Erster Besuch eines US-Präsidenten Obamas heikle Hiroshima-Mission

71 Jahre nach der Bombardierung besucht Barack Obama Hiroshima - ein Auftritt von gewaltiger Symbolik. Der US-Präsident will seine Vision einer Welt ohne Atomwaffen erneuern. Dabei ist sie längst gescheitert.

AFP

Von und , Washington und Tokio


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Barack Obama ist schon ein paar Tage unterwegs. Und wer die Asienreise des amerikanischen Präsidenten bisher nur am Rande verfolgte, konnte den Eindruck bekommen, es handele sich um ein eher lockeres Unterfangen. In Hanoi dinierte der Präsident in einem kleinen Straßenrestaurant mit dem US-Fernsehkoch Anthony Bourdain. Man saß auf Plastikstühlen, es gab Nudeln, gegrilltes Schwein und Bier. Die Fotos des Treffens schafften es in viele Nachrichten.

Die Anekdote überdeckt den ernsten Hintergrund der Obama-Reise nach Fernost. Es geht um Krieg und Frieden, um Schuld und Sühne. In Vietnam verkündete Obama das Ende des US-Waffenembargos, was noch ein eher technischer Akt war. Aber am Freitag - 71 Jahre nach dem amerikanischen Atombombenabwurf - besucht er als erster amtierender US-Präsident die japanische Stadt Hiroshima. Ein Auftritt von gewaltiger Symbolik. Es ist nicht nur eine Geste an Japan, sondern eine an die ganze Welt.

Aber der Besuch ist kompliziert. Politisch, weil er offenlegen könnte, wie festgefahren die globale, nukleare Abrüstungsdebatte ist. Und historisch, weil er Wunden heilen soll, aber in Asien und daheim in den USA auch neue aufreißt. Veteranen haben Obama vorgeworfen, mit seiner Reise nach Hiroshima vor den Japanern auf die Knie zu fallen. Die Republikaner sehen den Besuch als weiteren Beleg dafür, wie sehr sich der Präsident um die Seele anderer Nationen kümmert und wie wenig um die der eigenen Nation. Um eine heftige Debatte zu verhindern, hat Obama im Vorfeld streuen lassen, in seiner Rede nicht um "Entschuldigung" zu bitten.

Obamas gescheiterte Vision

Entsprechend gering sind die Erwartungen auf Seiten des Gastgebers. Obamas Botschaft wird inzwischen akzeptiert in Japan, einer Nation, die sich wegen Hiroshima und Nagasaki gerne mehr als Opfer des Zweiten Weltkriegs wahrnimmt denn als Verursacher. Dem nationalistischen Premier Shinzo Abe kommt der Ansatz des Gastes sogar gelegen. Eine förmliche Entschuldigung würde auf ihn womöglich den Druck erhöhen, auch Pearl Harbor zu besuchen, den US-Flottenstützpunkt auf Hawaii, den Japan 1941 angriff und so den Krieg im Pazifik begann.

Obama, so heißt es, wolle Hiroshima als Bühne nutzen, um in die Zukunft zu blicken. Man darf annehmen, dass er dabei an seine Prager Rede von 2009 anknüpfen wird, in der er eine "Welt ohne Atomwaffen" beschwor - jene Vision, die dazu beitrug, dass er kurz darauf mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Doch die Hoffnungen, die er damals weckte, sind längst verflogen. Gerade Asien ist von einer Welt ohne Atomwaffen so weit entfernt wie nie zuvor. Nach den Atommächten China, Indien, Pakistan und Nordkorea liebäugeln selbst Japan und Südkorea mit dem Gedanken, nuklear aufzurüsten.

Dass es so weit gekommen ist, hat Obama mit zu verantworten. Der Besuch am Freitag wirft auch ein Schlaglicht auf seinen gescheiterten Nordkorea-Kurs. Weitgehend tatenlos sah der US-Präsident zu, wie der Kommunisten-Staat zur jüngsten Atommacht aufstieg. Statt - wie seine Vorgänger Bill Clinton und George W. Bush - Gespräche mit Pjöngjang zu führen, trieb Obama es durch immer schärfere Sanktionen noch tiefer in die Isolation. Damit handelte er völlig anders als im Falle Irans, dessen Atomkurs er mit einem Abkommen bremste.

Trump sorgt in Fernost für Entsetzen

Inzwischen verfügt das Kim-Regime nach Schätzungen von Experten über sechs bis acht nukleare Sprengköpfe. Diktator Kim behauptet, mit seinen Raketen die USA angreifen zu können. Übertrieben oder nicht: In Japan und Südkorea sät Kim damit Zweifel, ob die US-Verbündeten sich noch auf den Schutzschirm der westlichen Supermacht verlassen können. Besonders in Seoul denken Teile der Regierung offen darüber nach, nuklear aufzurüsten. Und Tokio hält sich ohnehin die inoffizielle Option offen, eigene Atomwaffen zu bauen.

Für zusätzliches Misstrauen sorgt bei den asiatischen Verbündeten die Frage, wer Obama folgt. Mit großem Befremden nimmt man in der Region die Äußerungen von Donald Trump zur Kenntnis. Er habe nichts dagegen, wenn Japan und Südkorea sich eigene nukleare Arsenale zulegten, sagte der Republikaner kürzlich der "New York Times". Die Botschaft: Hauptsache wir müssen die anderen nicht mehr schützen.

Besonders in Tokio löste Trump mit seinem Ansatz Entsetzen aus: "Die japanisch-amerikanische Allianz ist ein Eckstein der japanischen Außenpolitik", mahnte Premier Abe. Er klang, als wolle er sich selbst Mut machen. Denn eigentlich hatte Trump nur ausgesprochen, was den Partnern auch unter Obama zunehmend Sorge bereitet. Washington scheint vor allem mit sich selbst beschäftigt, in Ostasien verliert es zunehmend an Einfluss.

Obamas geplanter Auftritt in Hiroshima wirkt daher wie ein vorgezogener Abschied. Mutige Initiativen - etwa ein Gesprächsangebot an Nordkorea - sind von ihm kaum zu erwarten. Zwar gibt es einen US-Politiker, der sich dieser Tage bereit erklärt hat, mit Diktator Kim zu verhandeln. Nur ist es leider einer, von dem die asiatischen Verbündeten der USA nicht hoffen, dass er jemals wirkliche Macht erhält: Trump.


Zusammengefasst: US-Präsident Barack Obama reist nach Hiroshima. Es ist ein schwieriger Besuch. Er ist als Geste an die japanische Regierung gedacht, aber entschuldigen will sich Obama für den Atombombenabwurf vor 71 Jahren nicht. Der Präsident will an seine Vision einer Welt ohne Nuklearwaffen erinnern. Aber sein Auftritt könnte auch offenlegen, wie verfahren die Pläne für eine nukleare Abrüstung auf der Welt sind: In Asien ist ein wahrer Aufrüstungswettlauf zu beobachten.

insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 26.05.2016
1. Hiroshima und der Vietnam-Krieg
haben mein negatives Bild von den USA geprägt. Es hat sich nicht gebessert.
brotherandrew 26.05.2016
2. Das ist ...
Zitat von Pfaffenwinkelhaben mein negatives Bild von den USA geprägt. Es hat sich nicht gebessert.
... zumindest einseitig. Die USA haben uns zusammen mit den Allierten von Hitler befreit und den Westen Deutschlands vor der Übernahme durch die SU bewahrt. Ausserdem hat Bush sen. tatkräftig die Wiedervereinigung mit ermöglicht. Schon vergessen? Oder ist es Ihnen nichts wert? Die USA sind keinesfalls fehlerfrei, keineswegs nur altruistisch, sie sind ein schwieriger und bisweilen auch ein fremder Freund. Aber lieber diesen Freund als Russland oder China.
UluKay 26.05.2016
3. Entschuldigung
Meiner Meinung nach wäre eine Entschuldigung für den ersten Einsatz einer Atombombe auf der Welt sehr wohl angebracht. Wieviele unschuldige Zivilisten sind dabei gestorben ?
rotegruetzetralala 26.05.2016
4. ein kniefall
wäre ein zeichen der stärke amerikas, keines der schwäche!
spontanistin 26.05.2016
5. Verantwortung?
Seltsames Verständnis von Verantwortung. Jeder Erwachsene und jeder Staat ist für seine Handlungen selbst verantwortlich. Auch dafür, ob er sich zu Taten provozieren läßt oder nicht! Es wird spannend werden, welche Machtstrukturen sich zukünftig im vom kapitalistisch-ausbeuterischen Wirtschaften geprägten "globalen Dorf" dann einstellen Auf lange Sicht wird der größte Clan dominieren - das Gehirn arbeitet halt weiterhin archaisch!
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