bin Laden getäuscht hätte." Biden meint: das politische Ende. Obama selbst bemerkt: "Es gibt Momente in einer Präsidentschaft, da muss man Politik beiseite lassen."
Am Ende war es ein Triumph für Barack Obama. Aus keiner Aktion seiner Amtszeit konnte er ein solches politisches Kapital schlagen wie aus der erfolgreichen Jagd auf Bin Laden, an der seine beiden Vorgänger - Bill Clinton und George W. Bush - gescheitert waren.
Wohlinszeniert war der erste Jahrestag der Abbottabad-Aktion: Per Wahlkampf-Video ließ Obama anzweifeln, ob sein Republikaner-Rivale Mitt Romney wohl genauso entschlossen gehandelt hätte; am Dienstag flog der Präsident überraschend nach Afghanistan und hielt von dort eine Rede an die Nation, in der er den kriegsmüden Amerikanern "Licht am Horizont" in Aussicht stellte; und nun das exklusive Interview.
Kritik an Obama
Zu viel des Guten? Übertreibt Obama? Ausgerechnet im insgesamt einstündigen NBC-Film warnt der frühere Generalstabschef Mullen vor politischer Instrumentalisierung des Schlags gegen den Todfeind. "Ich sorge mich, weil nun mal Wahlkampfsaison ist", sagt der Admiral. "Das Letzte, was jene wollen, die damals ihr Leben riskierten, ist eine Verwicklung in diese Dinge. Ich hoffe, dass dies nicht geschieht."
Geht es nach den Republikanern, hat Obama diese Linie schon überschritten. In der "Washington Post" meldete sich Jose Rodriguez Jr. zu Wort, unter Präsident George W. Bush einer der höchsten CIA-Beamten. Rodriguez meint, Obama erwecke den Eindruck, er habe die Anti-Terror-Taktik geändert, sich ganz und gar auf al-Qaida konzentriert und nur deshalb Bin Laden aufspüren können.
In Wahrheit aber hätte dessen Regierung gar nicht erst die Chance gehabt, den Abbottabad-Befehl zu geben, "wenn da nicht die außerordentliche Vorarbeit unter der Bush-Administration gewesen wäre". Rodriguez spielt auf die damals von der CIA angewendeten und später von Obama gestoppten Foltermethoden an, die überhaupt erst auf die Spur Bin Ladens geführt hätten.
So ist der tote Top-Terrorist längst im US-Wahlkampf angekommen. Und wird dort auch die nächsten sieben Monate noch eine große Rolle spielen. Nur in einem sind sich Republikaner und Demokraten wohl einig: Dass es richtig war, Osama Bin Laden nicht entkommen zu lassen.
Man habe ein Signal ausgesendet, sagt Obama-Vize Joe Biden am Ende des NBC-Films: "Wenn du Amerika attackierst, dann werden wir dir bis zu den Toren der Hölle folgen."
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