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Zehn Kubaner über den US-Präsidenten: "Wer besucht uns? Obama?"

Aus Havanna berichtet

Kommen mit Barack Obama auch neue Freiheiten? Wird Kuba jetzt vom Kapitalismus überrannt? Hier erzählen zehn Menschen aus Havanna, was sie vom Besuch des US-Präsidenten halten.

Mehr als fünf Jahrzehnte standen sich Kuba und die USA in offener Feindschaft gegenüber. Jetzt soll alles anders werden, der Besuch von Barack Obama in Havanna soll ein neues Zeitalter im kubanisch-amerikanischen Verhältnis begründen. "Historisch" nennt der US-Präsident die Gespräche mit der Castro-Führung.

Aber was sagen eigentlich die Kubaner zu der Visite? Und was halten sie von der Annäherung zu dem einstigen Erzfeind? Die Sichtweisen sind sehr unterschiedlich. Die einen hoffen auf einen Schub für die Modernisierung ihres Landes. Die anderen fürchten um die kommunistische Identität. Hier schildern zehn Kubaner, was sie von dem Besuch aus Washington halten:

Julian, Musiker: "Es ist toll, dass der US-Präsident uns besucht. Nur weil jetzt ein paar Amerikaner kommen, werden wir ja nicht gleich kapitalistisch. Es wird eine Mischung geben zwischen deren Modell und unserem Modell, da bin ich mir ganz sicher."

Claudia, Studentin: "Ich freue mich, dass Obama Kuba besucht. Ich habe zwar keine Ahnung, wie unser Verhältnis zu den USA künftig wirklich werden wird. Aber beide Länder müssen sich ändern und einander annähern. Gerade bei uns muss sich etwas tun. Wirtschaftlich ist es einfach eine Katastrophe."

Roberto, Rentner: "Kuba ist nicht kapitalistisch, sondern sozialistisch, und an diesem System halten wir fest. Vor der Revolution hatten wir keinerlei Rechte, es gab keine Ärzte, keine Erziehung. Unsere Väter verdienten nicht genug, um uns auf die Schule zu schicken und uns eine Schuluniform zu kaufen. Heute ist das alles anders."

Alejandro, Privatier: "Wer besucht uns? Obama?"

Joel, Student: "Ich liebe Kuba. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich würde es nie verlassen. Aber gerade wir Jüngeren haben unsere Bedürfnisse. Wir brauchen Freiheit, wir brauchen Auswahlmöglichkeiten, wir brauchen Chancen. Ich hoffe, dass Obamas Besuch den Wandel in unserem Land vorantreibt. Ich will gar nicht die Castros loswerden. Aber ich will auch nicht, dass wir so weitermachen, als lebten wir in den Sechzigerjahren."

Carlos, Ingenieur: "Ich habe die große Hoffnung, dass sich jetzt etwas ändert bei uns. Es geht einfach zu langsam voran. Ich habe lange in Deutschland gelebt und weiß daher, wie es in anderen Ländern zugeht. Und jetzt kommt auch noch das Internet, und immer mehr Leute haben Zugang zu Informationen. Man kann das meiner Ansicht nach gar nicht richtig aufhalten."

Sonia, Studentin: "Es ist so cool, dass Obama zu uns kommt. Ich wette, alle Frauen werden sich auf ihn stürzen. Ich bin nicht so politisch. Aber ich glaube, dass der Sozialismus nur für ganz wenige gut funktioniert und für den großen Teil der Kubaner überhaupt nicht. Wir sollten nicht gleich so werden wie die USA. Aber ein bisschen mehr Dynamik in der Wirtschaft wäre schon nicht schlecht."

Pablo, Ex-Wachmann: "Ich mag die USA überhaupt nicht. Warum ich dann das T-Shirt trage? Ich will Herrn Obama ja trotzdem willkommen heißen. Aber Kuba bleibt Kuba. Das hoffe ich sehr."

Pedro, Touristenführer: "Ich freue mich sehr, dass wir uns endlich den USA annähern. Ich lebe von Touristen! Je mehr, desto besser. Mir sind alle recht: Deutsche, Chinesen und natürlich auch Amerikaner. Neulich habe ich meinen ersten Ami mit dem Auto durch die Stadt gefahren. War sehr nett!"

Paola (mit Enrique), Erzieherin: "Ich bin da ganz deutlich: Der Sozialismus hat ausgedient. Wie viele Staaten bezeichnen sich noch als sozialistisch? Drei, vier? Da brauchen wir doch gar nicht weitermachen. Natürlich haben wir gute Ärzte, gute Kunst und gute Bildung. Aber es fehlt eben auch an vielem. Die USA können uns ruhig ein bisschen helfen, finde ich. Da ist doch gar nichts Schlimmes dabei."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ein Glück, dass wenigstens
redbayer 21.03.2016
den meisten Kubaner es am A.. vorbei geht, wenn ein Obama ins Land kommt. Nur die verrückten Deutschen finden es eine Sensation und freuen sich, wenn ihr Oberchef der Untersekretärin Merkel mal ein anderes Land besucht, um ein paar Sprüche zu klopfen. Für ihn ist Kuba wie jede andere Karibik-Insel samt Latein Amerika "Hinterhof der USA", den man hin und wieder ausmisten muss.
2. Armes Cuba ...
wadlap 21.03.2016
... das Problem ist ja nicht der Obama-Besuch und auch nicht die Zeiten, wo man meinte, Hinterhöfe ausmisten zu müssen ... Das Problem ist die Uninformiertheit der Leute. Wenn ich die zehn Statements hier lese,so stelle ich fest: Die Alten, die als Kinder noch Hunger und Not der normalen Bevölkerung im Spielkasino Batista kannten, halten an den Errungenschaften des Sozialismus á la Castro fest, ohne jemals über eine Weiterentwicklung nachgedacht zu haben. Es ist ja alles besser als vor 70 Jahren. Und die Jungen, denen dieser Sozialismus wahrscheinlich mit Sch...hausparolen wie in unserem "besseren" deutschen Staat beigebracht wurde, wollen davon im Grunde nichts mehr wissen, weil sie ihn mit Mangelwirtschaft gleichsetzen und ein "besseres" Leben wollen. Bestenfalls sagen sie wie hier, "ich bin eigentlich nicht politisch ...". Eine Perspektive sieht zumindest zur Zeit offensichtlich niemand und darf bisher wohl auch nicht öffentlich diskutiert werden. Mal sehen, was wird. Venceremos, adelante comandante
3. Die sollen sich bloß in Acht nehmen!
boje6 21.03.2016
Kader-Kadaver und Apparatschiks haben ja bisher jede Menge Bremswirkung aufgebracht, wenn es darum ging, innovative Kräfte an einem Sozialismus-Modell schrauben zu lassen, das auch mal zu Wohlstand führt. Moderne EDV gäbe einer Planwirtschaft endlich mal die Mittel in die Hand, vernünftig funktionieren zu können. Solange da nicht Mickeysoft das Sagen hat. Das gesamtkapitalistische Modell der USA allerdings wird Kuba mitnichten zur Selbstverwirklichung verhelfen. Wäre echt schade um die. Obama wird aber wohl kaum etwas anderes zu bieten haben. Daher: Händeschütteln, paar Zigarren einpfeifen, ordentlich Rum zechen und gut is...
4. Angesichts der ersten Beiträge hier...
hal5000 21.03.2016
... muss ich feststellen: Glücklicherweise sind die Kubaner offensichtlich nicht so verbohrt, griesgrämig, pessimistisch, ängstlich, dogmatisch und jeglichen Wandel ablehnend wie wir Deutschen. Sie sehen die Möglichkeiten, die sich bei dieser Annäherung auch für sie selbst ergeben und begreifen, bei aller kritischen Betrachtung, auch die Chance auf ein wirtschaftlich und(!) gesellschaftlich besseres Leben. In der Ausgestaltung dieser gewandelten Beziehung beider Länder zueinander haben die Kubaner selbst ja schließlich viele Trümpfe selbst in der Hand.
5. Peinlich
Bueckstueck 21.03.2016
Zitat von redbayerden meisten Kubaner es am A.. vorbei geht, wenn ein Obama ins Land kommt. Nur die verrückten Deutschen finden es eine Sensation und freuen sich, wenn ihr Oberchef der Untersekretärin Merkel mal ein anderes Land besucht, um ein paar Sprüche zu klopfen. Für ihn ist Kuba wie jede andere Karibik-Insel samt Latein Amerika "Hinterhof der USA", den man hin und wieder ausmisten muss.
Du bist also der erste, der mal wieder nicht über den Titel hinaus gelesen hat und somit kreuzfalsch mit seinem Ami-Bashing liegt. Zum Glück interessiert das die Kubaner wirklich nicht was du denkst.
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